Note-7-Desaster: Was nun mit 2,5 Millionen Smartphones geschieht

17. Oktober 2016, 15:10
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Rückholung und Recycling stellen Samsung vor neue Herausforderung – viele Rohstoffe gehen verloren

Nach einer Reihe von Brandvorfällen hat sich Samsung nun dazu entschlossen, das Kapitel Galaxy Note 7 komplett abzuschließen. Die Produktion des im August präsentierten Smartphones wird komplett eingestellt, die Zukunft der Marke ist ungewiss.

Nun stellt sich die Frage, was mit den rund 2,5 Millionen Handys geschehen wird, die bislang bereits die Fabrik verlassen haben. Samsung plant keine Reparatur oder Wiederaufbereitung der Geräte, erklärt das Unternehmen. Sie sollen "entsorgt" werden, sagte ein Mitarbeiter gegenüber Motherboard. Dies wurde von manchen Medien so aufgefasst, als sei die Verschrottung der Handys geplant. Tatsächlich ist jedoch Recycling gemeint, wie Samsung Österreich auf Nachfrage des WebStandard klarifiziert.

Die Details dazu sind noch offen. Wired erklärt allerdings, wie der Ablauf in den USA ungefähr aussehen wird. Was sich nach einer guten Lösung anhört, läuft laut Motherboard aber immer noch auf eine Umwelttragödie hinaus. Denn viele der Materialien können nach heute üblichen Verfahren gar nicht "gerettet" werden.

Viele "seltene Erden" gehen verloren

Laut einer Schätzung des Institute of Electrical and Electronics Engineers mussten 2013 zur Erzeugung eines Handys rund 75 Kilogramm an Rohstoffen verarbeitet werden. Es ist anzunehmen, dass dieser Wert für ein featuregespicktes Topmodell wie das Note 7 noch einmal höher liegt. Kyle Wiens, CEO von iFixit, schätzt den Bedarf auf 225 Kilogramm. Lediglich ein Dutzend der verarbeiteten Elemente kann dabei zurückgewonnen werden.

Besonders schmerzhaft ist, dass ein Großteil der sogenannten "seltenen Erden" verloren geht. Für deren Abbau wird oft großer Schaden an der Umwelt in Kauf genommen, dazu wird auch großer menschlicher Arbeitseinsatz gefordert. Hinzu kommt der oft intransparent ablaufende Handel, der es schwer macht, zu kontrollieren, welche Rohstoffe aus welcher Mine kommen und welche Arbeitsbedingungen dort herrschen. Ein Problem, mit dem sich etwa das Fairphone-Projekt auseinandersetzt.

Laut dem Chef des Critical Materials Institute im US-Energieministerium steckt das Smartphone-Recycling noch in den Kinderschuhen. Verloren gehen etwa Materialien wie das in Touchscreens verwendete Indium, das Neodym in den Magneten in Lautsprechern und Mikrofonen oder das Kobalt in den Akkus. Der Gegenwert der geretteten Materialien ist gering.

Die US-Umweltschutzbehörde EPA (Environmental Protection Agency) liefert dazu immerhin grobe Zahlen. Aus einer Million Mobiltelefone lassen sich etwa 16.000 Kilogramm Kupfer, 350 Kilo Silber, 34 Kilo Gold und 15 Kilo Palladium rückgewinnen.

Weiterverwendung ist besser

Daher werden Smartphones üblicherweise auch nicht recycelt, sondern repariert, aufbereitet und weiter verwendet. Zurückgegebene Geräte gehen etwa an Versicherungen oder werden in Schwellenländern verkauft. Dies erweist sich sowohl ökologisch und wirtschaftlich als wesentlich effizienter.

Allerdings gibt es auch einen positiven Aspekt der Note 7-Affäre. Im Rahmen des Recyclings der 2,5 Millionen Geräte lassen sich neue Recycling-Methoden und Technologien erproben. Dazu lässt sich der Prozess mit einer großen Anzahl an Geräten viel besser skalieren. Üblicherweise sind die Kosten für das Sammeln und Recyceln von Smartphones aufgrund der niedrigen Stückzahlen vieler verschiedener Modelle viel höher.

