Kern in Kanzlerfrage weit vor Strache, aber SPÖ hinkt FPÖ nach

16. Oktober 2016, 18:14
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Die Grünen feiern den 30. Jahrestag ihres Einzugs in den Nationalrat – aber in aktuellen Umfragen kommen sie nicht vom Fleck, da dominieren Rot und Blau

Linz – Könnte der Bundeskanzler direkt gewählt werden, dann hätte Amtsinhaber Christian Kern mit 42 Prozent der Stimmen fast doppelt so viele Wähler hinter sich wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Da der Bundeskanzler aber nicht direkt gewählt wird, muss man die Parteidaten betrachten – und da sieht es für Kerns SPÖ weit weniger gut aus.

Stärkste Partei bei einer Neuwahl würde wohl die FPÖ: Die aktuelle Market-Hochrechnung für den STANDARD billigt ihr 32 Prozent zu, Unique Research (in einer Umfrage für Profil) sogar 34 Prozent. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache liegt in der Kanzlerfrage bei 22 Prozent. Die ÖVP legt vom schwachen Umfragewert im Sommer (18 Prozent) auf immer noch magere 21 Prozent zu – Parteichef Reinhold Mitterlehner wollen nur neun Prozent als Kanzler sehen. Nach wie vor relativ stark mit sieben Prozent (nach 4,96 bei der Wahl 2013) sind die Neos.

Und die Grünen, die am Montag (leicht vorverlegt) den 30. Jahrestag ihres Parlamentseinzugs feiern, kommen nicht über zwölf Prozent hinaus.

37 Prozent wollen, dass Grüne mitregieren

In derselben Umfrage wurde auch gefragt, ob die Grünen der nächsten Bundesregierung angehören sollten. Dies wird von 37 Prozent gewünscht, von 41 Prozent aber klar abgelehnt.

Würde am kommenden Sonntag gewählt, würde das den Grünen wenig bringen. Obwohl ihr ehemaliger Chef Alexander Van der Bellen mit großer Zuversicht (und kleinem Budget) in die Wiederholungsrunde der Bundespräsidentenwahl zieht, würden die Grünen bei einer Nationalratswahl wieder etwa so viel wie bei der Wahl im Jahr 2013 bekommen.

39 Prozent haben schon einmal Grüne gewählt

Das geht aus einer Umfrage des Linzer Market-Instituts für den Standard hervor. Dazu wurden vergangene Woche mehr als 400 Wahlberechtigte nicht nur nach ihrer aktuellen Wahlabsicht gefragt, sondern auch: "Wenn Sie an frühere Wahlen zurückdenken – haben Sie da bei einer Wahl zum Gemeinderat, zum Landtag oder zum Nationalrat schon einmal die Grünen gewählt oder noch nicht?"

Darauf sagten 18 Prozent, sie hätten die Grünen schon mehrfach gewählt, weitere 21 Prozent gaben an, zumindest einmal grün gewählt zu haben. Die genauere Analyse der Daten ergibt, dass unter den Menschen über 50 Jahren (die also beim ersten erfolgreichen Antreten der Grünen 1986 schon mehr als 20 Jahre alt waren) deutlich weniger Grün-Wähler vertreten sind als in anderen Bevölkerungsgruppen. Und von den Befragten mit höherer Bildung hat eine Mehrheit von 56 Prozent zumindest einmal die Grünen gewählt – bei den Befragten mit einfacher Bildung gaben das nur 29 Prozent zu Protokoll.

Dabei ergibt das Parteiprofil, das der STANDARD zum runden Geburtstag der Grünen erstellen hat lassen, ein durchaus positives Bild: Sechs von zehn Befragten schließen sich der Aussage an, dass das österreichische Parteienspektrum ohne die Grünen unvollständig wäre. Nur die FPÖ-Wähler glauben mit großer Mehrheit, dass die Grünen keinem abgehen würden. Und in den ländlichen Gebieten ist jeder Zweite unsicher, ob die Grünen im Parteiensystem nötig sind.

Irreales Bild der FP-Wähler

Auch dass die Grünen für Anstand in der Politik stünden, ist in den Anhängerschaften aller Parteien mehrheitsfähig (besonders bei roten und grünen Wählern), nur nicht bei den Anhängern der Freiheitlichen. Die gegenteilige Behauptung, dass nämlich Grün-Politiker vielfach in Skandale verwickelt gewesen wären, wird mit breiter Mehrheit (und, wie Archivrecherchen ergeben: mit Recht) zurückgewiesen – von den deklarierten FPÖ-Wählern unterstellt aber jeder Vierte den Grünen Verwicklungen in Skandale.

Dasselbe Muster auch bei der Annahme, dass eine grüne Regierungsbeteiligung Österreichs Ansehen schaden könnte – das glauben mehrheitlich nur die Wähler der Freiheitlichen.

Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob die Grünen geeignet sind, in eine Bundesregierung einzuziehen, wie es immerhin 37 Prozent der Befragten (neben Grün-Wählern vor allem Anhänger von SPÖ und Neos) wünschen: Immerhin 41 Prozent meinen, die Grünen hätten sich in den Landesregierungen bewährt, 24 Prozent trauen ihnen viele ministrable Persönlichkeiten zu.

Glawischnig in Kanzlerfrage weit hinten

Als Kanzlerin wollen aber nur sechs Prozent Eva Glawischnig sehen – zu ihrer besten Zeit, im Sommer 2014, waren es dagegen 20 Prozent. Einen von seinen Vorgängern seit Wolfgang Schüssel unerreichten Wert in der – theoretischen – Kanzler-Direktwahlfrage erreicht dagegen Christian Kern.

42 Prozent würden SP-Chef Kern wählen, wenn man den Bundeskanzler direkt bestimmen könnte. Besonders hoch ist die Zustimmung zu Kern unter älteren Befragten, unter Angehörigen der höchsten Bildungsschicht und bei den Bewohnern von Landeshauptstädten und von Wien.

Die hohen Werte des Parteichefs und Bundeskanzlers nutzen seiner Partei allerdings wenig: Hochgerechnet kommt die SPÖ nach wie vor bloß auf 25 Prozent; sie liegt damit unter ihrem Nationalratswahlergebnis. (Conrad Seidl, 16.10.2016)

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