Warum Biomediziner so gerne Bob Dylan zitieren

14. Oktober 2016, 12:06
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Like a rolling histone: Der Neo-Nobelpreisträger bringt es in der Fachliteratur auf weit mehr als 200 bestätigte "Zitierungen". Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein

Stockholm/London – Nein, wir wollen hier keinen Beitrag zu den ohnehin bereits allzu meinungsstark geführten Diskussionen leisten, ob Bob Dylan den Literaturnobelpreis nun verdient hat oder nicht – oder einfach nur zu spät erhalten hat. Auch die Forderung, dass nach dem Literaturnobelpreis für Dylan nun eigentlich Keith Richards jenen für Chemie (oder wahlweise Medizin) verdient hätte, können wir inhaltlich nicht unterstützen.

Aber es ist auf ein aus wissenschaftlicher Sicht bemerkenswertes Faktum zur Rezeptionsgeschichte von Dylan hinzuweisen: Der poeta laureatus ist der vermutlich öftestzitierte Dichter in der biomedizinischen Fachliteratur der vergangenen 50 Jahre, wie erst vor wenigen Monaten schwedische Forscher in der stets launigen Weihnachtsnummer des "British Medical Journal" berichteten.

Unter dem Titel "Freewheelin’ scientists: citing Bob Dylan in the biomedical literature" ermittelte das Team um Carl Gornitzki vom Karolinska-Institut (ja, das ist die Forschungseinrichtung, die den Medizinnobelpreis vergibt) insgesamt 727 vermutliche Referenzen von Dylan-Songs vor allem in den Titeln von Fachaufsätzen, 213 davon waren ganz eindeutig Bob Dylan zuzuordnen.

Knockin’ on pollen’s door

Der erste entdeckte Fachaufsatz dieser Art stammt aus dem Jahr 1970 und erschien im "Journal of Practical Nursing". Am öftesten verwendet wurde seitdem "The Times They are a-Changin’" (135) und "Blowin’ in the Wind" (36). Mehr oder weniger gelungene Paraphrasierungen sind unter anderem "Knockin’ on pollen’s door" oder "Like a rolling histone" (für einen Überblicksaufsatz über neue Trends in der Epigenetik). Zu einem exponentiellen Anstieg der Dylan-Paraphrasen kam es dann aber erst ab den 1990er-Jahren, so Gornitzki und seine Kollegen.

Daran wiederum waren nicht zuletzt einige Forscher des Karolinska-Instituts mitverantwortlich. Dort lief unter einigen Kollegen nämlich eine Wette, wer bis zur Pensionierung mehr Dylan-Zitate in wissenschaftlichen Fachartikeln unterbringen kann. Den Anfang machte ein Text in "Nature Medicine" mit dem halb originellen Titel "Nitric oxide and inflammation: the answer is blowing in the wind." Ein anderes Beispiel der Dylanologen am Karolinska Institut: "Dietary nitrate – a slow train coming". Der geheime Wettbewerb – es ging um ein Gratis-Mittagessen im Restaurant Jöns Jacob in Solna – flog 2014 auf und sorgte für einigen medialen Wirbel, nicht nur in Schweden.

"Well, the world of research has gone berserk"

Texte zu und Fans von Dylan in der Wissenschaft gibt es freilich auch aus anderen Forschungsbereichen, etwa der Meteorologie, wie das folgende Zitat zeigt:

Robock A, 2005. "Tonight as I stand inside the rain": Bob Dylan and weather imagery. Bull. Am. Meteorol. Soc. 86(4), 483–487.

Bleibt am Ende nur noch Platz für ein letztes Dylan-Zitat – in diesem Fall ein eher wissenschaftssoziologisches zur Lage der Forschung im frühen 21. Jahrhundert (aus "Netty Moore" vom Album "Modern Times", 2006): "Well, the world of research has gone berserk (Too much paperwork)." (tasch, 14.10.2016)

  • Diese Herrschaften sind nicht nur Fans von Bob Dylan, sondern hauptberuflich Forscher am Karolinska-Institut, das den Medizinnobelpreis vergibt.
    gustav mårtensson

    Diese Herrschaften sind nicht nur Fans von Bob Dylan, sondern hauptberuflich Forscher am Karolinska-Institut, das den Medizinnobelpreis vergibt.

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