Burka – der Stoff, aus dem Unterdrückung ist

Kommentar der anderen14. Oktober 2016, 17:01
447 Postings

Die islamische Vollverschleierung ist kein religiöses, sondern ein politisches Statement. Und als solches muss es in der westlichen Welt auch behandelt werden – ohne verfehlte Toleranz

Als ich zwischen 2002 und 2010 in London lebte, war es ein alltägliches Bild: Ein arabischer Muslim geht die Straße entlang, ein paar Meter hinter ihm folgen drei mit schwarzem Stoff verhüllte Frauen. Selbst die Augen kaum sichtbar hinter kleinen Gefängnisstäben aus Stoff. Die Burka gehört in weiten Teilen Londons zum normalen Straßenbild. Gleich daneben fuhr ein Mädchen in Hotpants, bauchfreiem Top und mit Piercing im Bauchnabel auf Inlineskates vorbei. Parallele Welten auf dem gleichen Straßenabschnitt. Unterschiedlichste, sich widersprechende Identitäten.

Als Mutter einer kleinen Tochter hoffe ich, dass sie in Zukunft nicht ganz so freizügig auf die Straße geht. Doch das wäre mir lieber, als hätte sie einen arabischen Muslim zum Mann. Denn sie wird selbst bestimmen können, wie sie ihr Leben führen will. Die Frauen in der Burka wählen und entscheiden gar nichts. Es wurde für sie entschieden, und zwar seit ihrer Geburt.

In islamischen Gottesstaaten wie dem Iran und Saudi Arabien wird die Frau als würdelos betrachtet. Erst durch die Verhüllung durch eine Burka ist sie der Öffentlichkeit zumutbar. In Saudi Arabien ist es gesetzliche Vorschrift, dass eine Frau einen männlichen Vormund hat. Eine Frau kann ohne die Erlaubnis ihres Vormunds das Land nicht verlassen. Sie ist eine Gefangene. Weigert sie sich verschleiert in die Öffentlichkeit zu gehen, hat sie mit drakonischen Strafen zu rechnen, Toleranz gibt es nicht. Nicht für Frauen.

Hochproblematisch ist es, wenn sich solch fundamental frauenverachtendes Gedankengut in westlichen Demokratien wiederfindet und sich durch die Freiheit und Toleranz, die man hierzulande als selbstverständlich und normal erachtet, widerspruchslos ausgelebt werden kann. Am derzeit vieldiskutierten Burkaverbot entzündet sich das Dilemma der liberalen Gesellschaft exemplarisch. Ist eine freiheitliche Gesellschaft, die die rigorose Intoleranz des fundamentalen Islam toleriert, wirklich liberal? Oder vielleicht doch eher naiv, gleichgültig oder gar selbstzerstörerisch?

Hart erkämpft

Die Gleichheit von Mann und Frau musste in westlichen Industriestaaten hart erkämpft werden und noch heute sind nicht alle Forderungen erfüllt – wenn man zum Beispiel an die Salärgerechtigkeit denkt. Doch seit 1975 ist die Gleichheit von Mann und Frau ein Verfassungsprinzip und somit ein Grundpfeiler unserer liberalen Wertegesellschaft.

Mit den Flüchtlingsströmen wurden auch patriarchale Strukturen importiert, die mit unseren Vorstellungen von Gleichberechtigung nicht kohärent sind. Immer mehr Frauen unter uns leben als subalterne Personen unter der maskulinen Gewalt ihres Vaters oder Ehemannes. Der Anblick einer Burka ist ein Schlag ins Gesicht jedes freiheitsliebenden Menschen, und es ist eine doppelte Zumutung für jede Frau.

Kein Aufschrei nirgends. Im Gegenteil gibt es eine große Ablehnung ausgerechnet von Frauenseite gegen ein Burkaverbot, da dies angeblich die Freiheit der Frau einschränke. Eine fatale Umkehrung der Realität. Gutmenschliches Verständnis für Intoleranz aufzubringen ist genauso falsch, wie reflexartig alles, was fremd ist, automatisch für gut und schützenswert zu halten. Die Burka ist aber weder "gesellschaftliche Bereicherung" noch schützenswert, sie ist das denkbar blutigste und grausamste Symbol für die Unterdrückung der Frau in islamischen Staaten.

Frauen, die aufbegehren und sich nicht an die Gebote der Scharia halten, die ihr Leben und ihren Alltag zur Hölle machen, haben mit den brutalsten Konsequenzen zu rechnen. Bei Geschlechtsverkehr vor der Ehe oder Ehebruch ist grundsätzlich immer die Frau schuld ist. Die Strafen sind drakonisch: Schläge mit dem Stock, Auspeitschungen, Amputation von Händen und Füßen und Steinigungen gehören zu gängigen Repressionsmitteln, mit denen Frauen zu rechnen haben.

