Wo ein David Zwilling ist, ist ein Weg

Porträt17. Oktober 2016, 10:12
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Der Abfahrtsweltmeister ist als Pilger ein Unternehmer. Er ging zu Fuß von Arbing nach Bethlehem, glaubt an das Gute, hat eine Vision

Wien – Anfang Oktober 2016. Manchmal fügt es sich. "Morgen bin ich eh in Wien", sagt David Zwilling. "Treffen wir uns doch im Landtmann." Das Ringstraßencafé ist Zwillings Zweigstelle in der Hauptstadt. Die Kellner begrüßen ihn namentlich, er bekommt sofort einen Tisch, "Reserviert"-Taferln in Wiener Kaffeehäusern sind eine relative Größe. Zwilling ist direkt aus Nickelsdorf gekommen, wo er mit dem Bürgermeister sprach. In Nickelsdorf im Burgenland steht eine zwei Meter hohe "Leitsternpyramide" , in Nickelsdorf findet am 23. Oktober eine "Kleeblattwanderung" statt. Beides, Pyramide und Wanderung, sind Zwilling-Initiativen. Doch dazu später.

Ursprünglich kommt Zwilling (67) nicht aus Nickelsdorf, sondern aus Abtenau. Er ist der bekannteste Sohn der Salzburger Marktgemeinde, die auch eine sehr bekannte Tochter hat: Alexandra Meissnitzer, zweimalige Weltmeisterin (1999), dreimalige Olympia-Medaillengewinnerin, einmalige Gesamtweltcupsiegerin. Der Sohn hat nicht gar so viel wie die Tochter gewonnen. Im Jänner 1969 debütierte Zwilling im Weltcup, sechs Jahre später hörte er auf. Dazwischen lagen zwei Weltcupsiege im Riesenslalom (Aare 1971, Madonna 1972), weitere sechs Podestplätze und ein zweiter Gesamtweltcupplatz 1972/73, als Gustav Thöni um exakt 15 Punkte mehr sammelte, sowie zwei siebente Olympia-Plätze 1972 (Sapporo). Dazwischen lag aber vor allem eine Weltmeisterschaft in St. Moritz.

Sein Tag, seine Piste

Februar 1974. Selten hat es sich so gefügt. Zwilling war Fixstarter und Medaillenanwärter in der Kombination, doch gleich zum Auftakt im Riesenslalom wurde er disqualifiziert. Die Diskussion darüber, ob's ein Einfädler war oder nicht, ist so müßig wie jene über das Wembley-Tor. "Es hat so sollen sein", sagt David Zwilling. Für die Abfahrt hatte er sich zu qualifizieren, im Training lag er eine Sekunde voran, das gab ihm Selbstvertrauen. Der 9. Februar sollte sein Tag, die Piste (Piz Nair) seine Piste sein.

Zwilling legte die 3.210 Meter mit 26 Toren in 1:56,98 Sekunden zurück, er lag 1,03 Sekunden vor Franz Klammer, dem Zweiten, und 1,18 Sekunden vor dem drittplatzierten Liechtensteiner Willi Frommelt. Seit Zwilling ist kein Abfahrtsweltmeister mit einem derart großen Vorsprung angekommen. Am Tag nach seinem Triumph holte er im Slalom noch WM-Silber ab. Nur Thöni war schneller in einem ausfallträchtigen Rennen, in dem neben Hansi Hinterseer auch Frommelt, Heini Hemmi, Piero Gros, Fausto Radici, Christian Neureuther und Ingemar Stenmark auf der Strecke geblieben waren.

Toni Sailer war für Zwilling das große Vorbild, ihm eiferte er nach. Der Vater, der ebenfalls David hieß, "ein sportbegeisterter Mensch" und mit einer Tischlerei beruflich erfolgreich, stellte den Kindern die ersten Ski selbst her. David junior wuchs mit zwei Brüdern, einer Schwester und einem Großcousin auf. "Beim ersten Schnee haben wir schon die Piste getreten. Ich war ein Kind mit einem Traum." Schon bei den Schülern stellten sich die ersten Ski-Erfolge ein, über die Jugend und die Junioren ging's in den Nationalkader. Gleich im ersten Weltcuprennen, im Riesenslalom in Adelboden, schaute im Jänner 1969 der neunte Platz heraus.

