Warum das Kinderfernsehen der liebe Gott gemacht hat

Blog16. Oktober 2016, 08:00
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Ich bin echt nicht dafür, dass Kinder jeden Tag stundenlang fernsehen dürfen. Trotzdem würde ich manchmal einfach gern allein auf die Toilette gehen

Kinder sollen nicht zu viel Zeit vor dem Fernseher verbringen. In einer idealen Welt toben unsere Kinder nämlich im Garten herum, ernten selbst angebautes Gemüse, erkunden Bachläufe und Wälder und leben überhaupt in einer Fantasie, die für manche Menschen eventuell vor 50 Jahren noch Realität war.

Spiderman und ich beim Kindergartenausflug

Vor einigen Wochen habe ich als sogenannte Begleitperson – ein schönes Wort für eine herausfordernde Aufgabe – einen Kindergartenausflug begleitet. Die Fünfjährigen umringten mich und berichteten mir ausführlich aus ihrem Leben. "Vom Tobias die Mama sagt immer böse Wörter zu Tobias seinem Papa, wenn der zu spät vom [hier bitte Namen einer beliebigen Freizeitaktivität einsetzen] nach Hause kommt." "Meine Mama schreit immer, den ganzen Tag lang, meine Mama schreit, schreit und schreit." "Ich kann fliegen mit einem großen Flugzeug, das hat mir mein Papa am Computer gezeigt." "Kennst Du den Spiderman und den Batman und den Lego Nexo-Knights?" "Meine Mama kocht immer so grausliche Sachen, immer mit Gemüse und so." "Kannst Du mir das Elsa-Lied vorsingen?" "Weißt Du, warum die Mama vom Kevin den Papa vom Kevin nimmer mag?" "Ich will ein Schnapserl! Ich will ein Schnapserl, jetzt!!!"

Ich schwöre, alle diese Sätze sind gefallen. Und ich füge hinzu: Das Schnapserl wollte ein dreijähriges Kind, und es meinte damit Himbeersaft.

Kevin schrie von hinten

Wir besuchten eine naturnahe Gartenanlage, in der die Kleinen durch gepflegte naturnahe Wiesenflächen und Blumenbeete lustwandeln sollten und am Ende für das lange Wandern (in etwa 23 Minuten bei langsamen Gehen) ein Abenteuerspielplatz und die Jause warteten. Entlang des Weges säumten Kräuter unseren Pfad. Ich erklärte den Fünfjährigen ausführlich, wofür welches Gewürz sich am besten eignen würde, und beendete meinen Sachunterricht beim Zitronenmelissenbusch. Ich führte den Kindern vor, wie man ein (!) Blatt herunterzupft und es zwischen den Fingern zerreibt, um anschließend die minzig-frischen Aromen mit einer subtilen Zitrusnote wahrzunehmen.

Die Kinder beäugten mich kritisch, und ihre Augen blieben ausdruckslos. Kevin schrie von hinten, ob ich jetzt endlich und überhaupt mit ihnen Spiderman spielen könnte, und Tobias wollte mir erzählen, was er in "Galileo Wissen" über Kräuter mit seiner Mama gesehen hatte. Ich schwöre, es war namenstechnisch tatsächlich so. Ich bemühte mich, auf die Bedürfnisse einzugehen und lauschte ausführlich den bruchstückhaften Erzählungen des kleinen Tobias, während ich Kevin davon abzubringen versuchte, sich von der Gruppe zu entfernen.

Das Gewächs war besiegt

Hinter meinem Rücken entstand plötzlich ein wildes Gerangel. Als ich mich umdrehte, fand ich dort die kümmerlichen Überreste des davor üppig wuchernden Zitronenmelissenbusches. Die Kinder hatten das Gewächs besiegt und begannen jetzt, einander mit den Blättern zu bewerfen. "Wie du es uns gezeigt hast!" Wir verließen den Tatort in just jenem Moment, als ein Gärtner um die Hecke bog, dessen Augenbrauen sich bereits gefährlich neigten.

Am Spielplatz sehnte ich mich nach einem alkoholischen Erfrischungsgetränk. Innerlich war ich es nun, die ein Schnapserl verlangte. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass meine Aufsichtspflicht gerade bei Minute 43 angelangt war. Mir war und ist bis heute schleierhaft, wie Pädagoginnen und Pädagogen einen vollen Tag überstehen können.

Eine halbe Stunde Zeit für mich – täglich

Auf der Heimfahrt um 11.34 Uhr, im Zustand totaler Erschöpfung, sehnte ich mich nach dem Kinderkanal. Ich sehnte mich nach all diesen Serien, die meine Kinder lieben und bei denen sie scheinbar bewegungsunfähig und in Schockstarre vor dem Fernseher sitzen. Ich verstehe die Sehnsucht von Eltern, diesen Zustand für eine halbe Stunde täglich herbeizuführen. Um endlich in Ruhe duschen zu können oder, ja, einfach nur einen Kaffee zu trinken. Noch dazu, wo diese Serien heute wesentlich weniger dramatisch sind, als ich es aus meiner Kindheit kenne, zumindest weniger melodramatisch.

Heute rettet Feuerwehrmann Sam das Städtchen Pontypendy aus täglich mehrfach auftretenden brandgefährlichen Situationen, früher mussten sich Niklas und Perrine allein durchs Leben schlagen. Bei Heidi habe ich damals auch geweint, weil sie den Großvater so vermisst hat – das hat sich trotz moderner Grafik auch heute nicht geändert. Und nach dem Sandmännchen packen ich und meine Mädchen schon mal vorsorglich die Taschentücher aus.

Ein Mitarbeitsplus

Während Kevin und Tobias darüber philosophierten, wer der beste der X-Men sei – Filme, die sie wohl doch nur aus den Erzählungen ihrer älteren Geschwister kennen –, hängte sich die kleine Isabel in meinen Arm, erzählte mir vom Sandmännchen und davon, dass das Kinderfernsehen der liebe Gott gemacht habe.

Wenn es also der liebe Gott war, der uns Eltern eine halbe Stunde Zeit für uns und irgendwelche Alltagsarbeiten ermöglicht, dann bin ich auf seiner Seite, und er bekommt von mir ein Mitarbeitsplus. Wenn er es nicht war, dann finde ich einfach die Fernsehverantwortlichen unglaublich super, denen er diese brillante Idee eingegeben hat. (Sanna Wesiz, 16.10.2016)

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