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16. Oktober 2016, 14:40

Eine Wortspende zu einem freudigen Ereignis lassen sich Politiker üblicherweise nicht entgehen, doch die Grünen sind anders: Nicht alle ehemaligen Chefs ließen sich vom STANDARD zum dieser Tage gefeierten 30-Jahr-Jubiläum im Parlament befragen. Zwei entschlugen sich eines Statements – weil sie ein gewissermaßen gestörtes Verhältnis zu ihrer Partei haben.

Johannes Voggenhuber, einst Bundesgeschäftsführer und Klubchef, ist im Streit von seiner Partei geschieden und sagt nur: "Ich habe zu den Grünen schon alles gesagt." Alexander Van der Bellen hingegen bekommt als Präsidentschaftskandidat aus den ehemals eigenen Reihen jede Unterstützung, die er sich wünscht. Doch offenbar hat er Bedenken, dass ihm eine Assoziierung mit den Grünen bei konservativeren Wählern schaden könnte – immer noch.

Das Bürgerschreckimage ist ein Erbe aus den wilden Anfangstagen. "Wir sind keine Wölfe in einem grüngefärbten Schafspelz", versicherte die erste Klubchefin Freda Meissner-Blau bei ihrer Antrittsrede im Nationalrat, in den sie am 23. November 1986 dank 4,82 Prozent der Stimmen gemeinsam mit sieben weiteren, peinlicherweise ausschließlich männlichen Mitstreitern gewählt worden war. Doch wer sollte den Newcomern das abnehmen? Zu schrill mutete der grüne Aktionismus an, zu chaotisch der ständige Streit, zu extrem das politische Programm.

Gegen die "staatlich geförderten" Drogen, Alkohol und Autorasen, gegen den "Zerstörungszwang" des "irrsinnig gewordenen Industriesystems" wetterte die mittlerweile verstorbene Meissner-Blau beim Premierenauftritt und sagte: "Wir sind eine radikale Gruppe, weil wir an die Wurzeln der Übel gehen wollen."

Drei Jahrzehnte danach lässt sich schwer behaupten, die Grünen hätten auf dieser Mission keinen Erfolg gehabt. Dass Umweltbewusstsein heute nicht mehr als Spleen wirtschaftsfeindlicher Sonderlinge gilt, sondern Massenprogramm ist, darf die "Ökopartei" dem eigenen Engagement anrechnen. Auch das Verständnis für die Gleichberechtigung von Frauen, Homosexuellen und Minderheiten haben die Grünen befeuert, das Gleiche gilt für die Idee der Political Correctness. Wortführern der Partei fallen, wie der Rundruf des STANDARD zeigt, noch etliche andere Beispiele ein.

Doch der Lohn für so viel Einfluss fiel vergleichsweise gering aus. Die Grünen regieren derzeit zwar in Koalitionen fünf Länder mit, in die Bundesregierung schafften sie es bisher aber nie. Die 12,42 Prozent von 2013 waren bisher das höchste der Gefühle bei Nationalratswahlen.

Bis heute zehren die Grünen von Sympathisanten der ersten Stunde. Stärkste Wählergruppe ist jene der rund 50-Jährigen, politisch sozialisiert in den Protesten des Jahres 1984 gegen das Kraftwerk Hainburg, sagt Christoph Hofinger, Politikforscher vom Institut Sora. Der Anteil der Pensionisten sei vor 20, 30 Jahren "mikroskopisch klein" gewesen, das habe sich geändert.

Ist die Wählerschaft der FPÖ eher männlich, geben immer mehr Frauen den Grünen ihre Stimme. Bei Nationalratswahlen liegt ihr Anteil im grünen Elektorat stets über 50 Prozent, bei Landeswahlen mitunter sogar bei 60 Prozent. Erklärungsansatz Hofinger: "Es gibt eine Bildungsexplosion und eine Urbanisierung bei jungen Frauen" – und städtische Bildungsschichten sind eben klassische grüne Zielgruppe. Kehrseite: Zwar sei es gelungen, die Strukturen am Land auszubauen, doch "die Stadt-Land-Differenz bleibt". Die Grünen stellen keinen einzigen Bürgermeister.

