"Népszabadság": Schlüsse aus dem Ende einer linksliberalen Zeitung

Kommentar16. Oktober 2016, 18:08
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Es braucht heutzutage also keine direkte Gewalt mehr, um Medien loszuwerden

Diese Zeitung sei nicht mehr interessant, folglich wolle die vor wenigen Tagen "vorübergehend" eingestellte Budapester Tageszeitung Népszabadság "auch niemand" kaufen. Dies sagte deren österreichischer Eigentümer Heinrich Pecina im jüngsten Profil. Das linksliberale Meinungsblatt war mit 40.000 Stück Auflage das größte ungarische auf diesem Sektor. Was liegt daher näher als die Vermutung, dass zumindest die Umgebung des mittlerweile weit rechts stehenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán die Hand im Spiel hat?

Denn erstens sind im Hintergrund, wie bei der freitägigen Pressekonferenz des Vizechefredakteurs von Népszabadság, Marton Gergely, bekanntgegeben, zu viele wirtschaftliche Transaktionen zuungunsten der Zeitung erfolgt.

Zweitens wird Herr Pecina auf die Erlöse des Produkts in der dem gleichen Unternehmen gehörenden Druckerei nicht so leicht verzichten können.

Drittens ist nur schwer zu glauben, dass in einem zunehmend autoritär geführten Land kritische, oppositionelle Printmedien frei agieren können.

So weit, so Ungarn. Man wird sich auch in Österreich daran erinnern müssen, wenn unter einer Neuauflage von Schwarz-Blau (oder einer Halbzeitlösung mit Blau-Schwarz) dereinst der Druck auf kritische Medien erhöht wird. Denn was noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren als eine Wirtschaftsberichterstattung der liberalen Mitte galt, wird heute bereits als "links" attackiert. Aus links wird vielleicht "linksradikal".

Der allgemeine Rechtsruck ist unverkennbar und die Heuchelei ebenfalls. Die Spitzenpolitik attackiert fast täglich die (härtere) Unterdrückung der Medienfreiheit in der Türkei, hat bis Sonntag aber kein Wort der Kritik an den Vorgängen in Budapest gefunden. Schweigen bedeutet nicht selten Zustimmung.

Wenn man vom Bundeskanzler abwärts glauben sollte, man brauche ohnehin nur noch das Fernsehen und die sozialen Medien, dann irrt man sich. Die Hintergrundinformation und die Kommentierung werden immer noch von den Qualitätszeitungen geliefert. Wenn er wirklich etwas Seriöses sagen möchte, geht Kern in die Frankfurter Allgemeine und nicht auf Facebook oder Twitter. Dort bringt die österreichische Nomenklatur allenfalls ihre Gewandläuse unter. Selten mehr.

Es braucht heutzutage also keine direkte Gewalt mehr, um Medien loszuwerden. In Russland stoppt man mit sanftem Druck Inseratenzuflüsse und ersetzt sie durch Gazprom-Anzeigen, für die eine politisch gefügige Berichterstattung und Kommentierung eingefordert wird. Sonst geht eine Zeitung oder eine TV-Anstalt halt pleite.

Im Westen halten seriöse Medien solche ansatzweise bereits üblichen Methoden noch aus. Aber wenn man aus dem Munde Gergelys hört, dass der Schweizer Medienkonzern Ringier und die Deutsche Telekom in Ungarn ebenfalls an der Gleichschaltung von Meinungsmedien mitgewirkt haben, dann ist erhöhte Aufmerksamkeit angebracht.

Mächtige hat immer schon gestört, wenn ihnen auf die Finger geklopft wurde. Ihre Gegenmaßnahmen sind jedoch subtiler als jemals zuvor. (Gerfried Sperl, 16.10.2016)

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