Nazi-Chic: Asiens Hitler-Fetisch

20. November 2016, 10:00
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In manchen Ländern wird mit dem Thema Hitler ein salopper Umgang gepflegt – Dabei geht es keineswegs um Ideologie, sondern um eine Pop-Kultur mit bizarren Auswüchsen

Der Hitler-Vergleich ist weltweit ein beliebtes Instrument im politischen Diskurs. Die Zahl der Konflikte ist schier unendlich, in denen ein Teilnehmer einen Kontrahenten auf die eine oder andere Weise mit der Nazi-Ideologie in Verbindung bringt, um ihn mit einem Totschlagargument zu diskreditieren.

Doch während es in Europa normalerweise Ächtung und Ausgrenzung bedeutet, wenn man als Nazi abgestempelt ist, dient außerhalb Europas der Vergleich nicht immer der Diskreditierung eines Gegners. In manchen Gegenden der Welt werden Hitler und Nationalsozialismus völlig emotionslos gesehen, dort ist den Menschen die eigene Geschichte der Kolonial- und Diktaturverbrechen meist näher als eine europäische Gewaltherrschaft vor mehr als siebzig Jahren. Für in Europa sozialisierte Menschen ist dies oftmals schwer nachvollziehbar und unverständlich. In Südostasien jedoch führt eine Mischung aus mangelndem historischen Bewusstsein, fehlender Bildung und Gleichgültigkeit gegenüber Sensibilitäten und Tabus anderer zu einem popkulturellen Phänomen: dem Nazi-Chic.

In Europa sorgt eine Kostümierung als Nazi zwangsläufig für einen veritablen Skandal inklusive medialer Kopfwäsche, wie auch der britische Prinz Harry im Jahr 2005 feststellen musste.

foto: ap/butler
Harry der Nazi: der Spross des britischen Königshauses sorgte mit seinem Auftritt bei einer Kostümparty für Schlagzeilen. In manchen asiatischen Ländern würde er in dem Outfit nicht negativ auffallen.

In vielen asiatischen Ländern sind derartige Verkleidungen jedoch problemlos erhältlich und finden auch zahlreiche Käufer.

Zwar ist die Erinnerung an die Verbrechen der im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis verbündeten Japaner im kollektiven Gedächtnis der Region präsent. Für die Opfer der deutschen Herrenmenschenideologie ist Empathie kaum vorhanden. Für Philip Cornwel-Smith ist dies in der unterschiedlichen Philosophie begründet. Der Autor des Buches "Typisch Thai: Alltagskultur in Thailand" ("Very Thai") beschreibt die Gesellschaft in der Region als eine, in der Relativismus völlig normal ist. Empathie ist in Südostasien an eine persönliche Beziehung gekoppelt, Fremden wird sie nicht zuteil. Hierarchie und Status zählen mehr als Ideologie. Ethik hänge vom Kontext ab, die Moral sei eine von Zeit und Ort abhängige Situationsmoral, sagt der Thailandkenner. Das Problem mit Tabus sei, dass jene, die sie errichten, verlangen, dass sie eine universelle Gültigkeit haben sollten.

Ein japanischer Händler nahm 2010 erst nach Protesten einer jüdischen Organisation aus den USA ein Kostüm aus seinem Sortiment, dessen Verpackung von einem Nazi mit erhobenem rechten Arm, einer Hakenkreuzfahne und dem Spruch "Heil Hitler" in japanischen Schriftzeichen geziert wurde. "Genieß dein Leben mit unserer originalen Party-Collection", versprach der Aufdruck.

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Die Qual der Wahl: Als Hitler oder doch eher als Michael Jackson auf die Kostümparty gehen? In Japan sind beide Pop.

Nazi-Insignien als Party-Outfit sind lediglich ein Aspekt eines viel umfassenderen Uniform-Fetischs. Transportiert wird dieser Fetisch unter anderem auch durch J-Pop-Gruppen wie "Kishidan". Üblicherweise tragen die Mitglieder der Band Outfits der bōsōzoku – eine Subkultur japanischer Biker-Gangs. Deshalb zeigten sich die Musiker auch einigermaßen überrascht über die Welle der Empörung, die sie 2011 mit einem MTV-Interview auslösten, das sie in an die SS erinnernde Uniformen absolvierten.

Das Phänomen ist nicht neu und tritt in gleicher Intensität im verwandten koreanischen K-Pop auf. Schon im Jahr 2000 posierten die Mitglieder der Gruppe "Nuclear" in schwarzen Uniformen mit Hakenkreuzarmbinden.

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"Nuclear" setzte schon Anfang des Jahrtausends auf Hakenkreuze.

