Marc Minkowski: "Armide kennt die Liebe noch nicht"

14. Oktober 2016, 15:39
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Minkowski über die Qualitäten von Glucks Oper "Armide", die er in der Inszenierung von Ivan Alexandre an der Wiener Staatsoper aufführen wird. Premiere ist am Sonntag

STANDARD: Ein tolles Stück! In Philippe Quinaults Libretto von "Armide" mischen sich Liebesdrama, Zauberposse und Ritterstück auf unterhaltsame Weise. Welchen Aspekt mögen Sie am liebsten?

Minkowski: Quinaults Texte sind die schönsten, die es in der französischen Oper gibt: Sie sind so poetisch, klar und psychologisch klug! Armide hat er als Frau gezeichnet, die alle Macht hat, aber die Liebe noch nicht kennt. Als sie die Liebe zu Renaud zulässt, empfindet sie es wie eine Schwächung, eine Krankheit. Denn man darf nicht vergessen: Armide und ihr Volk sind Krieger, die sich gegen die Kreuzritter wehren.

STANDARD: Quinault hatte das Libretto fast hundert Jahre zuvor für Jean-Baptiste Lully geschrieben, den Gottvater der französischen Oper. War es da nicht extrem riskant für Gluck, Quinaults Libretto noch einmal zu vertonen und so in direkten Vergleich mit Lully zu treten?

Minkowski: Es war auf jeden Fall eine große Ehre, dass die Pariser Oper ihn gefragt hat, eine neue Oper auf dieses Libretto zu schreiben. Gluck hatte großen Erfolg mit Orphée et Euridice, Iphigénie en Aulide und Alceste gehabt, die Bekanntschaft mit der berühmten Sopranistin Rosalie Levasseur und die Protektion durch seine ehemalige Schülerin Marie-Antoinette waren sicher auch hilfreich. Man kann Armide wohl als Krönung seiner Arbeit und seiner Karriere ansehen.

STANDARD: Sind es die lyrischen Qualitäten, die zarten Klangfarben, die am meisten fesseln?

Minkowski: Das Stück ist eigenartig: Es hat patchworkartige Elemente, wirkt aber auch sehr einheitlich. Manchmal macht er kleine Pasticcios im pompösen Stil der Oper des 17. Jahrhunderts, aber nur kurz, wie um zu zeigen, dass er es auch kann. Meistens ist die Musik extrem romantisch und auch theatralisch – vielleicht mehr als bei jeder anderen seiner Opern. Er hat allerdings keine großen Arien geschrieben, Armides Partie muss weniger gesungen als erzählt werden.

STANDARD: Die Armide ist die erste Partie in einer Gluck-Oper für Gaelle Arquez, und dann ist es gleich so eine umfangreiche. Ein Risiko?

Minkowski: Nein. Wir sind so froh, dass wir Frau Arquez für die Armide und auch Stanislas de Barbeyrac für den Renaud engagieren konnten. Sie stehen für eine Generation französischer Sänger in ihren Mittdreißigern, die große lyrische Stimmen haben – und die braucht man bei diesem Stück – und die sehr sorgfältig mit dem Text umgehen. Gaelle hat als Sopran angefangen und sich sachte dem Mezzo angenähert, was für diese Partie ideal ist. Als Armide muss man stark und furchteinflößend singen, aber auch zart, heroisch und lyrisch. Sie kann das.

STANDARD: Sie haben hier am Haus schon Händels "Alcina" dirigiert – und werden es im Oktober parallel zu "Armide" wieder tun -, kennen aber auch das Theater an der Wien. Sind die akustischen Unterschiede sehr groß?

Minkowski: Ja. Man muss im Orchester die Art des Spielens modifizieren. Die Streicher müssen etwa hier an der Staatsoper die Akzente härter spielen; im Theater an der Wien ist es genau das Gegenteil, da muss man aufpassen, nicht zu viel zu machen. Aber die Staatsoper hat für ihre Größe eine sehr deutliche Akustik.

STANDARD: Sie sind als Direktor der Opéra National de Bordeaux nun auch ein Kollege von Dominique Meyer. Was ist das für ein Haus, und welche Pläne haben Sie damit?

Minkowski: Die Oper von Bordeaux wurde 1770 gebaut und ist ein architektonisches Juwel. Ich hoffe, dass ich es schaffe, das Haus zu einem der interessantesten Opernhäuser Europas zu machen. Grundsätzlich schätze ich Inszenierungen, in denen sich Schönheit mit einer gewissen Klarheit und Schlichtheit verbindet. Man kann Opern auf zeitgemäße Weise interpretieren, muss aber darauf achten, dem Geist der Werke treu zu bleiben. Dafür braucht es Erfahrung und Feingefühl, und beides habe ich mir in den Jahrzehnten, in denen ich an großen Opernhäusern dirigieren durfte, erworben.

STANDARD: Apropos Klarheit: In Ivan Alexandres Inszenierung ist Armide ein Mann, der als Frau verkleidet wird, um den Feind zu schwächen. Glauben Sie nicht, dass dies für das Publikum verwirrend sein wird?

Minkowski: Nein, das wird funktionieren. Armide wird einen eher androgynen, mehrdeutigen Eindruck machen, aber nicht nur sie, viele der Männer auch. (Stefan Ender, 14.10.2016)

Marc MinkowskI (54) wurde in Paris geboren, der ehemalige Fagottist gründete mit 20 Les Musiciens du Louvre. Nach einigen Jahren als künstlerischer Leiter der Salzburger Mozartwoche ist er seit dieser Spielzeit Direktor der Oper von Bordeaux.

  • Der französische Dirigent Marc Minkowski – auch Direktor der Opéra National de Bordeaux.
    foto: afp/gobet

    Der französische Dirigent Marc Minkowski – auch Direktor der Opéra National de Bordeaux.


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