Frankreich: Juppés "ruhige Kraft" setzt sich in TV-Debatte durch

14. Oktober 2016, 13:04
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Mit einem abgeklärten Auftritt hat Ex-Premier Alain Juppé ein TV-Streitgespräch der Konservativen für sich entschieden. Ex-Präsident Sarkozy blitzte ab

Es muss ihm wie verhext vorkommen: Je energischer sich Nicolas Sarkozy ins Zeug legt, desto mehr gerät er ins Hintertreffen. Der 61-jährige Ex-Präsident wusste, dass er das TV-Duell auf dem größten französischen Sender TF1 für sich entscheiden muss, um den Umfragefavoriten Alain Juppé bei den internen Primärwahlen der bürgerlichen "Républicains" im November schlagen zu können.

Umso verkrampfter begann er die Sendung zum Thema Wirtschaftspolitik. In der Sache unterschieden sich die sieben konservativen Kandidatinnen und Kandidaten kaum: Alle wollen die Steuern senken, die 35-Stunden-Woche aushebeln, das Pensionsalter (61 Jahre) erhöhen und die Zahl der Staatsbeamten reduzieren. Auch dabei zeigte sich Sarkozys Handicap: Als ehemaliger Staatschef (2007–2012) vermag er kaum glaubhaft zu machen, warum ihm in einer zweiten Amtszeit gelingen soll, was er in der ersten nicht geschafft hatte.

Unpassendes Lächeln

In der Werbepause müssen ihn seine Berater angehalten haben, etwas lockerer aufzutreten. Nun zwang sich Sarkozy, häufiger zu lächeln. Das wirkte nicht sehr natürlich und passte schlecht zum Thema Terrorbekämpfung – und Sarkozys harten Forderungen, Radikalislamisten auf bloßen Verdacht hin zu internieren oder den Burkini zu verbieten.

Zum Schluss musste Sarkozy sich sogar gegen Vorwürfe verteidigen, in mehrere Finanzaffären verwickelt zu sein. "Mein Vorstrafenregister ist leer", rief er aus. "Wenn ich mir etwas vorzuwerfen hätte, glauben Sie wirklich, dass ich dann zu diesem Wahlkampf antreten würde?"

Juppé für gesellschaftliche "Vielfalt"

Alain Juppé lächelte dazu milde. Der 71-jährige Ex-Premier war, obwohl er eine eigene Verurteilung wegen Scheinjobs mit sich herumträgt, die Ruhe selbst. Er enthielt sich jeder Islamkritik und sprach sich für gesellschaftliche "Vielfalt" und das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus. "Ich will Sie auf den Weg der Hoffnung zurückführen, mit einem starken, optimistischen Frankreich", führte er aus. "Wenn wir die großen Veränderungen vereint anpacken, wird Frankreich wieder zu dem Land, in dem gut zu leben ist."

Fast schien es, als befolge Juppé den erfolgreichen Wahlslogan des Sozialisten François Mitterrand aus dem Jahr 1981 – "la force tranquille", die ruhige Kraft. Die Gelassenheit des ehemaligen Premierministers unter Jacques Chirac ist so groß, dass die Wochenzeitung "Le Canard Enchaîné" einen seiner Berater in einer Karikatur sagen lässt: "Sie erhöhen den Abstand auf Sarkozy, obwohl Sie gar nichts sagen. Was gedenken Sie zu tun?" Worauf Juppé trocken antwortet: "Eben nichts."

Ebenso abgeklärt antwortete er in der Sendung auf eine Publikumsfrage, was er denn tun werde, wenn die militante Gewerkschaft CGT seine Wirtschaftsreformen mit Streiks und Blockaden hintertreiben würde. Er würde die wichtigsten Entscheide gleich in den ersten Tagen nach seiner Wahl per Dekret – das heißt, ohne langwierige Parlamentsdebatte – verabschieden, sagte der Ex-Premier; Kraft seiner Legitimität als neugewählter Präsident zähle er dabei auf die Unterstützung aller Franzosen.

Verfrühte Siegesfeiern

Das klang ein wenig, als wäre Juppé schon im Elysée-Palast. Nach der Sendung wurde er von seinen Anhängern in seinem Hauptquartier bereits wie der Sieger gefeiert. Als sie den Refrain "On a gagné" (Wir haben gewonnen) sangen, stimmte er mäßigend ein: "C'est pas fait!" – es ist noch nicht so weit! Am Freitag, als die ersten Umfragen zur Sendung eintrudelten, zeigte sich allerdings, dass Juppé für 36 Prozent der 5,6 Millionen Fernsehzuschauer das Streitgespräch gewonnen hatte. Sarkozy kam auf 22 Prozent, die Ex-Minister François Fillon und Bruno Le Maire blieben bei elf Prozent, die übrigen sind abgeschlagen.

Bis zu den Primärwahlen der Republikaner Ende November sind drei weitere TV-Streitgespräche geplant. Die Sozialisten organisieren im Jänner eine eigene Urwahl, wobei Präsident François Hollande seine Teilnahme noch offen lässt. In den Umfragen zur Präsidentschaftswahl im Mai 2017 führt Juppé vor Sarkozy, der Rechtsextremistin Marine Le Pen und dem linken Ex-Minister Emmanuel Macron. (Stefan Brändle aus Paris, 14.10.2016)

  • Sieben Kandidaten der französischen Konservativen stellten sich der TV-Debatte am Donnerstagabend.
    foto: reuters/philippe wojazer

    Sieben Kandidaten der französischen Konservativen stellten sich der TV-Debatte am Donnerstagabend.

  • Ex-Premier Alain Juppé konnte sich durchsetzen und gewann Zuschauerumfragen zufolge das erste Streitgespräch, drei weitere sind noch geplant.
    foto: reuters/martin bureau

    Ex-Premier Alain Juppé konnte sich durchsetzen und gewann Zuschauerumfragen zufolge das erste Streitgespräch, drei weitere sind noch geplant.

  • Ex-Präsident Nicolas Sarkozy (rechts) wirkte im Vergleich zu Juppé wenig glaubhaft.
    foto: reuters/martin bureau

    Ex-Präsident Nicolas Sarkozy (rechts) wirkte im Vergleich zu Juppé wenig glaubhaft.

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