Riesling: Seelentröster vom Rhein

18. Oktober 2016, 05:30
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Die hessische Weinregion Rheingau leidet nicht gerade an Besuchermangel. Wer ein wenig hinter die Kulissen blickt, erfährt aber viel Amüsantes: Riesling ist dort ein leichter Energydrink für Pilger und die britische Queen Victoria Testimonial für guten deutschen Wein

Wenn zur Erntezeit bei Rüdesheim am Rhein Frauen im blauen Gewand durch die Weinberge ziehen, bleibt eine uralte Tradition lebendig. Die Frauen sind Nonnen und lesen Trauben für das Weingut der Abtei Sankt Hildegard. "Bei uns ist die Lese, zu der immer viele Helfer und Freunde kommen, ein Fest", sagt Winzerschwester Thekla Baumgart, "es ist schön, gemeinsam die Mühe eines Jahres zu vollenden." Klöster brachten den Weinbau im Rheingau zur Blüte und begründeten damit den Ruf der hessischen Region. Bis heute gehören die vor allem westlich von Wiesbaden gelegenen und bis in das canyonartig Mittelrheintal reichenden Rebhänge zu den besten Riesling-Anbaugebieten der Welt.

foto: istock / misspassionphotography
Aus der Abtei Sankt Hildegard in Rüdesheim am Rhein kommt Riesling als "Pilgertrunk – die Erfrischung für unterwegs".

Hildegard von Bingen setzte Wein im 12. Jahrhundert zu therapeutischen Zwecken ein. Sie meinte, "der Wein heilt und erfreut den Menschen mit seiner wohltuenden Wärme und großen Kraft". So bekommt der Seelentröster einen beinahe heiligen Touch und lässt Besucher in den Klostershop der Abtei pilgern. Dort gibt es einen fein fruchtigen Riesling "Abbatissa" ("Äbtissin"), "so wie der Herrgott ihn hat wachsen lassen", und einen herben Riesling "Pilgertrunk – die Erfrischung für unterwegs".

Bauen für Besoffene

Mehr Weine und Hochprozentiges halten die Wirte unten im Städtchen in der Drosselgasse bereit, wo sich Lokal an Lokal reiht, Schunkelmusik von allen Seiten schallt und sich Japaner, Amerikaner und andere Touristengruppen gegenseitig weiterschieben. Einheimische sagen, die Gasse sei deshalb so eng gebaut worden, damit die Besoffenen auf dem Rückweg eine Stütze haben.

foto: istock / hsvrs
Mit einer alten Gondel geht es über die Weinberge auf die andere Bergseite nach Assmannshasuen.

Im Besucherzentrum von Asbach ist alles über die Produktion des Weinbrands "Asbach Uralt" zu erfahren: dass "Uralt" die lange Reifezeit betone, der Werbeslogan "Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon einen Asbach Uralt wert" Kultstatus besitze und dass während des 1. Weltkrieges im Jahr 1917 praktisch die gesamte Produktion "zur Sicherstellung des Heeresbedarfs" eingesetzt worden sei – mit Ausnahme von Notrationen für Apotheken.

Über die Weinberge kann man sich vom Riesling zum Rotwein chauffieren lassen, zunächst per Seilbahn "über Reben schweben" bis zur riesengroßen Bronzestatue "Germania" auf dem Gipfel. Das 38 Meter hohe Denkmal symbolisiert die Wiedererrichtung des deutschen Kaiserreiches nach dem deutsch-französischen Krieg 1870–1871 und ist heute "Treffpunkt für Gäste aus aller Welt", wie Touristiker betonen.

Rote Insel im Rieslingmeer

Auf der anderen Bergseite hinter einem Waldstück schaukelt ein Sessellift die Passagiere nach Assmannshausen hinunter. Die dicht am Dorf steil aufragenden Weinhänge bilden die "Rotweininsel im Rieslingmeer" des Rheingaus. Auf dem bläulichen Taunus-Phyllitschiefer-Boden gedeihen exzellente Spätburgunder, etwa der samtig-herbe Rotwein vom Höllenberg, der seine Lagenbezeichnung allerdings harmlos von Halde – Steillage – ableitet.

foto: istock / ina peters
Mauern in den guten Lagen der Weinberge am Rhein dienten früher als Diebstahlschutz und wurden als Windfang belassen.

Rheinaufwärts bei Geisenheim thront über den Weinstöcken Schloss Johannisberg. "Mon dieu! Wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, dass ich Berge versetzen könnte – der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe", begeisterte sich Heinrich Heine in seinen Reisebildern. Als im 18. Jahrhundert die Fürstäbte von Fulda hier das Sagen hatten, wurde angeblich die Spätlese erfunden, das heißt zufällig entdeckt. Die dazu passende Anekdote sagt, dass sich 1775 der Reiter mit dem Erntebefehl aus Fulda verspätete. Die bereits angefaulten Trauben wurden trotzdem gelesen und zu Wein verarbeitet. Bei der Verkostung brach Jubel aus, so etwas habe man zuvor "noch nicht in den Mund gebracht".

Nach der Säkularisierung und der Verwaltung durch Preußen, Russland und Österreich ging das Schloss 1816 an Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich, als Anerkennung für seine Leistungen beim Wiener Kongress. Der gewonnene Wein sei ein "erlesenes, sehr geschmackvolles, angenehmes Getränk", meldete der Staatskanzler 1841 an die Verwaltung. Ein Tester des Gault-Millau-Weinguides beschreibt den Riesling vom Johannisberg heute so: "Eine komplexe und sehr fokussierte Spätlese, die herrlich nach nassem Stein, Blüten und Heilkräutern duftet."

Diebe und kalte Luft

Weiter östlich am Waldrand bei Hattenheim umfasst eine beinahe drei Kilometer lange Mauer den Steinberg, "eine der wertvollsten Lagen der Welt". Im 18. Jahrhundert sollten durch das Bauwerk Traubendiebe abgehalten werden. Mittlerweile beschränkt sich die Funktion der Wand vor allem auf den Schutz vor Kaltluft. Mitarbeiter der Hessischen Staatsweingüter bewirtschaften den Hang und bieten Führungen durch einen der modernsten Weinkeller Europas an. Als Kontrastprogramm können die alten Weinkeller im benachbarten Kloster Eberbach besichtigt werden. 1985 diente die Anlage als Kulisse für den Film Der Name der Rose nach dem Roman von Umberto Eco.

foto: dietmar scherf
Das Kloster Eberbach diente als Kulisse für die Verfilmung von Umberto Ecos "Der Name der Rose".

Im Südosten des Rheingaus liegt vor den Toren Frankfurts Hochheim am Main. Die englische Königin Victoria probierte dort während einer Reise im Jahr 1845 Trauben und Wein. Sie soll berauscht vom Geschmack gewesen sein und ließ sich fortan immer ein paar Fläschchen nach England schicken. Vielleicht war dies ja das Rezept, durch das sie bis ins hohe Alter fit blieb.

Jedenfalls soll sie oder jemand in ihrem Umfeld befunden haben: "Good Hock keeps off the Doc." Doch nur die wenigsten wussten, dass mit "Hock" Hochheim gemeint war – bis heute Synonym für guten deutschen Weißwein. (Dietmar Scherf, 18.10.2016)

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Regionsinfo Rheingau

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