Trump & Co: Vormarsch der "neuen" alten Führer

20. Oktober 2016, 12:41
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Der US-Wahlkampf bildet eine Entwicklung ab, die nicht nur für die westliche Welt Bedeutung hat – aber kaum thematisiert wird: Neopatriarchat

Bereits Mitte der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat Soziologe Niklas Luhmann das 21. Jahrhundert zum "Jahrhundert der Exklusion und Inklusion" erklärt. Und er würde sich wundern, was in der Zwischenzeit in diesem jungen Jahrhundert alles passiert ist. In jedem Fall hat er auf voller Linie recht behalten. Es steht zurzeit viel auf dem Spiel auf unserer Welt. Festmachen lässt sich das gegenwärtig auch am Wahlkampf in den USA.

Hillary Clinton muss einiges einstecken: Gefühlskälte und Divenhaftigkeit. Sogar die "überkommende Sinnhaftigkeit, nun endlich eine Frau zu wählen", wird, weil Gleichstellung schon längst realisiert sei, ins Treffen geführt. Die Kommentare sind zum Teil infam. Nicht, dass sie es nicht gewusst hätte. Und dennoch macht sie etwas Bemerkenswertes – das unterscheidet sie übrigens von vielen Frauen, die sich für Spitzenpositionen bewerben. Sie fordert auf, sie zu wählen, gerade weil sie eine Frau ist. Das ist neu. Und wird sanktioniert.

Am Ende des Tages ist sie aber eines: eine Politikerin, die zur "Einheit in Vielfalt" aufruft. Sie versucht den hohen Diversitätsgrad der US-Bevölkerung zu überwinden, indem sie eine übergeordnete Klammer der Einigkeit bildet. Das spiegelt sich in ihrer Wählerschaft klar wider. Ihre Rechnung ist eigentlich eine einfache: Sämtliche Minderheiten, gemessen an den herkömmlichen Ordnungsmustern, stellen zusammengenommen längst eine riesige Mehrheit. Wir könnten langsam beginnen, das als Normalität zu erachten und entsprechende Konzepte entwickeln.

Wer ist der Herr im Haus?

Die Wählerschaft von Donald Trump? Vorzugsweise Männer, weiß und älter. Trump bedient seine Klientel ebenfalls und gibt ihr, was sie hören will. Bemerkenswert, zu welchen Mitteln auch er greift. Es genügt nicht, ihn achselzuckend als frauenfeindlich oder rassistisch zu bezeichnen. Er repräsentiert nicht den traditionellen Patriarchen. Er geht deutlich darüber hinaus. Er brüllt und wütet. Als wollte er tobend noch einmal zeigen, wer der Herr im Haus ist. Wird ihm das gelingen? Er gibt sich wiederholt der Lächerlichkeit preis. In den letzten Tagen haben sich die ersten Konservativen auch klar abgewendet.

Es tritt also an: alte Ordnung gegen neue Ordnung. Der Wahlkampf in den USA bildet eine Entwicklung ab, die nicht nur für die westliche Welt größte Bedeutung hat – aber kaum thematisiert wird. Clinton repräsentiert die neue Ordnung. Sie hebt eine der größten Herausforderungen, eine gelingende gesellschaftliche Inklusion, hervor. Identifiziert Heterogenität als Normalität. Und geht sogar darüber hinaus. Sie kultiviert die Differenzen. Betont den Wert dieser. Womöglich schrammt sie wiederholt an der Identitätspolitik vorbei.

Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Denn sie selbst lebt vor, was längst (auch) Alltag ist. Sie weist den ihr zugewiesenen Platz klar zurück und tanzt auf dem Drahtseil der hegemonialen Ordnung. Das ist eine Leistung, die heute viele erbringen (müssen). Sie spielt auf der Klaviatur der Geschlechterzuschreibungen nach ihren eigenen Regeln und verwirrt damit. Sie erobert Terrains, die ihr im Sinne der alten Ordnung eigentlich nicht zustehen. Viele fühlen sich dadurch erleichtert. Oder massiv bedroht.

Die "neuen" alten Führer

Was tut aber Trump? Er geht in Abgrenzung. Er verkörpert Exklusion. Er ist die hierarchische Differenz. Nicht imstande, die leiseste innerpsychische Integrationsleistung zu vollziehen. Und damit steht er keineswegs allein da. Die "neuen" alten Führer kennzeichnet weltweit eines: Sie ziehen sich radikal auf männliche Muster zurück und werden, was bei Trump so unangenehm augenfällig ist, immer noch lauter, greller, grotesker und unberechenbarer. Irgendwie logisch, denn wenn die vormals in Schach Gehaltenen Schritt für Schritt in sämtliche Domänen vordringen, ohne dabei das Stockholm-Syndrom der Hegemonie zu erfüllen, müssen die Anhänger der alten Ordnung ihrerseits sämtliche Zwischentöne über Bord werfen und umso klarere Ansagen machen.

Diese Männlichkeit verkommt so gegenwärtig zur Persiflage, denn es wird für sie immer enger. Ein Schweizer Psychiater hat Trump zuletzt eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Es handle sich um eine typisch männliche Störung. Und da steht Trump wirklich nicht allein da. Die "neuen" alten Führer sind höchst narzisstisch, beleidigend und egozentrisch. Es scheint, als treiben sie eine an sich überkommene Männlichkeit noch einmal auf die Spitze. Und ihre Chancen stehen nicht schlecht. Global gesehen formiert sich etwas, das wir getrost als das Neopatriarchat bezeichnen können. Wir werden uns noch wundern, was alles geht. Nicht zuletzt, wenn Trump amerikanischer Präsident würde. (Norbert Pauser, 20.10.2016)

Norbert Pauser ist Bildungswissenschafter und Experte für Diversität und Inklusion.

  • Was tut Trump? Er geht in Abgrenzung. Er verkörpert Exklusion. Er ist die hierarchische Differenz. Nicht imstande, die leiseste innerpsychische Integrationsleistung zu vollziehen. Und damit steht er keineswegs allein da.
    foto: scott olson

    Was tut Trump? Er geht in Abgrenzung. Er verkörpert Exklusion. Er ist die hierarchische Differenz. Nicht imstande, die leiseste innerpsychische Integrationsleistung zu vollziehen. Und damit steht er keineswegs allein da.

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