Offensive auf Mossul: Eine Million Zivilisten könnten zwischen die Fronten geraten

17. Oktober 2016, 20:31
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Großoffensive auf irakische IS-Hochburg Mossul begonnen – Erste IS-Verteidigungsstellungen zerstört – Rückeroberung könnte Wochen dauern – UN-Flüchtlingshilfswerk rechnet mit großer Fluchtbewegung

Bagdad – Die irakische Armee kommt bei der geplanten Rückeroberung der Millionenstadt Mossul nach US-Einschätzung schneller voran als geplant. Die Streitkräfte hätten am Montag zudem ihre Ziele erreicht, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Washington.

Beteiligte kurdische Peschmerga-Kämpfer nahmen nach eigenen Angaben rund 40 Kilometer östlich der Stadt sieben Dörfer ein. Irakische Sicherheitskräfte hatten zuvor im Schutze der Nacht nach monatelangen Vorbereitungen die großangelegte Militäroperation begonnen.

Sie soll die Großstadt von der Terrormiliz "Islamischer Staat" befreien. Sollte das tatsächlich gelingen, wären die Extremisten im Irak militärisch weitgehend besiegt. Die US-Regierung sprach von einem entscheidenden Moment im Kampf gegen den IS. Hilfsorganisationen sehen durch die Offensive jedoch mehr als eine Millionen Zivilisten in Gefahr und fordern sichere Fluchtwege.

Helfer sehen Zivilisten in Gefahr

"Wir befürchten, dass die humanitären Konsequenzen dieser Operation massiv sein werden", sagte der Direktor der Hilfsorganisationen Norwegian Refugee Council (NRC) im Irak, Wolfgang Gressmann, am Montag. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) rechnet mit bis zu einer Million Flüchtlinge aus Mossul, von denen bis zu 700.000 humanitäre Hilfe benötigen könnten.

Die Einrichtung von sicheren Fluchtrouten für Zivilisten muss nach Ansicht von Gressmann Priorität haben. Ansonsten hätten diese nur die Wahl, ob sie zurückbleiben und durch Angriffe bedroht werden oder ob sie ihr Leben auf der Flucht riskieren. Nach Einschätzung des NRC könnten allein in den ersten Tagen bis zu 200.000 Menschen fliehen. Hilfsorganisationen hatten vor Beginn der Offensive geklagt, es seien nicht genug Lager errichtet worden, um die Vertriebenen versorgen zu können.

UNHCR rechnet damit, dass bis zu 100.000 Flüchtlinge durch die Offensive nach Syrien und in die Türkei fliehen werden. Es appellierte an die internationale Gemeinschaft, für die dadurch notwendig werdenden Hilfsmaßnahmen zusätzlich 61 Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen. Das Geld werde für Zelte, Flüchtlingslager, Wintersachen und Öfen benötigt. In Syrien würden Vorbereitungen getroffen, bis zu 90.000 Menschen unterzubringen. Auch die Türkei erklärte sich bereit, Hunderttausende Flüchtlinge aus Mossul aufzunehmen.

Mehrere Wochen

Unterstützt werden die Streitkräfte von einer US-geführten Koalition. Es wurde angekündigt, dass rund 30.000 Soldaten sowie Angehörige der Peschmerga und sunnitischer Milizen an der Offensive teilnehmen, um die 4.000 bis 8.000 IS-Kämpfer aus Mossul zu vertreiben. In einer ersten Stellungnahme erklärte die Armee, mehrere Verteidigungslinien des IS seien zerstört worden.

Die Offensive könnte zur größten militärischen Operation im Irak seit der US-Invasion zum Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 werden. Sie werde möglicherweise mehrere Wochen dauern, erklärte der Kommandeur der von den USA angeführten Koalition, Generalleutnant Stephen Townsend.

Während die irakische Armee von Süden aus Mossul angreift, übernehmen die kurdischen Peschmerga die Front im Osten. "Die Zeit des Sieges ist gekommen, und die Operationen zur Befreiung von Mossul haben begonnen", sagte der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi in der Nacht auf Montag im Fernsehen. "Heute erkläre ich den Beginn dieser siegreichen Operation, um euch von der Gewalt und dem Terror von Daesh zu befreien." Daesh ist die arabische Bezeichnung für die IS-Miliz.

Streit mit der Türkei

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat auf eine Teilnahme von Truppen seines Landes bestanden. Die Türkei hat gegen den Willen der irakischen Regierung in Bashika nahe Mossul Soldaten stationiert. Sie bilden dort Peschmerga und sunnitische Milizen aus. Der Irak fordert den Abzug der türkischen Soldaten. Erdogan betonte am Montag erneut: "Niemand soll von uns erwarten, dass wir Bashika verlassen."

