"La Permanence": Im stillen Zwischenraum der Hoffnungen

13. Oktober 2016, 16:22
posten

Alice Diops Film über Lebensgeschichten

Das dem Film vorangestellte Zitat des Dichters Fernando Pessoa ist von bezeichnender Doppeldeutigkeit. Denn wie der portugiesische Schriftsteller, der sein Werk mithilfe fiktiver Autoren als großes Fragment hinterließ, bilden auch die Lebensgeschichten in La Permanence ein Mosaik aus Erzählungen und Berichten. Mit dem Unterschied, dass im Krankenhaus von Seine-Saint-Denis dafür ein einziger Raum genügt.

Alice Diop, französische Filmemacherin mit senegalesischen Wurzeln, erklärt in ihrem Dokumentarfilm den Schauplatz des Geschehens jedoch erst am Ende. Das kleine Zimmer mit dem Schreibtisch, auf dem sich die Krankengeschichten und Befunde türmen, der Arzt (oft mit einer älteren, resoluten Psychiaterin an seiner Seite), der mit ruhiger Stimme die wechselnden Besucher nach Befinden, Krankheiten und Asylanträgen fragt – Diop taucht in diesen Mikrokosmos so unvermittelt ein, wie die Menschen hier ihr Leid offenbaren.

Da gibt es den Mann, der glaubt, dass sein Vater ermordet wurde, weil er aus seinem Heimatland flüchten musste; ein anderer, noch mit Blutergüssen am Arm, muss dringend zur Rötgenuntersuchung geschickt werden, weil die ihm zugefügten Schläge ihn kaum aufrecht gehen lassen. Und wieder ein anderer kann aufgrund einer einfach zu behandelnden Augenentzündung bereits seit vielen Nächten nicht schlafen.

In der Tradition von Frederick Wisemans dokumentarischem Klassiker Welfare beobachtet Diop das Geschehen in klaren Bildern, in denen sie stets eine respektvolle Distanz wahrt, ohne es an der nötigen Empathie fehlen zu lassen. Derart wird La Permanence zum Porträt eines Systems mit beschränkten Möglichkeiten. Es zeigt, wie es am Einzelnen liegt, den Hilfesuchenden jene Unterstützung zukommen zu lassen, die ihnen zusteht. Am Ende ein leerer Wartesaal. (pek, 13.10.2016)

  • 23. 10., Urania, 18.00
  • 24. 10., Metro, 11.00

Viennale

Share if you care.