Wo sind die westlichen Feministinnen und liberalen Politikerinnen, die sich dafür einsetzen, dass diesem Krieg gegen die Frauen, der im Namen des Islams seinen Wahnsinn treibt, ein Ende gesetzt wird? Wie kommt man hierzulande aus der Sicherheit und Bequemlichkeit des Rechtsstaates dazu, die Unterdrückung zu romantisieren und die Gefahr runterzuspielen, in dem man einfach behauptet, die Frauen tun dies freiwillig? Und was für ein Zeichen setzt man den Männern, wenn sie sich erlauben, ihre muslimische Machokultur hier ungehindert ausleben zu können? Für die Muslime, die in Köln in der berüchtigten Silvesternacht Frauen belästigt haben, sind unverhüllte Frauen Freiwild, mit dem man machen kann, was man will. Unrechtsbewusstein besteht keines.

Dabei ist festzuhalten, dass es nicht um ein spezifisches Burkaverbot oder gar eine Kleiderverordnung geht, sondern um ein grundsätzliches Verhüllungsverbot, das eine nicht zu leugnende Sicherheitskomponente mit einschließt.

Tatsache ist: Die Burka ist nicht ein religiöses Statement, sondern ein politisches. Der Koran schreibt keinerlei Gesichtsverschleierung vor. Kein Mensch würde bei guter geistiger Gesundheit freiwillig in einem Stoff gewordenen Gefängnis mit einem Sichtradius von unter 90 Grad leben. Es gibt dafür keinerlei Legitimation. Eine Frau zu verhüllen ist eine für alle Welt sichtbare und offensichtliche Form der Unterdrückung und damit eine Provokation.

Über dem Recht

Für fundamentalistische Muslime steht das Wort Gottes über der Rechtsordnung. Gerade das aber ist nicht verhandelbar. Eine liberale Gesellschaft hat nicht nur ein Recht, hier eine Grenze zu ziehen, sie hat die Pflicht.

Was aber ist mit den Frauen, die angeben, freiwillig eine Burka zu tragen? Haben sie in einem liberalen Rechtsstaat nicht das Recht, zu entscheiden, sich zu verhüllen?

Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen Konvertitinnen und jenen, die in einem fundamental islamischen Umfeld aufgewachsen sind. Ein Mädchen, das von klein auf hört, dass die Burka zu ihrem "Schutz" ist, wird dies verinnerlichen und sich kaum gegen die patriarchalen Strukturen, die ihr Leben bestimmen, auflehnen können. Das ist verständlich und psychologisch nachvollziehbar. Ein Argument für die Burka ist es mitnichten. Nur weil jemand sagt, er will ein Sklave sein, ist bei uns Sklaverei trotzdem nicht erlaubt.

Bei den anderen Frauen, die die Burka lautstark für sich reklamieren, handelt es sich um Konvertitinnen aus demokratischen Ländern ohne muslimischen Hintergrund – ein Phänomen, das in Deutschland geradezu in Mode gekommen ist. Die Frauen, die sich hierzulande zum Islam hingezogen fühlen und behaupten unter einem Schleier Allah näher zu sein, haben blaue Augen, blonde Haare und heißen Sonja. Diese Konvertitinnen genießen derzeit ziemlich viel mediale Aufmerksamkeit. Man empfindet sie als exotisch. Diese geschichtsblinde intellektuelle Entgleisung hat weniger mit Religion zu tun als mit Auflehnung und einem simplen Wunsch nach Aufmerksamkeit.

Kommt die sechzehnjährige Tochter plötzlich verhüllt nach Hause und sagt, sie findet das Konzept der Zwangsverheiratung toll, wird sie mehr Aufmerksamkeit bekommen, als wenn sie sich tätowieren lassen will oder von Justin Bieber schwärmt. Der Verdacht, dass es hierbei in erster Linie um Provokation geht, liegt nahe. Für die französische Philosophin und Verfechterin eines Verhüllungsverbots Elisabeth Badinter geht es dabei vor allem um das Ausloten und Testen der Grenzen westlicher Toleranz.

In der Diskussion um das Verhüllungsverbot geraten diejenigen Frauen in Vergessenheit, die sich in ihren Ländern zur Wehr setzen und teilweise unter Lebensgefahr gegen die Unterdrückung ankämpfen. Von den zahlreichen Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen hört man kaum. Dabei sind es genau diese ungehorsamen Töchter des Morgenlands, die unsere Unterstützung und Aufmerksamkeit am dringendsten nötig hätten. Sie warten vergeblich auf die Solidarität ihrer Geschlechtsgenossinnen im Westen, die den blutigen Ernst ihrer Lage entweder nicht sehen können und/oder wollen.

Bei einem Einkaufsbummel durch die Wiener Innenstadt mit meiner sechsjährigen Tochter begegneten wir einer Gruppe von Frauen in der Burka. Meine Tochter starrte sie an: "Warum sind die denn so schwarz angezogen, man kann ja nicht mal ihre Augen sehen!" Ich erklärte ihr, dass es Länder gibt, in denen Frauen so angezogen sein müssen. "Sind sie traurig?", fragte sie offensichtlich betroffen. Es war für sie undenkbar, dass sich unter einer Burka eine fröhliche Frau verbirgt. "Das können wir nur vermuten", erklärte ich, "aber es wäre sicher für alle besser, wenn wir der Wahrheit ins Gesicht sehen könnten." (Zoë Jenny, 14.10.2016)

Zoë Jenny (Jahrgang 1974) ist eine Schweizer Schriftstellerin und lebt in Wien.

Share if you care.