Trotz heiliger Kühe: Indien wird zum Fleischgiganten

16. Oktober 2016, 11:45
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Indien exportiert mehr Rindfleisch als Argentinien, Brasilien und die USA

Neu-Delhi – Die Beschlagnahmungen begannen im September, kurz vor dem muslimischen Opferfest Eid-al Adha. Nahe der indischen Hauptstadt Neu Delhi patrouillierte die Polizei durch den Distrikt Mewat im Bundesstaat Haryana. Ihr Ziel waren Straßenstände, die Biryani anbieten, ein indisches Reisgericht. Der Verdacht: Statt Hühnerfleischs könnten die Händler illegal Kuhfleisch unter den Reis gemischt haben.

In den vergangenen beiden Jahren ist Indiens Verhältnis zum Rind noch widersprüchlicher geworden, als es ohnehin schon war. Einerseits nahmen in dem Land, in dem Kühe für die große Mehrheit der Bevölkerung heilig sind, die Übergriffe auf Verkäufer und Produzenten von Rindfleisch zu.

Selbstjustiz

In den meisten indischen Bundesstaaten ist es verboten, Kühe zu schlachten oder ihr Fleisch zu essen. Doch nicht nur die Polizei verfolgte diese Gesetze zuletzt strenger. Auch die Selbstjustiz gegen vermeintliche Rindfleisch-Sünder nahm deutlich zu.

Trotzdem stieg Indien im Jahr 2014 zum größten Rindfleischexporteur der Welt auf. In weniger als zehn Jahren konnte das Land seinen Export von gut 0,6 Millionen Tonnen auf mehr als 2 Millionen Tonnen mehr als verdreifachen. Rindfleischexporte lösten inzwischen sogar Basmatireis als das Agrarprodukt ab, mit dem das Land den meisten Exportumsatz macht. Und ein Ende dieses Wachstums ist nicht absehbar.

Büffelhorde

Um den Widerspruch zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die indische Landwirtschaft und die internationale Definition von Rindfleisch. Indien ist Heimat der größten Wasserbüffel-Population der Welt.

In seiner aktuellen Schätzung zum Viehbestand aus dem Jahr 2012 geht das Land davon aus, dass rund 109 Millionen Wasserbüffel dort als Nutzvieh leben – mehr als die Hälfte des weltweiten Bestandes. Und in der Exportstatistik wird deren Fleisch ebenfalls unter der Kategorie Rindfleisch geführt. Offiziell exportiert Indien kein einziges Kilo Kuh-, sondern ausschließlich Büffelfleisch.

Abnehmer dafür sind vor allem Länder aus Südasien, Afrika und dem arabischen Raum, wie eine aktuelle Studie der US-Landwirtschaftsbehörde USDA zeigt. In Europa und den USA stehe es vor allem deshalb nicht auf der Speisekarte, weil es als weniger zart gilt und oft den dortigen Vorschriften nicht genügt. Insbesondere im Niedrigpreissegment von Entwicklungsländern sei das indische Fleisch wegen seines relativ geringen Preises aber schon heute kaum zu schlagen.

"Ungenutzte Quelle"

Das Potenzial des Büffelfleisches ist noch lange nicht ausgeschöpft. "Die meisten Wasserbüffel in Indien sind weiblich und werden für ihre Milch gehalten", heißt es in der USDA-Studie. "Die männlichen Wasserbüffel erscheinen als große und größtenteils noch immer ungenutzte Quelle zur Fleischproduktion."

Zwar sei die Weiterverarbeitung und der Export der Tiere in den vergangenen zehn Jahren deutlich professioneller geworden. Immer noch seien aber ein Großteil der Züchter und Verkäufer ländliche Bauern mit sehr wenig Vieh. Entsprechend unberechenbar sei das Angebot, entsprechend stark würde eine Professionalisierung das Angebot verbessern.

Milchmacht

Wie groß das Potenzial noch ist, zeigt auch der zweite Bereich, in dem Indiens Landwirtschaft weltweit führend ist: Die Milchproduktion. Mehr als 150 Millionen Tonnen Milch kommen jedes Jahr aus Indien, mehr als aus jedem anderen Land der Welt.

Selbst die gesamte Europäische Union (EU) produziert zusammen genommen gerade einmal gut zehn Millionen Tonnen mehr. Und die UNO-Ernährungsorganisation FAO schätzt, dass Indien bis 2025 auch die EU noch überholen wird.

Gut die Hälfte der aktuellen indischen Produktion ist Büffelmilch, der Rest stammt von rund 45 Millionen Kühen. Und es gibt auch hier enormes Steigerungspotenzial. Im Durchschnitt gibt eine indische Kuh gut 1.300 Kilogramm Milch pro Jahr. Bei einer deutschen sind es mehr als 7.500.

Hoher Eigenverbrauch

Trotz dieser gewaltigen Zahlen werden europäische Produzenten noch nicht nervös. "Indien wird auch in absehbarer Zeit beim Handel von Milchprodukten eher eine untergeordnete Rolle spielen", sagt Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbands. Durch seinen starken Eigenkonsum verbrauche das Land fast die gesamte Milch, die es produziert. Wie lange das noch so bleibt, sei schwierig abzusehen: "Die indische Milchwirtschaft hat ein großes Potenzial, das sie aber nicht kurzfristig realisieren kann." (APA, 16.10.2016)

  • Mehr als 100 Millionen indische Wasserbüffel gibt es laut offiziellen Schätzungen.
    foto: epa/str

    Mehr als 100 Millionen indische Wasserbüffel gibt es laut offiziellen Schätzungen.

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