Dabei habe die Partei manche Vorleistung zum Wachsen gebracht. Einst habe das Selbstverständnis der auf die Opposition eingeschworenen Grünen und ihrer Wähler auseinandergeklafft, sagt Hofinger. Dies sei mittlerweile behoben, mit Parteichef Alexander Van der Bellen kam der Paradigmenwechsel hin zum Mitregieren. Luft nach oben gibt es: Laut dem Sora-Forscher liegt das Potenzial der Wahlberechtigten, welche die Grünen grundsätzlich wählen könnten, bei 35 bis 40 Prozent.

foto: apa/jaeger
Grünes Spitzenpersonal aus 30 Jahren, fotografiert 2011 im Parlament: Freda Meissner-Blau, Eva Glawischnig (vorne), Peter Pilz, Madeleine Petrovic, Johannes Voggenhuber (Mitte), Andreas Wabl, Christoph Chorherr, Alexander Van der Bellen (hinten).

Josef Buchner: Am Anfang war Menschenvergifterei

Josef Buchner braucht nach Wien über zwei Stunden, doch den Festakt am Montag lässt er sich nicht entgehen. "Es kann nie genug Gründe zum Feiern geben", sagt er, außerdem bergen solche Anlässe Überraschungen. Beim Begräbnis der grünen "Grande Dame" Freda Meissner-Blau im Jänner, erzählt Buchner, "da hat mich der Peter Pilz umarmt, als wäre nie etwas gewesen".

"Ich wurde als Steigbügelhalter benützt"

Doch natürlich ist viel gewesen, nachdem Buchner 1986 als einer von acht grünen Pionieren ins Parlament gewählt worden war. Der Gründer der "Bürgerinitiative für Umweltschutz" in industriesmoggeplagten Steyregg bei Linz war zwar Parteichef, aber "nur" der Vereinten Grünen Österreich (VGÖ), die mit den Vertretern der späteren grün-alternativen "Hauptpartei" ein Bündnis geschlossen hatten. "Ich wurde als Steigbügelhalter benützt, sonst hätte es für den Einzug nicht gereicht", sagt Buchner, der bald in grüntypische Querelen verstrickt war: Nicht zuletzt Pilz habe ihn ins rechte Eck gestellt.

foto: volker weihbold
"Sie haben uns für Narren gehalten": Josef Buchner.

Dabei habe sein Herz links geschlagen, wenn auch mittiger als bei Grün-Alternativen, von denen viele die Umweltidee bloß "als Vehikel" verwendet hätten. "Ideologisch war ich unfundiert", sagt Buchner, in die Politik trieb ihn konkrete Erfahrung, fast schon Egoismus: "Die Luftverschmutzung bei uns war Menschenvergifterei." Nach dem Rauswurf aus dem grünen Klub – die VGÖ hatten bei lokalen Wahlen gegen die Schwesterpartei kandidiert – kehrte er auf sein Stammterrain zurück. 15 Jahre lang war der über die Ortsgrenze mit dem Renommee des "Rebellen" ausgestattete Buchner Bürgermeister von Steyregg, mit 70 trat er ab und kaufte sich eine 300-Kubik-Vespa.

"Gelassen" sieht der heute 74-Jährige die Konflikte von einst, an den Grünen stört ihn derzeit "nicht weiß Gott was – und das heißt bei einem kritischen Geist wie mir einiges". Ihm imponiere, was manche Abgeordnete "am Kasten" hätten, auch Pilz habe "viel umgerührt". Grün hat er dennoch nicht immer gewählt, Alexander Van der Bellen bei den Präsidentenwahlen natürlich schon: "Dann und wann spende ich eine Kleinigkeit für die Kampagne."

