Spur zu NSU: Weiterer ungeklärter Kindesmord wird neu geprüft

14. Oktober 2016, 22:51
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Nach Fund von DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt – Ermittlungen stehen noch am Anfang

München – Wegen der Entwicklung im Fall Peggy lässt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow die Akten eines anderen Kindesmordes komplett neu prüfen. "Es gab einen Tod eines neunjährigen Kindes in den 90er-Jahren in Jena, und da war Herr Böhnhardt und sein Name schon einmal im Visier, und das müssen wir alles viel, viel gründlicher betrachten", sagte der deutsche Linken-Politiker am Freitag.

Der Jenaer Fall ist bis heute nicht aufgeklärt. Am Donnerstagabend war bekannt geworden, dass Ermittler DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt an einem Gegenstand in der Nähe des Skeletts der getöteten Peggy gefunden hatten. Böhnhardt war damals wegen des Kindesmordes in Jena vernommen worden, wie Ramelow vor einer Sitzung des Bundesrats sagte.

Wie die Deutsche Presse-Agentur dpa am Abend meldete, soll nun eine Sonderkommission ins Leben gerufen werden. Sie soll in Thüringen alle ungeklärten Fälle von Kindstötungen seit 1990 neu aufrollen.

"Vielzahl von Aufgaben"

Bisher ist unklar, ob Böhnhardt überhaupt in die Ermordung der beiden Kinder verstrickt ist. Die Ermittlungen stehen erst am Anfang. "Es gibt eine Vielzahl von Aufgaben", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel am Freitag. Geprüft werden müsse unter anderem, ob eine Verunreinigung zu dem DNA-Treffer geführt haben könnte. Dazu müsse auch geklärt werden, in welchen Räumen die Leiche Böhnhardts, die Skelettteile von Peggy und die Fundstücke im Fall des Mädchens untersucht worden waren. Weitere Details nannte der Oberstaatsanwalt nicht. Er rechne auch nicht damit, dass die Ermittlungsbehörden noch am Freitag neue Ergebnisse präsentieren können.

Skelettteile im Wald

Peggy war am 7. Mai 2001 in der nordbayerischen Kleinstadt Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Am 2. Juli dieses Jahres hatte ein Pilzsammler Teile ihres Skeletts in einem Waldstück im Saale-Orla-Kreis in Thüringen gefunden – nur rund 15 Kilometer vom Heimatort des Mädchens entfernt. Mehrfach hatte die Polizei anschließend den Fundort abgesucht, weil das Skelett nach Angaben der Ermittler nicht vollständig war. Potzel äußerte sich am Freitag nicht dazu, ob die fehlenden Stücke und die auch vermisste Schultasche des Kindes inzwischen aufgetaucht sind.

Der Rechtsextremist Böhnhardt gehörte dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) an. Mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe soll er jahrelang unerkannt gemordet haben – hauptsächlich Menschen mit ausländischen Wurzeln. Mundlos und Böhnhardt töteten sich den Ermittlern zufolge im November 2011 nach einem Banküberfall, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Zschäpe stellte sich der Polizei. Seit Mai 2013 muss sie sich vor dem Münchner Oberlandesgericht verantworten. Nun ist offen, ob der Prozess wie geplant fortgesetzt wird. (APA, 14.10.2016)

Hintergrund

Am Fundort von Peggys Leiche fanden sich DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt. Das ist nicht der einzige mögliche Zusammenhang zwischen toten Kindern und Vorwürfen zu Kindesmissbrauch im Komplex "Nationalsozialistischer Untergrund".

  • Am 6. Juli 1993 verschwand in Jena ein neun Jahre alter Bub. Zwölf Tage später wurde seine Leiche in einem Gebüsch am Saaleufer gefunden. Unter Verdacht geriet ein Mann, der 20 Jahre später wegen seiner mutmaßlichen Rolle als Waffenbeschaffer beim NSU-Prozess in München aussagen musste, ein Schulfreund Böhnhardts und Mitglied derselben kriminellen Jugendgang in Jena. Damals bezichtigte er bei der Polizei Böhnhardt, das Kind ermordet zu haben. Die Tötung des Buben ist bis heute nicht aufgeklärt. Der Vorgang findet sich in den Akten des NSU-Prozesses.
  • Ein anderes Beispiel ist Tino Brandt. Er war es, der in den 1990er-Jahren die harte rechtsextreme Szene in Thüringen organisierte, auch die "Kameradschaft" von Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Vor zwei Jahren wurde Brandt wegen Missbrauchs von Kindern in 66 Fällen sowie Förderung der Prostitution zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Brandt war außerdem jahrelang Informant des Thüringischen Verfassungsschutzes.
  • Es gebe weitere Hinweise auf missbrauchte Kinder rund um den NSU, sagt Rechtsanwalt Yavuz Narin, der die Familie eines der ermordeten NSU-Opfer vertritt. Einige davon fänden sich in den Prozessakten. Darunter ein Verweis auf einen Mann, der in der Szene als Sprengstoffexperte galt und Zeuge im NSU-Prozess war. In seiner Vernehmung räumte er ein, einmal einen Job verloren zu haben, weil an seinem Arbeitsplatz von ihm gezeichnete Collagen von zerstückelten Kindern gefunden worden seien.
  • Schließlich fanden sich auf einer Festplatte, die im Brandschutt der Fluchtwohnung des NSU-Trios in Zwickau gefunden wurde, Dateien mit Kinderpornografie. Das war im NSU-Prozess schon einmal Thema. Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der ebenfalls Opferangehörige vertritt, will es erneut dazu machen. Er kündigte einen Beweisantrag an, um herauszufinden, "wer Kenntnis hatte und wer es draufgeladen hat – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder alle drei".
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