Intolerant, das sind die anderen!

Kommentar der anderen16. Oktober 2016, 18:07
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Burka und Burkini, Islam und Österreich: Toleranz an den Tag zu legen bedeutet nicht nur, das Andere, Abweichende auszuhalten, sondern vor allem, sich selbst auszuhalten. Anmerkungen zu Österreichs (In)toleranz

"Toleranz ist schei*e", so der Titel einer Podiumsdiskussion bei einem Festival im Nachbarland. Goethe drückte es nicht ganz so direkt aus, als er bereits im 18. Jahrhundert schrieb: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."

Wie dehnbar der Begriff Toleranz ist, zeigt, dass für die einen Toleranz einer Geringschätzung gleichkommt, für die anderen wiederum die idealste Form des Zusammenlebens ist.

Elastischer Begriff

Toleranz scheint also ein elastischer Begriff zu sein. Duldung, Akzeptanz, Anerkennung und Respekt, aber auch Beleidigung, Indifferenz und Verkennung – all dies soll sich unter Toleranz ausgehen. Wie die Österreicher dazu stehen und vor allem wie dehnbar der Begriff ist, untermauert die "Toleranzumfrage", die vom Mauthausen-Komitee in Auftrag gegeben wurde. Die Studienleiterin von meinungsraum.at, Christina Matzka, attestiert insgesamt eine Verbesserung und zunehmend tolerantere Haltung der Österreicher, vor allem in Bezug auf Behinderung, Geschlecht und Homosexualität. Lediglich beim Islam werde eine Ausnahme gemacht: Dem sei man nicht so tolerant gegenüber. Genauso wenig tolerant zeigt der Österreicher sich in der Einschätzung des Toleranzpotenzials seiner österreichischen Mitbürger.

Zutiefst paradox

So halten sich zwar an die 72 Prozent der Österreicher für überaus tolerant, ihre Mitbürger hingegen seien die Intoleranten (60 Prozent). Zutiefst paradox, wenn das Selbstbild eines der Toleranz zeichnet, bei den anderen wiederum Intoleranz verortet wird. Jean-Paul Sartre sagte dazu treffenderweise: "Die Hölle, das sind die anderen."

Was sagt dies über eine Gesellschaft aus? Die anderen seien die Fremdenfeindlichen, Homophoben, Rassistischen, aber man selbst davor gefeit? Dies deutet darauf hin, dass es an kritischer Selbstreflexion fehlt.

Eine Projektionsfläche

Der andere dient hier vermutlich vielmehr als eine Projektionsfläche. Damit versperrt man sich aber auch die Möglichkeit, an diversen "Baustellen" zu arbeiten, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und vor allem mit dem, was man denn nicht für gut befindet bzw. für nicht tolerabel. Dazu gehört auch die Arbeit an den eigenen blinden Flecken.

Der Philosoph Rainer Forst hält fest, dass man in der Auseinandersetzung mit Phänomenen der Fremdheit zu Beginn mitunter auf eine ablehnende Haltung stößt – nämlich bei sich selbst. Genau dies mag der erste Schritt zum Wege der Toleranz sein. Denn was man gut findet, braucht man auch nicht zu tolerieren. Es braucht eine Abwägung und Gründe, die dafür sprechen, auch wenn man es selbst individuell falsch findet, trotzdem eine Haltung der Toleranz an den Tag zu legen.

Das Dilemma ergibt sich, wenn die Ablehnungsgründe massiv sind und man nicht zu einer tolerierenden Haltung findet. Vor allem dann, wenn die Abneigung in erster Linie auf Vorurteilen basiert, die nicht reflektiert werden. Dann handelt es sich um eine Form der Intoleranz – und genau hier macht Rainer Forst klar, dass wir keine toleranten Rassisten brauchen, sondern ein Ende des Rassismus.

Um dem Rassismus entgegenzuwirken, benötigen wir ein Aufeinanderzugehen und Einanderzuhören. Viel zu schnell werden Lebensweisen, Kleidungsstile, sexuelle oder religiöse Orientierungen, die von den eigenen abweichen, degradiert und wird Intoleranz praktiziert. Toleranz an den Tag zu legen bedeutet nicht nur, das Andere, Abweichende auszuhalten, sondern vor allem, sich selbst auszuhalten.

In einer Gesellschaft, die sich als eine pluralistische versteht und in der Vielfalt als ein vitaler Bestandteil gefeiert wird, wird der Einzelne immer wieder mit unterschiedlichen Lebensformen konfrontiert sein.

Diversität, ...

Erinnern wir uns zurück an die letzten Wochen der intensiven Burka- und Burkiniverbotsdebatte, stellt sich die Frage: Haben wir ein bestimmtes Bild von der Diversität und werden die Grenzen der Diversität bei Musliminnen und Muslimen, die als solche sichtbar sind, gezogen?

... aber welche Vielfalt?

Denn anscheinend gibt es ein bestimmtes, exklusives Bild der Vielfalt. Dann stellt sich die Frage: Welche Art von Vielfalt wollen wir, und von welcher Toleranz sprechen wir? (Amani Abuzahra, 17.10.2016)

Amani Abuzahra (Jahrgang 1983) unterrichtet an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems. Sie schreibt, forscht und referiert zum Thema der hybriden Identität, Islam und Interkulturalität. Ihr Buch "Kulturelle Identität in einer multikulturellen Gesellschaft" erschien im Jahr 2012 im Wiener Passagen-Verlag.

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