Wasser und Fügung

Die Olympischen Spiele 1976 in Innsbruck hätte Zwilling "gerne noch bestritten", er sei aber "nicht mehr fokussiert genug" gewesen, eine Verletzung kam noch dazu. Von Ausgesorgthaben konnte keine Rede sein, er musste und wollte ins Berufsleben umsteigen. Zwilling hat vieles aufgebaut, zunächst eine Beleuchtungsfirma mit 85 Mitarbeitern. Mitte der 80er dann das David-Zwilling-Resort, einen Beherbergungsbetrieb mit Seminarhotel, Restaurant, 15 Chalets und einem Campingplatz. Zwilling spekulierte damit, dass ein Wasserkraftwerk gebaut und sein Resort einmal direkt am Stausee liegen würde.

Das Kraftwerk und der Stausee kamen nicht, das Wasser kam – zu Zwillings Leidwesen – aber schon. 2002 wurde das Resort überflutet, es entstanden Schäden in siebenstelliger Höhe. 2013 das nächste Hochwasser. In Abtenau sagen sie, dass die Lammer, so heißt der Fluss, ein Jammer ist. Sollte sie ein drittes Mal über die Ufer treten, ist Zwilling vom Lammerjammer aber persönlich nicht mehr betroffen, zwischenzeitlich hatte er das Resort verpachtet, mittlerweile hat er es verkauft.

Mai 2010. Mehr Fügung geht gar nicht. Zwilling, der gemeinsam mit Wolfgang Hackl und dem ehemaligen Skisprungtrainer Baldur Preiml des Öfteren Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung ("Die Reise zum Selbst") abgehalten hat, lernte auf einem dieser Events zwei oberösterreichische Verkehrspolizisten kennen, Johannes Aschauer und Otto Klär. Sie berichteten von ihrem Plan, von Oberösterreich nach Bethlehem zu gehen. "Euch schickt der liebe Gott", sagte Zwilling. "Wenn ihr mich mitnehmt, gehe ich mit." Im Jahr zuvor hatte der gläubige Salzburger gemeinsam mit der Pfarre Gars am Kamp eine Reise nach Israel unternommen, seither dachte er über "verbindende Elemente" und einen Weg nach Jerusalem nach. Nun lag der Weg vor ihm.

"Die Nora ist weg"

Aschauer und Klär, zwei Jakobsweg-erprobte Pilger, nahmen Zwilling mit. Ihm blieb wenig Zeit zu regeln, was zu regeln war – Testament, Visa et cetera. Zwei Wochen vor dem geplanten Aufbruch läutete das Telefon, Zwillings Sohn Mike war dran, die Stimme klang panisch. "Die Nora ist weg." Nora, Davids Enkeltochter, war in einem Einkaufszentrum entführt worden, eine Frau hatte das Maxi-Cosi mit dem Baby einfach mitgenommen, als sich Noras Mutter mit dem zweijährigen Sohn in einer Umkleidekabine befunden hatte.

"Vorher hatte ich Zweifel", sagt Zwilling. "Aber in dem Moment habe ich gewusst, dass ich wirklich nach Jerusalem gehen werde. Entweder in der Bitte oder im Dank." Sechs Stunden später war klar, dass Zwilling "im Dank" gehen würde. Die Entführerin, eine 32-jährige Tirolerin, wie sich herausstellen sollte, hatte Nora vor einem Supermarkt in Bayern abgestellt. Riesige Erleichterung. Es sei dann "ein lockeres Gehen geworden", sagt Zwilling.