Samsung hat guten Ruf

Nichtsdestotrotz ist das Recycling eines frischen Smartphone-Modells für sich gesehen ein riesiger Ressourcenverlust. Gemessen am globalen Ressourcenverbrauch ist der Impact allerdings überschaubar. In Sachen Elektroschrott ist der Anteil von Smartphones in Europa volumensmäßig recht klein, erklärt dazu die Elektroaltgeräte Koordinierungsstelle Austria (EAK) gegenüber dem WebStandard.

Genau beziffern lässt er sich nicht, weil Handys in die Kategorie "Kleingeräte" fallen, die statistisch nicht weiter aufgedröselt wird. Zudem bleiben viele gekaufte Geräte nach ihrer Erstnutzung in Schubladen liegen, werden verborgt oder gelangen in den Second-Hand-Markt abseits der Herstellerkanäle, zu dem es keine verlässlichen Zahlen gibt.

Samsung zählt in der Branche zu jenen Unternehmen, die ernsthafte Bemühungen zur Verbesserung der Situation zeigen. So werden bei älteren, günstigen Modellen wie dem Galaxy Young 2 teilweise biologisch abbaubare Alternativen zu Kunststoffen verwendet, etwa im Gehäuse oder als Bestandteil des Kopfhöreranschlusses. Dazu sollen die Aluminiumgehäuse seit dem Galaxy S6 vollständig recycelbar sein. Beim Zukauf von Komponenten und Ressourcen würde man außerdem Aspekte wie die Auswirkungen auf die Umwelt oder Menschenrechtsverletzungen in Konfliktgebieten miteinbeziehen.

Ablauf in den USA

In den Vereinigten Staaten sieht sich Samsung mit 1,9 Millionen verkauften Note 7 konfrontiert – der Großteil des weltweiten Absatzes von rund 2,5 Millionen. Von diesen sind hunderttausende noch in Umlauf. Die meisten Handys gelangten über Mobilfunker in die Hände der Kunden, diese müssen nun auch den ersten Teil der Rückholung abwickeln.

Nach der Umverpackung der Geräte gemäß einem Sicherheitsprotokoll werden diese dann in Boxen zu je neun Stück per LKW zu einem Lager in Illinois gebracht und von dort weiter zu einer eigenen Recyclinganlage von Samsung in Texas. Aufgrund der potenziell gefährlichen Akkuprobleme ist ein Transport per Luftfracht ausgeschlossen.

Dort dürfte aber nur ein Teil der Geräte zerlegt und verwertet werden, weil die Anlage nicht auf derartige Stückzahlen ausgerichtet ist. Da Samsung an einem eigenen Programm der Umweltschutzbehörde teilnimmt, müssen die restlichen Note 7-Geräte zu zertifizierten Recycling-Centern gebracht werden. Auch diese werden aufgrund der schieren Menge und den notwendigen, besonderen Vorsichtsmaßnahmen vor eine neue Herausforderung gestellt.

Frage der Bauweise

Das Note 7 wirft allerdings auch die Frage nach der Bauweise der Smartphones auf. Samsung sucht offiziell noch nach der Ursache für die Selbstentzündungen, mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte die Möglichkeit, den Akku einfach entnehmen zu können, den Dingen einen völlig anderen Lauf geben können.

Denn lässt sich das Problem durch eine Überarbeitung des Akkus lösen, wäre es völlig ausreichend gewesen, nur diesen zurück zu rufen und Kunden anschließend neue Batterien für ihr Handy zuzuschicken. Während bis zum Galaxy S5 und Note 4 der Akkutausch noch einfach möglich war, ist dieser seit dem S6 und Note 5 fix verbaut.

Gleichzeitig bewegen sich Hersteller mit dem Streben nach immer längeren Akkulaufzeiten bei immer kompakteren Gehäusen näher und näher an das Limit des technisch Machbaren. Eine Schwelle, an der die Sicherheit der Konsumenten auf dem Spiel steht. (gpi, 17.10.2016)

  • Die eingezogenen Galaxy Note 7-Geräte gehen direkt ins Recycling. Doch die Verwertung von Smartphones steckt immer noch in den Kinderschuhen.
    foto: apa/afp/ed jones

    Die eingezogenen Galaxy Note 7-Geräte gehen direkt ins Recycling. Doch die Verwertung von Smartphones steckt immer noch in den Kinderschuhen.

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