Die Jihadisten hatten Mossul im Sommer 2014 in einer Blitzoffensive erobert, ohne dass die irakische Armee nennenswerten Widerstand leistete. Später erklärte IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi von Mossul aus die Errichtung seines Kalifats.

Der Einsatz zur Rückeroberung wird die bisher größte Militäroperation gegen die Jihadisten im Irak. Neben der irakischen Armee sind auch kurdische Milizen beteiligt. Über die Einbeziehung schiitischer Truppen hatte es immer wieder Diskussionen gegeben, es wurden Revancheakte und fehlende Akzeptanz unter der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung Mossuls befürchtet. Ob sie an der nun begonnenen Offensive teilnehmen, war vorerst unklar.

Unterstützung der US-Koalition

Wie schon bei früheren Offensiven sollen die Truppen der USA und verbündeter westlicher und arabischer Staaten den Angriff der Armee aus der Luft unterstützen. Der US-Sondergesandte für die Anti-IS-Koalition, Brett McGurk, drückte auf Twitter seine Unterstützung für die irakische Armee, kurdische Kämpfer und Bataillone christlicher Freiwilliger aus.

Zuletzt hatte es eine heftige Kontroverse zwischen Ankara und Bagdad um die Beteiligung der türkischen Armee an der Operation gegeben. Während die Türkei die Einbindung ihrer Streitkräfte forderte, lehnte Bagdad das ab. Das irakische Parlament verurteilte Anfang Oktober die Präsenz türkischer Truppen im kurdischen Autonomiegebiet, wo sie im Militärlager Bashika sunnitische Milizen für den Einsatz zur Rückeroberung Mossuls ausbilden, und forderte ihren Abzug.

Der IS stand in den vergangenen Wochen unter immer stärkerem Druck. Erst am Wochenende haben syrische Rebellen mit Unterstützung der türkischen Armee die Eroberung der Stadt Dabiq im Norden Syriens vermeldet. Diese hat für den IS große symbolische und ideologische Bedeutung.

Wirtschaftsmetropole

Mossul liegt rund 400 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bagdad. Neben großen Erdölraffinerien ist dort auch die Textilverarbeitung von Bedeutung. Schon in seiner frühen Geschichte war Mossul auf der Handelsroute zwischen Indien, Persien und dem Mittelmeer bekannt für Lederprodukte und feine Baumwollstoffe – der Stoff Musselin ist nach Mossul benannt. Mossul ist ein Zentrum sunnitischer Araber, war aber immer auch Heimat anderer Ethnien und Konfessionen wie Christen, Kurden, Turkmenen und Jesiden.

Mossul wird seit Jahren von Gewalt und Terror erschüttert. Nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 flohen zahlreiche Anhänger des gestürzten Regimes nach Mossul. Viele von ihnen verbündeten sich später mit dem IS, um gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad zu kämpfen. Wie in anderen eroberten Regionen vernichteten die Extremisten auch in Mossul dutzende historische Denkmäler. Im städtischen Museum wurden jahrtausendealte Statuen aus assyrischer Zeit zerstört. (APA, red, 17.10.2016)

  • Die kurdischen Peschmerga-Milizen bereiten sich in der Nacht auf Montag auf die Offensive Mossuls vor ...
    foto: reuters/lashkari

    Die kurdischen Peschmerga-Milizen bereiten sich in der Nacht auf Montag auf die Offensive Mossuls vor ...

  • ... und macht sich in den frühen Morgenstunden auf den Weg.
    foto: ap/bram janssen

    ... und macht sich in den frühen Morgenstunden auf den Weg.

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  • Brennende Ölquellen nahe Mossul. Neben großen Erdölraffinerien ist dort auch die Textilverarbeitung von wirtschaftlicher Bedeutung.
    foto: afp/al-rubaye

    Brennende Ölquellen nahe Mossul. Neben großen Erdölraffinerien ist dort auch die Textilverarbeitung von wirtschaftlicher Bedeutung.

  • Ministerpräsident Haider al-Abadi erklärte im Fernsehen: "Ich kündige heute den Beginn des heldenhaften Einsatzes an, der Euch vom Terror und der Unterdrückung des Daesh befreit."
    foto: reuters/iraqi prime minister office

    Ministerpräsident Haider al-Abadi erklärte im Fernsehen: "Ich kündige heute den Beginn des heldenhaften Einsatzes an, der Euch vom Terror und der Unterdrückung des Daesh befreit."

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