Philippinen: Woran Umsiedlungen von Slumbewohnern scheitern

17. Oktober 2016, 06:00
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Überflutungen und Hangrutsche gefährdet viele Elendsviertel Manilas. Umsiedlungsprojekte ins Hinterland sind gescheitert

Manila – Die Philippinerin Evelyn Abayon kann sich noch genau an die schlimmsten Stunden ihres Lebens erinnern: Vor sieben Jahren tobte der Taifun Ondoy über der philippinischen Hauptstadt Manila. Hunderte Menschen kamen um, unzählige Familien verloren ihr Hab und Gut. So wie Evelyn Abayon. Ihre Bambushütte stand in einem der vielen Slums der Metropole. Das Wohnen am Rande eines Flusses war wegen der Überflutungsgefahr zwar offiziell verboten, aber wie Millionen Arme konnte sich Abayon keine andere Unterkunft leisten.

Der Taifun schwemmte das Elendsviertel weg, viele Nachbarn starben in den Fluten. "Meine zwei Kinder und ich haben Gott sei Dank überlebt – aber von unserer Hütte war nichts übrig. Wir haben damals alles verloren, was wir besaßen", erinnert sich die alleinerziehende Mutter. Monate verbringt sie mit ihren Kindern in völlig überfüllten Evakuierungszentren. Dann wird ihr mitgeteilt, dass sie umgesiedelt werde.

"Fühlten uns abgeschoben"

"Gefragt worden bin ich nicht", sagt die Philippinerin, "ich wusste nur, dass wir ein sicheres Haus weit weg vom Wasser bekommen würden. Aber dann hat die Fahrt drei Stunden über schlechte Straßen gedauert. Als wir ankamen, gab es nur die Häuser, sonst nichts. Keinen Strom, kein Wasser, keine Schule, keine Jobs. Wir fühlten uns so abgeschoben. Wie sollten wir hier ein neues Leben aufbauen?"

Mehrere Tausend Menschen wurden in die Southville 8a genannte Siedlung gebracht, die wenigsten sind geblieben. Nur 38 Prozent der ursprünglichen Bewohner leben noch dort, der Rest ist zurückgezogen in andere Elendsgebiete Manilas.

Folgen des Klimawandels

Southville 8a ist ein Paradebeispiel für das Scheitern der sogenannten Off-City-Umsiedlung, mit der Länder wie die Philippinen versuchen, Lebensraum für Millionen Slumbewohner zu schaffen, die in von Überflutungen oder Bergrutschen gefährdeten Gebieten hausen. Die Herausforderung ist riesig, die Zeit drängt: Der Klimawandel bedroht den tropischen Archipel massiv. Weltweit ist nur die Pazifikinsel Vanuatu stärker von Folgen des Klimawandels wie zunehmenden Naturkatastrophen und steigenden Meerespegeln betroffen.

Leni Robredo, seit Juni 2016 Vizepräsidentin der Philippinen, ist sich der dramatischen Problematik bewusst. Seit gut drei Monaten leitet sie die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnungswesen. "Es ist eine sehr schwierige Aufgabe, und wir sind nicht gut vorbereitet", sagt sie.

Alternativen für Hunderttausende gesucht

Es fehle an zuverlässigen Daten und einem Masterplan. "Wir wissen nicht genau, wie viele illegale Siedler in Gefahrengebieten leben. Klar ist nur: Wir müssen Hunderttausende umsiedeln. Und deren neue Bleibe soll nicht außerhalb der Stadt sein. Die Off-City-Ansiedlungen früherer Regierungen sind gescheitert."

Doch wo kann man in einer 13-Millionen-Metropole wie Manila günstigen Lebensraum finden? "Das ist schwierig, aber nicht unmöglich", sagt Robredo. Land ließe sich finden – nur mangle es an Geld. Mehr als ein Prozent des Gesamthaushaltes hat ihre Behörde nie erhalten. "Ich erwarte auch nicht mehr für die nächsten Jahre – eher weniger", sagt sie: ein Hinweis darauf, dass sich Robredo nicht viel von Rodrigo Duterte, dem neuen Präsidenten des Landes, verspricht. In der Tat interessiert den Hardliner Klimapolitik nicht. Das sei etwas für reiche Länder, glaubt der 71-Jährige.

Sozialbau als Alternative

Trotz der Einschränkungen gibt es in Manila gelungene Ansiedlungsprojekte: Bernard Belmonte hofft, bald in einen fünfstöckigen Sozialbau einziehen zu können. Die Baustelle hat er täglich vor Augen, sie liegt gegenüber einem Elendsviertel, in dem tausende Familien hausen. Dort lebt Belmonte seit 30 Jahren, aus dem nahen Überlaufkanal schwappt bei jedem Regen braunes Wasser in das Gewirr der Wellblechhütten.

Als die Stadt die Umsiedlung anbot, war der fünffache Vater begeistert. Und einer der wenigen, die Glück hatten: In den Bauten ist nur Platz für einen Bruchteil der illegalen Siedler. Zwei Häuser sind bereits fertig. Die Wohnungen, in denen sechs oder mehr Menschen leben, sind nur wenige Quadratmeter groß. Belmonte ist dennoch froh: "Größer sind unsere alten Hütten auch nicht."

Tausende flohen vor Taifun

Vor allem die häufiger und stärker werdenden Tropenstürme sind für die Bewohner der Philippinen eine tödliche Gefahr. Am Sonntag traf Taifun Sarika auf der Hauptinsel Luzon, auf der sich auch Manila befindet, auf das Land. 12.500 Menschen flohen vor dem Wirbelsturm, über mögliche Opfer wurden zunächst keine Angaben gemacht. Am Samstag sorgten von Sarika ausgelöste Erdrutsche und Überschwemmungen auf einer abgelegenen Insel für mindestens ein Todesopfer, drei Menschen wurden vermisst. (Hilja Müller aus Manila, 16.10.2016)

  • Ein Slum in Navotas City nördlich von Manila: Slumbewohner auf den Philippinen sind von Folgen des Klimawandels wie zunehmenden Naturkatastrophen und dem steigenden Meeresspiegel besonders betroffen.
    foto: epa / diego azubel

    Ein Slum in Navotas City nördlich von Manila: Slumbewohner auf den Philippinen sind von Folgen des Klimawandels wie zunehmenden Naturkatastrophen und dem steigenden Meeresspiegel besonders betroffen.

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