"Zu undifferenziert" ist ihm aber die Haltung in der Flüchtlingspolitik. Auch er stehe auf der Seite der Menschenrechte, sagt Buchner, doch die Botschaft der Grünen klinge zu sehr nach "schrankenlos herein".

Dafür gäbe es historische Verdienste zu feiern. "Vor 30 Jahren hat man uns als Narren abgestempelt, als wir prophezeiten, dass am Donaustrand einmal Palmen wachsen könnten", sagt Buchner: "Heute lacht über den Klimawandel niemand mehr."

foto: cremer
Sieht die Grünen an einer Weggabelung: Peter Pilz.

Peter Pilz: "Von kleinen Leuten nicht verstanden"

In das Lamento mische sich erstaunliches Lob: Viele Menschen auf der Straße schimpften fürchterlich über die Ausländer, erzählt Peter Pilz, und natürlich auch über Politiker, wie er einer ist. Doch auf eine Frage – gibt es in Österreich eine saubere Partei? – antworteten selbst FPÖ-Wähler: "die Grünen."

Pilz wähnt hinter diesem Image den Erfolg aus jenen dreißig Jahren im Nationalrat, die er – unterbrochen von einem achtjährigen Intermezzo im Wiener Gemeinderat – von Anfang bis zum Ende miterlebt hat. "Seit dem Einzug der Grünen gibt es echte parlamentarische Kontrolle", sagt der 62-Jährige, der sich als Aufdecker diverser Affären einen Namen gemacht hat, davor habe bloß ein "Schlafparlament" existiert: "Wir haben die Tür aufgerissen und einen Luftzug hereingelassen, der etliche weggeblasen hat."

Stürmisch ging es in den Anfangsjahren allerdings auch im grünen Klub selbst zu. "Wir waren wild und streitsüchtig", erinnert sich Pilz, "in Konflikten haben wir uns gegenseitig mit unvorstellbarer Härte angegriffen". An Anlässen mangelte es nicht: Die Grünen stritten, ob sie zur echten Partei werden, eine Regierungsbeteiligung anstreben, für einen EU-Beitritt eintreten sollten. Letztere Debatte erlebte Pilz in seinen zwei Jahren als Parteichef mit. Er vertrat als Frontmann das Nein der breiten Mehrheit, sei aber – wie er heute sagt – eigentlich für den Beitritt gewesen. Diese Erfahrung habe ihm die Lust ausgetrieben, jemals wieder die Parteispitze anzustreben.

"Wir waren wild und streitsüchtig"

Heute sieht Pilz die Partei wieder an einer "Weggabelung". Die Zukunft entscheide, ob die Grünen als "neue Linke" zum Gegenpol der FPÖ wachsen: "Wenn wir es nicht tun, wird es eine andere Gruppe tun."

Wieder zitiert Pilz die Stimmen von der Straße. Hinter den Tiraden über Ausländer stecke in Wahrheit Frust über sinkende Einkommen und soziale Ungerechtigkeit. Auf diese Probleme müssten die Grünen abzielen, um der FPÖ Wähler abzujagen: "Doch diese Menschen haben nicht das Gefühl, dass wir ihre Lebenssituation ansprechen."

Auf das Label "Linkspopulismus", das der Parteichefin missfiel, will sich Pilz nicht versteifen: "Ich pfeif' auf den Begriff." Nenne man es, wie man wolle: "Volksnahe" müssten die Grünen auftreten, durchs Land fahren, um zu lernen, was die Massen bewegt – und manche Botschaften adaptieren. "Unsere Politik, etwa was Flüchtlinge und Menschenrechte betrifft, wird von den kleinen Leuten oft nicht verstanden", sagt Pilz und lässt sich vom aktuellen Kräfteverhältnis nicht beirren: "Wir können gegen die Freiheitlichen gewinnen."

foto: apa/fohringer
Geht, aber setzt sich sicher nicht zur Ruhe: Petrovic.

