Reaktionen auf Dylans Ehrung: Von "Witz" bis "größter lebender Dichter"

13. Oktober 2016, 15:04
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Salman Rushdie sieht Dylan als Erben des Orpheus, Irvine Welsh beschimpft Juroren

Stockholm/Wien – Bei der Entscheidung, den US-amerikanischen Songschreiber Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, hat es "große Einigkeit" gegeben. Das sagte Sara Danius, Chefin der Schwedischen Akademie, bei einer Pressekonferenz nach der Bekanntgabe. Wenig Einigkeit gab es bei den Reaktionen aus der Literaturwelt.

- "Er ist ist wahrscheinlich der größte lebende Dichter." – Per Wästberg, schwedischer Schriftsteller und Mitglied der Schwedischen Akademie.

- "Von Orpheus bis Faiz, Songs und Poesie waren immer eng miteinander verbunden. Dylan ist ein brillanter Erbe dieser bardischen Tradition." – Indisch-britischer Schriftsteller Salman Rushdie auf Twitter.

- "Dylan hat wie kein anderer die moderne amerikanische Musiktradition mit der literarischen Hochkultur zu einer neuen Kunstform vereint – Ovid mit Blues, Shakespeare mit Gospel. Es wäre deshalb ein großes Missverständnis zu meinen, er werde nur für die Qualität seiner Texte ausgezeichnet. Texte, Musik und Performance sind eine Trias." – Dylan-Biograf Heinrich Detering von der Universität Göttingen gegenüber der dpa.

- "Ich bin ein Dylan-Fan, aber das ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, gerissen aus der ranzigen Prostata von senilen, idiotischen Hippies." – "Trainspotting"-Autor Irvine Welsh auf Twitter.

- "Wenn Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekommen kann, sollte Stephen King in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen werden." – US-Krimiautor Jason Pinter auf Twitter.

- "Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein 'Späßken'. Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit." – Literaturkritiker und ARD-Moderator Denis Scheck.

- Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhaus Graz, sieht die Entscheidung als "der Tendenz nach richtig, aber von der Person her falsch. Man wollte halt der Tatsache gerecht werden, dass Literatur zunehmend anders definiert wird als noch vor zehn Jahren und hat jetzt einen Songwriter genommen. Aber natürlich ist das auch, wie in vielen Fällen, 20 Jahre zu spät." Würde man eine "andere Literatur" prämieren wollen, so käme aus seiner Sicht niemand infrage, "der auf diesen Wettquoten oben ist", meinte Kastberger. Auch der heute verstorbene Preisträger Dario Fo sei ein Ansatz gewesen, "in eine andere Form von Literatur hineinzugehen, und das ist auch schon Jahre her. Ob Dylan Literatur ist, wird seit 20 Jahren diskutiert. Aber jetzt gibt es eine ganz neue Diskussion, wo alles brüchig ist, was der bürgerliche Betrieb unter Literatur versteht."

- Für den Wiener Kulturwissenschafter Eugen Banauch zeigt die Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan, dass die Verbindung von Lyrik, Musik und Performance im Songwriting endgültig im Literaturbetrieb angekommen ist. Klar sei jedoch: "Dylan braucht den Nobelpreis nicht", so Banauch, der selbst viel zu Dylan geforscht hat. Dass umgekehrt der Nobelpreis Bob Dylan als Aushängeschild brauche, gehe zwar ebenfalls zu weit. "Es kann aber gut sein, dass die literaturinteressierte Öffentlichkeit jemanden wie Dylan als Nobelpreisträger gut brauchen kann", so der Wissenschafter vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Die Entscheidung könne gewissermaßen als ein Rufzeichen gegen Stimmen gewertet werden, die die Lyrik im Niedergang wähnen. Mit Dylan erweitere das Nobelpreiskomitee sozusagen den Horizont dessen, was alles hochwertige Poesie sein kann.

- Literaturkritikerin Sigrid Löffler hat den Literaturnobelpreis für Bob Dylan als "fantastische Fehlentscheidung" kritisiert. Löffler sagte MDR Aktuell, sie habe den Eindruck, dass die Schwedische Akademie sich seit einiger Zeit interessant machen wolle, "und zwar durch besonders ausgefallene und extravagante Namen, die sie da kürt". Dies sei schon im vergangenen Jahr mit der Auszeichnung für die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch der Fall gewesen – "eine sehr mutige und verdienstvolle Journalistin, aber das waren Protokolle, journalistische Montagen". Dylan sei zweifellos ein genialer Folk- und Rockmusiker und habe der Rockmusik eine neue sprachliche Komplexität gegeben – "aber bitte, das ist alles 50 Jahre her", sagte Löffler. Er habe rätselhafte, dunkle und sehr komplexe, symbolistische Texte geschrieben, diese seien aber keine eigenständige Lyrik, denn sie funktionierten nur gesungen.

Auch Politiker nahmen via Aussendung und in Social Media Bezug auf die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den US-Songwriter Bob Dylan.

- "THE TIMES THEY ARE A-CHANGIN' – congrats to Mr. @bobdylan for the @NobelPrize in #literature. #vielfaltliteratur", schrieb etwa Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) auf Twitter.

- "Spannende Entscheidung. Gratulation!", kommentierte Präsidentschafts-Kandidat Alexander Van der Bellen ebendort.

- "Der geniale Dylan erhält endlich und zu Recht diesen Preis", freute sich SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder via Aussendung.

- "Sein literarisches Gesamtwerk hat nun die Auszeichnung bekommen, die es verdient, obwohl ich es natürlich immer gehasst habe im Religionsunterricht 'Blowin' in the Wind' singen zu müssen", stellt NEOS-Kultursprecher Niko Alm in einem Statement einen persönlichen Bezug her.

- Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat die Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan eine "mutige Entscheidung" genannt. Die Stockholmer Jury habe damit auch in diesem Jahr wieder die Genregrenzen gesprengt, erklärte Steinmeier nach Angaben seines Hauses am Donnerstag in Straßburg. (APA, 13.10.2016)

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