24. Juni 2010, Arbing bei Perg. Aschauer, Klär und Zwilling brechen auf. Ein lockeres Gehen? Vor den drei Pilgern liegen mehr als 4.500 Kilometer. Zu Weihnachten wollen sie in Bethlehem sein. Der Weg führt von Österreich über Ungarn, Serbien, den Kosovo, Mazedonien, Griechenland, die Türkei, Syrien und Jordanien nach Israel. Ungefähr dreißig Kilometer täglich wird marschiert, ab und zu, meistens am Sonntag, wird geruht. Natürlich gibt es unterwegs nicht nur geografische Höhen und Tiefen, sondern auch zwischenmenschliche. Die positiven Erlebnisse überwiegen. Die drei Österreicher können sich den Menschen, die ihnen begegnen, oft nur mit Händen und Füßen verständlich machen. "Meistens reicht ein Lächeln oder ein Blick in die Augen", sagt Zwilling.

Der Jerusalemweg ist natürlich schon immer da gewesen. Doch seit Aschauer, Klär und Zwilling zu Weihnachten 2010 ihr Ziel erreicht haben, heißt er auch so. Aschauer hat über die Wallfahrt ein Buch herausgebracht, es wurde bei einer Audienz dem Heiligen Vater Benedikt XVI. überreicht. Aschauer, Klär und Zwilling halten regelmäßig Vorträge, es gibt einen ordentlichen Internetauftritt und eine Facebook-Seite. Ein Reisebüro veranstaltet abschnittsweise geführte Märsche.

Die Leitsternpyramide

David Zwilling hat eine Vision, er hat sie "Good World Company" getauft. "Ich träume von einer besseren, gerechteren Welt", sagt er. "Und ich habe ein klares Konzept." Damit beschäftigt er sich seit beinahe zwanzig Jahren, der Jerusalemweg hat sich eingefügt. Im Zentrum stehen "Leitsternpyramiden", die wiederum für zwölf Werte stehen: Familie, Freiheit, Gerechtigkeit, Glaube, Hoffnung, Toleranz, Zusammenarbeit, soziale Einstellung, Verantwortung, Friede, Respekt, Ehrlichkeit. In Großgmain liegt Zwillings "Stern der Liebe", ein Steinteppich. "Dieser Stern strahlt in die Welt." Für Zwilling führen alle Wege nach Jerusalem. "Kleeblattwege" münden in "Leitsternwege", die in den Jerusalemweg münden. Zwilling: "Der Jerusalemweg als Friedensweg verbindet Religionen, Regionen und Völker."

Oktober 2016. David Zwilling sitzt im Landtmann, seine Augen leuchten, der Mann brennt für seine Sache. Ob er aber nicht verzweifeln muss, wenn er etwa nach Syrien blickt? Dort ist, nur wenige Monate nachdem Aschauer, Klär und Zwilling durchgepilgert waren, der Krieg ausgebrochen. Es ist nicht so, dass Zwilling seine Augen verschließt. "Natürlich sehe ich, dass vieles nicht funktioniert, wie es funktionieren sollte, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Religion."

Aber Zwilling wäre nicht Zwilling, würden nicht sein Glaube und seine Überzeugung die Skepsis überwiegen. "Es gibt auf der Welt auch sehr viele positive Entwicklungen." Alles wird sich fügen. (Fritz Neumann, 17.10.2016)

  • Der 9. Februar 1974 war der Tag von David Zwilling. In St. Moritz hängte er Franz Klammer, den Zweiten, um 1,03 Sekunden ab. Seither siegte kein Abfahrtsweltmeister so souverän.
    foto: votava

    Der 9. Februar 1974 war der Tag von David Zwilling. In St. Moritz hängte er Franz Klammer, den Zweiten, um 1,03 Sekunden ab. Seither siegte kein Abfahrtsweltmeister so souverän.

  • Oktober 2016 in Wien. Zwilling träumt von einer besseren Welt.
    foto: neumann

    Oktober 2016 in Wien. Zwilling träumt von einer besseren Welt.

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