Madeleine Petrovic: Grüne, die nun für die Tiere kämpft

Noch sind es zwei Jahre hin, bis in Niederösterreich wieder gewählt wird. So lange will Madeleine Petrovic noch für die Grünen als Landtagsabgeordnete arbeiten. Danach ist Schluss. "Ich trete nur mehr an nicht-wählbarer Stelle an", sagt Petrovic. Eine "Solidaritätskandidatur" soll es werden – mehr nicht. Aber, auch das sagt die Politikerin: "Zur Ruhe setze ich mich aber nicht." So will sie sich weiter als Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins engagieren, dem sie seit 2008 vorsteht.

Madeleine Petrovic hat viele Stationen bei den Grünen durchlaufen. Angefangen hat es bei den Bezirksgrünen in Döbling aus durchaus egoistischen Gründen: "In der Straße, in der ich wohnte, herrschte ein wahnsinniger Durchzugsverkehr. Wenn die schweren Lkws gekommen sind, haben die Gläser geklirrt – und die sind rund um die Uhr gefahren." Petrovic war später Nationalratsabgeordnete, Landessprecherin der Grünen in Niederösterreich (bis 2015) und nicht zuletzt von 1994 bis 1996 Bundessprecherin. Dies aber mit wenig Fortune.

"Ich habe im Wahlkampf bald gespürt, dass das nicht gut ausgehen wird."

Legendär ist ihr TV-Duell mit Jörg Haider, bei dem dieser sie an die Wand spielte. Die Wahl 1995 ging verloren und besiegelte letztlich ihr Aus als Frontfrau. "Ich habe im Wahlkampf bald gespürt, dass das nicht gut ausgehen wird", erinnert sie sich. "Wir können und konnten nie so viel Geld für Wahlkampagnen ausgeben wie die Konkurrenz. Es hängt alles am persönlichen Einsatz", sagt Petrovic. Die Grünen seien müde gewesen – niemand mehr gelaufen. Rückblickend klingt die 1956 geborene Wienerin ganz abgeklärt: "Selbst wenn ich es in der Situation anders sah, es hat mir viel Neues ermöglicht."

Nie vergessen wird Petrovic die Ereignisse am 5. Dezember 1993. An diesem Tag findet sie eine Briefbombe in ihrem Briefkasten. Die Polizei entschärft die Bombe, niemand wird verletzt. Die Grüne ist heute noch überzeugt: "Franz Fuchs war kein Einzeltäter!"

Auch wenn Petrovic in zwei Jahren keine Funktion mehr haben wird: Sie ist eine Grüne durch und durch. Kritik am momentanen Kurs gibt es nur im Kleinen. So sei es gut, dass die Partei sich professionalisiert habe. Gefährlich werde es nur, wenn die Partei "sich zu sehr mit der Macht arrangiert". Klar sollen die Grünen in eine Regierung streben, aber eben nicht um jeden Preis. Ihr Tipp: "Es sollten für den Notfall koalitionsfreie Räume vereinbart werden." In der Frage der Umweltpolitik müssten die Grünen "unbedingt die Führungsrolle beanspruchen". Tun sie das nicht? Diese Position "bewahrt sich nicht von allein", sagt Petrovic.

foto: cremer
Lebt für die Kommunalpolitik: Christoph Chorherr.

Christoph Chorherr: Ein Spagat, der nicht gelingen konnte

Je nach Sichtweise war die Situation für Christoph Chorherr Mitte der 1990er-Jahre originell, herausfordernd oder einfach nicht haltbar. Letztere Bewertung setzte sich relativ rasch durch. Auf Madeleine Petrovic folgte 1996 Chorherr als Bundessprecher – und das als Wiener Gemeinderat. Einen "Grundwiderspruch" nennt das der 1960 geborene Wiener heute. "Ich habe rasch gemerkt, dass ich in das Parlament gehen muss, um Erfolg zu haben", sagt Chorherr. Er wollte das nicht. Noch dazu war sein Kurs nicht unumstritten.

