Bruegel und Brueghel: Flämische Sprücheklopfer

14. Oktober 2016, 16:20
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Gemalte Sprichwörter waren im 16./17. Jahrhundert eine beliebte Spezialität Pieter Brueghels des Jüngeren. Die Motive lassen sich gegenwärtig nur mehr teilweise entschlüsseln

Vordergründig schilderte Pieter Bruegel d. Ä. in dem 1559 gemalten und historischen Quellen zufolge einst als Verkehrte Welt titulierten Bild das alltägliche Leben und Treiben in einem Dorf. Tatsächlich handelt es sich bei den einzelnen Szenen um die Verbildlichung niederländischer Sinnsprüche und Sprichwörter, von denen zwischenzeitlich mehr als 150 identifiziert worden sein sollen. Das zu Die niederländischen Sprichwörter umbenannte Großformat schmückt die Gemäldegalerie der staatlichen Museen zu Berlin.

Das Werk steht auch repräsentativ für eine Sprichwortbegeisterung, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts einsetzte. Eine Tradition, der auch Bruegels Sohn Pieter Brueghel d. J. folgte, der daraus ein eigenes Sortiment entwickelte: kleinformatige Tondi, die einzeln oder auch als Serie erworben werden konnten. Die Zahl der vom Meister gemalten und signierten blieb eine Minderheit, die Mehrheit schufen Mitarbeiter seiner Werkstatt.

Serien gelten auf dem internationalen Kunstmarkt als Raritäten, öfter tauchen einzelne Tondi auf. Im Oktober 2013 versteigerte das Dorotheum etwa eine Darstellung, die eine Verschwendung an Unwürdige thematisierte und einen reichen Bauern zeigt, der Rosen vor die Säue wirft. Das Kleinformat wechselte für stattliche 268.700 Euro den Besitzer.

Warum Gänse barfuß gehen

Wie schwierig die Entschlüsselung der hintergründigen Bedeutung der ihrem zeitgenössischen Volksmundkontext enthobenen Motive sein kann, belegen zwei bei Hampel Auktionen in München offerierte Darstellungen: 2014 war eine als Der Trinker auf dem Ei titulierte für netto (exkl. Aufgeld) 120.000 Euro versteigert worden. Ob es darum geht, dass nur ein trinkender Narr ein leeres Ei ausbrütet, ist noch unbekannt. Das ebendort nur als Gänsehirt bezeichnete und im Herbst 2015 für netto 70.000 Euro versteigerte Tondo wurde dagegen in der Vergangenheit bereits identifiziert: Demnach geht es um die Frage, warum Gänse barfuß gehen (es wird seinen Grund haben), bzw. lehrt es: "Bin ich zum Gänsehüten nicht berufen, so lass ich Gänse Gänse sein".

Kommende Woche wartet im Dorotheum (18. 10.) ein kürzlich vom Brueghel-Experten Klaus Ertz als authentisches Werk identifiziertes Tondo im Angebot, das einen fetten Bauern zeigt, der neben einem Krämer sitzt. Die Komposition fand über einen Stich des Brueghel-Zeitgenossen Hieronymus Wierix Verbreitung, dem eine Beschriftung hinzugefügt war. Demnach lässt sich der Bauer nicht auf einen für ihn nachteiligen Handel ein. Die ihm angetragenen Artikel spielen wiederum auf die unredlichen Bemühungen des Krämers an, da etwa Netze und Flöten im Niederländischen auch für das "Einfangen eines Käufers" und "Schwindel" stehen.

Dieses Tondo repräsentiert eine weitere Spielart der Werkstatt Pieter Brueghels d. J., die weniger konkrete Redewendungen als moralisierende Botschaften visualisierten. Den Rekord in dieser Kategorie hält der in einen Schweinestall bugsierte Trunkenbold. Sinngemäß solle man solche, die "wie betrunkene Schweine ihre Zeit und ihr Geld im Haus der Venus verschwenden" zu ihren Artgenossen in den Stall stoßen. 2002 versteigerte Christie's (London) die von Vater Pieter 1557 gemalte Urversion für stolze 5,2 Millionen Euro. 2013 brachte es die Variante seines Sohnes in New York auf umgerechnet 599.555 Euro. (Olga Kronsteiner, 15.10.2016)

  • Pieter Brueghel d. J. thematisiert hier die unredlichen  Bemühungen eines Krämers, jedoch lässt sich der Bauer nicht auf den nachteiligen Handel ein.
    foto: dorotheum

    Pieter Brueghel d. J. thematisiert hier die unredlichen Bemühungen eines Krämers, jedoch lässt sich der Bauer nicht auf den nachteiligen Handel ein.

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