"La mort de Louis XIV": Ein König stirbt langsam

14. Oktober 2016, 14:42
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Albert Serra hat den Tod des Monarchen als langsames Fading-out inszeniert. In der Hauptrolle des betörenden Films beeindruckt Nouvelle-Vague-Veteran Jean-Pierre Léaud

Der knarzende Rollstuhl, in dem sich der Sonnenkönig – oder vielmehr der französische Schauspieler Jean-Pierre Léaud – durch einen Rosengarten schieben lässt, ist kurz zum Stehen gekommen. Der Monarch schaut einen Moment lang in die Landschaft, dann soll es weitergehen – "allez".

Das "vorwärts, los" in der Eingangsszene des Films ist nicht frei von Ironie. Albert Serra erzählt in La mort de Louis XIV (2016) von den letzten beiden Wochen im Leben des Königs, in denen sich der Tod mehr und mehr vom Leben nimmt, bis nichts mehr übrig bleibt davon. Doch trotz einer sogar historisch verbrieften "Chronologie" der Ereignisse (das Drehbuch stützt sich auf die Memoiren Saint-Simons und des Marquis de Dangeau), des Gefühls des Fortschreitens oder vielmehr des Verfalls, des Weniger-Werdens geht die Bewegung des Films nur scheinbar nach vorne. Wie alle Arbeiten des katalanischen Filmemachers ist auch La mort de Louis XIV eine Vorführung in Wiederholung, Stillstand – und Präsenz.

Seit seinem Debüt Honor de cavalleria (2006) aktiviert Serra in seinen Filmen bekannte literarische bzw. historische Figuren: Don Quijote, die Heiligen Drei Könige, Casanova und Dracula. Um Adaptionen oder Relektüren im eigentlichen Sinn handelt es sich bei seinen reduktionistischen "period pieces" jedoch nicht. Eher wendet Serra einen Warhol'schen Ansatz auf die Form eines Historienfilms an.

Meist gibt es lange Einstellungen, wenig Handlung, keine Schauspieler, sondern kostümierte Menschen, die bei essenziellen Alltagsaktivitäten zu sehen sind: herumhängen, essen, trinken, daherreden, durch die Landschaft ziehen. Nun aber tritt zur historischen Figur erstmals kein Laienkörper, der diese unbeschrieben lässt, sondern eine ihrerseits mythisch und (film)historisch aufgeladene Figur: die Nouvelle-Vague-Ikone Léaud.

Man muss sicherlich nicht so weit gehen, in Léauds Verkörperung des sterbenden 76-jährigen Sonnenkönigs (er selbst ist 72) ein Totenlied auf die wegweisende Epoche des französischen Kinos zu sehen. Aber zwangsläufig verbindet seine Performance das Ausstellen von eingelagerter Zeit mit der Echtzeiterfahrung eines langsamen Abschieds. Léauds Körper, seine Fragilität waren jedenfalls nie unmittelbarer erfahrbar.

Variierende Verrichtungen

La mort de Louis XIV, ursprünglich als Performancearbeit für das Pariser Centre Pompidou konzipiert, entstand in zwei Wochen ohne vorherige Proben. Schauplatz ist im Wesentlichen das Schlafzimmer des Königs. Der Tod ist kein dramatischer Akt bei Serra und ein Spektakel schon gar nicht. Zu sehen ist stattdessen eine ins groteske Hofzeremoniell eingepasste Wiederholung leicht variierender Verrichtungen: Der König leidet, Ärzte spekulieren, Kammerdiener bringen Speisen und Getränke und klopfen die Kissen. Ein verschwurbelter Wunderheiler aus Marseille verspricht Rettung durch ein Elixier aus Gehirndestillat, Froschfett und Stiersperma und schwafelt von der Schönheit des Schmerzes.

La mort de Louis XIV ist ein erschütternd schöner Film. Durch das Kerzenlicht sind die Bilder oft nur punktuell beleuchtet, es gibt viel Schwarz mit wenigen Farbakzenten, weiche, samtene Texturen. Einmal schaut Jean-Pierre Léaud, musikalisch begleitet von Mozarts Großer Messe in c-Moll, fast drei Minuten lang direkt in die Kamera. Es öffnet sich ein Fenster im Film, in dem verschiedene Zeit- und Darstellungsebenen ineinanderfallen: Die Vergangenheit blickt in die Gegenwart und umgekehrt, Léaud steht am Kipppunkt von Rolle und Schauspielerpersona.

Was von La mort de Louis XIV zurückbleibt, ist nicht der Tod einer historischen Figur, nicht die Oberfläche der Repräsentation, es ist die Intimität eines lebendigen, gegenwärtigen Körpers. (Esther Buss, 14.10.2016)

  • 24. 10., Gartenbau, 17.30
  • 26. 10., Metro, 11.00

Viennale

  • Der Tod ist kein Spektakel, aber er dauert eine Weile: Jean-Pierre Léaud in "La mort de Louis XIV".
    foto: viennale

    Der Tod ist kein Spektakel, aber er dauert eine Weile: Jean-Pierre Léaud in "La mort de Louis XIV".


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