So gab es "leidenschaftlich fundamentale Diskussionen" mit dem damaligen Nationalratsabgeordneten Johannes Voggenhuber über den Euro-Beitritt. Chorherr war dafür, Voggenhuber zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht: "Aber der Hauptgrund war, dass ich in Wien bleiben wollte." Bereits Ende 1997 endet sein Chef-Intermezzo.

"Österreichs Geschichte wäre anders verlaufen."

Auch später wird der passionierte Kommunalpolitiker nicht immer in die Linie passen. 2002 eckt er bei vielen an, als er sich für eine – intern heftig umstrittene – Koalition mit der ÖVP unter Wolfgang Schüssel starkmacht. Das Scheitern der Verhandlungen "habe ich extrem bedauert", sagt Chorherr und ist sich sicher: "Österreichs Geschichte wäre anders verlaufen."

Die eigene Politisierung verdankt er dem Kampf gegen das AKW Zwentendorf: "Als 17-Jähriger habe ich Zettel verteilt." Was sein Vater, langjähriger Chefredakteur der Presse, dazu sagte? "Ich rechne ihm extrem hoch an, dass er mich immer lassen hat." Umgekehrt verhalte es sich übrigens genauso: "Ich gestehe ihm seine Kommentare auch zu, obwohl sie weit weg von dem sind, wie ich mir politisches Handeln vorstelle."

Was derzeit unterschätzt werde, sei, "welche gesellschaftspolitischen, grundlegenden Veränderungen aus den Ländern und Gemeinden kommen", ist der Wiener Gemeinderat überzeugt. Als Beispiel nennt er die kritische Haltung der Salzburger Grünen gegenüber dem Bau von Einkaufszentren: "Eine der Fragen lautet: Wie soll unser Lebensraum aussehen?" Der Bundespolitik empfiehlt er, Haltung zu zeigen, denn "das wird respektiert, und man hat gute Chancen, bei einer Wahl zu reüssieren." Sein Resümee: Die Grünen seien jedenfalls nicht braver geworden, sie hätten durch das Mitregieren in einigen Bundesländern sogar an Schärfe gewonnen.

foto: reuters
Grüner Spätstarter: Alexander Van der Bellen.

Alexander Van der Bellen – Der Professor verbreitert die Basis

Alexander Van der Bellen möchte zu den Grünen nichts sagen. Er befindet sich im Wahlkampf, möchte Bundespräsident werden. Er tritt nicht als Kandidat der Grünen an, sondern als unabhängiger Kandidat, wenn auch mit massiver Unterstützung seiner Partei. Äußerungen zu den Grünen passen da jetzt nicht in seine Strategie. Dabei war Van der Bellen, der jetzt 72 Jahre alt ist, der längstdienende Bundessprecher der Grünen und prägte sie wie kein anderer. Elf Jahre lang war er ihr Chef.

Der Volkswirtschaftsprofessor war ein grüner Spätstarter. Entdeckt wurde er von Peter Pilz, 1992 kandidierte Van der Bellen für die Grünen für das Amt des Rechnungshofpräsidenten. 1994, mit 50 Jahren, zog er als Abgeordneter ins Parlament ein. Drei Jahre später wurde er als Nachfolger von Christoph Chorherr zum Parteichef erkoren. Die Grünen lagen damals bei 4,8 Prozent, hatten zuletzt zweieinhalb Prozentpunkte verloren. Bei der nächsten Nationalratswahl 1999 kamen die Grünen auf 7,4 Prozent, ihr bislang bestes Ergebnis. Van der Bellen gelang es, die bis dahin stark zerstrittene Bewegung auf einen ruhigeren Kurs zu führen, zu konsolidieren und breiter aufzustellen. 2006 übersprangen die Grünen schließlich die Zehn-Prozent-Marke, kamen auf elf Prozent und wurden vor der damals völlig darniederliegenden FPÖ die drittstärkste Kraft im Parlament – Van der Bellens größter politischer Erfolg. Aber schon 2008 stand wieder ein Minus vor dem Ergebnis, auch innerparteilich wuchs der Druck auf Van der Bellen, der schließlich aufgab und an Eva Glawischnig übergab.

Van der Bellens großes politisches Verdienst ist es, die Grünen aus dem sektiererischen, linken Öko-Eck herausge- führt und sie auch für eine breite bürgerliche Schicht wählbar gemacht zu haben. Als seine größte politische Niederlage gilt, dass im Jahr 2002 die Verhandlungen mit der ÖVP über eine Regierungsbildung gescheitert sind und Wolfgang Schüssel stattdessen mit den Freiheitlichen eine Koalition einging.

Die "unabhängige" Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl zielt ebenfalls auf eine Verbreiterung der Wählerschicht ab, mit 50,35 Prozent in der ersten Stichwahl schien das auch gelungen – bis das Ergebnis schließlich aufgehoben wurde. (völ)

foto: apa/herbert neubauer
Am Beginn stand eine Briefwahlaffäre: Glawischnig.

Eva Glawischnig: "Zufrieden kann ich nicht sein"

Es war eine Briefwahlaffäre, die Eva Glawischnig als erster Berührungspunkt mit den Grünen einfällt. Die damals 21-Jährige kellnerte beim Oktoberfest in München, als in Österreich die Nationalratswahlen stattfanden. Vom Ausland aus wählen durfte man schon seinerzeit, allerdings musste die Stimmabgabe von einem zweiten, laut Vorschrift nüchternen Staatsbürger bestätigt werden – eine Auflage, die sich beim bayerischen Bierexzess als hohe Hürde entpuppte.

Damals, im Jahr 1990, kämpften die Grünen ums parlamentarische Überleben, und nicht viel anders war es, als die Wiener Partei Glawischnig sechs Jahre später rekrutierte: Die gebürtige Kärntnerin, zuvor Juristin bei der Ökoorganisation Global 2000, wurde zum Prototyp einer neuen Generation aufgebaut, die Chaotenimage und Müsli-Strickpulli-Mief vertreiben sollte.

"Unser Ziel ist eine neue Mehrheit"

Existenzängste plagen die seit 2008 von Glawischnig angeführten Grünen keine mehr, doch die kritische Größe, um es in die Bundesregierung zu schaffen, haben sie immer noch nicht erreicht (siehe Artikel rechts). Trübt das nicht die Feierlaune? Natürlich fallen Glawischnig viele Beispiele ein, wo die Grünen in 30 Jahren durch hartnäckigen Einsatz für die Sache auch ohne Regierungsbeteiligung Gutes bewirkt hätten: von der gentechnikfreien Landwirtschaft über die Gleichberechtigung von Homosexuellen bis zur Mindestsicherung, wie sie schon 1999 in einem grünen Konzept angelegt gewesen sei. "Aber es stimmt", räumt sie ein, "unser Ziel ist eine neue Mehrheit. Insofern kann ich nicht zufrieden sein."

Was besser werden müsse? Der grünen Chefin fallen – ganz Profipolitikerin – zuerst einmal die anderen ein. SPÖ und ÖVP konzentrierten sich aufs "Haxlstellen", die Freiheitlichen auf Angstmache, alle zusammen fachten ständig nur das Flüchtlingsthema an: Kein gutes Klima "für eine lösungsorientierte Partei", die in Sachen Populismus "die rote Linie" nicht überschreiten wolle, meint Glawischnig.

Etwas gelte es aber schon selbst zu lernen, sagt sie, und zwar aus dem Präsidentenwahlkampf Alexander Van der Bellens. Die Grünen müssten "größere Offenheit" gegenüber anderen Lagern zeigen, auf Gruppen außerhalb der Partei zugehen, Netzwerke knüpfen: "Bisher waren wir sehr, sehr oppositionell unterwegs." (Texte: Gerald John, Peter Mayr, Michael Völker I Produktion: Sebastian Pumberger, 16.10.2016)