Dass nicht nur Boygroups auf den Nazifetisch setzen, zeigte die südkoreanische Girlband "Pritz" im Video zu ihrem Lied "Sora Sora". Dabei hüpfen die jungen Damen schwarz gekleidet mit roten Armbinden mit einem großen "X" mit Pfeilspitzen darauf, das das Logo der Band darstellen soll, aber in dieser Kombination mehr als nur eine zufällige Ähnlichkeit mit dem NS-Emblem hat.

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Natürlich kann man bei jeder dieser Episoden eine gezielte Provokation eines findigen Managements unterstellen, das ansonsten kaum bekannte Bands auf diese Weise in die Schlagzeilen bringt. Allerdings läuft dies immer nach dem selben Schema ab. Auf Beschwerden meist israelischer oder deutscher Vertreter und Berichten in internationalen Medien folgt nach anfänglichem Sträuben eine kleinlaute Entschuldigung.

Ein Lerneffekt ist jedenfalls ganz offensichtlich nicht vorhanden, wie der jüngste derartige Skandal beweist: Mitglieder der J-Pop-Mädchenband "Keyakizaka46" posierten im Oktober bei einem Auftritt in Yokohama in Outfits, die ihrer Meinung nach Halloween-Kostüme darstellten. Tatsächlich erinnerten die schwarzen Mäntel und Kappen mit Adler-Emblem frappant an SS-Uniformen. Die Rechtfertigung der Bandmitglieder: ein "Mangel an Verständnis".

Hitlers Cousin

In diesem trüben Licht der Ignoranz sind auch Rodrigo Dutertes Aussagen über Hitler und den Holocaust zu verstehen, die kürzlich im Westen eine Welle der Empörung ausgelöst haben. Ende September hatte der philippinische Präsident vor Journalisten festgestellt, er werde wegen seines Vorgehens gegen Drogendealer mit hunderten Toten als "eine Art Cousin von Hitler" beschrieben und beanstandet, dass dabei das Drogenproblem ausgeblendet würde.

"Hitler hat drei Millionen Juden massakriert. Es gibt hier drei Millionen Drogenabhängige. Ich wäre glücklich, wenn ich sie abschlachten würde", sagte Duterte. Doch seine Opfer seien Kriminelle, er wolle sein Land "vor der Verdammnis retten". Zwei Tage später rechtfertigte der Präsident seine Worte. Er habe nichts Falsches gesagt, aber er entschuldige sich "aus tiefstem Herzen" bei der jüdischen Gemeinde.

foto: apa/afp/favila
Rodrigo Duterte in der Beit-Yaakov-Synagoge in Makati südlich von Manila vor den zehn Geboten.

Schließlich setzte eine philippinische Schönheitskönigin noch einen drauf. Imelda Bautista Schweighart sagte im Gespräch mit ihrer österreichischen Kollegin Kimberly Budinsky, Duterte mache "Hitler-Sachen". In ihrer Rechtfertigung erklärte sie, sie habe sich auf Zeitungsschlagzeilen bezogen, die aussagten, dass Duterte "wie Hitler ist, aber auf eine gute Art".

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Miss Philippines Earth im Gespräch mit Miss Austria Earth.

Dabei ist die Frage gar nicht relevant, ob Duterte wie Hitler ist. Dass der Präsident so handelt, wie er es schon als Bürgermeister von Davao lange Jahre praktizierte ist problematisch genug, da bedarf es keiner Stigmatisierung mit dem absolut Bösen – Duterte ist wie Duterte und sieht sich offenbar als eine Art "guter Hitler", der nur Verbrecher ausschaltet.

Dabei kann die Gleichung Duterte = Hitler schon aus dem Grund nicht aufgehen, da diese Rolle im Oktober 2015 bereits ein Mitbewerber um das philippinische Präsidentenamt für sich reklamiert hat. Jose Larry Maquinana bezeichnete sich bei der Einreichung seiner Bewerbung als "Hitler unserer Generation".

foto: apa/epa/cristino
Jose Larry Maquinana, der selbsternannte "Hitler unserer Generation".

Warum er eine Swastika auf seinem Hemd trage, erklärte der 41-jährige Fahrer aus Quezon City damit, dass er erfülle, was in der Bibel geschrieben stehe. "Fernost-Nazi" und "Neo-Nazi 4. 5. 6. Reich" stand auf einem Zettel, den er in die Kameras der Journalisten hielt.

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Maquinana bei seiner Antrittserklärung.

Maquinanas Kandidatur darf in Bezug auf einen ideologischen Hintergrund natürlich nicht überbewertet werden, schließlich reihte er sich in eine Liste von Spaßkandidaten ein, zu denen auch der "Intergalaktische Raumbotschafter" Allan Carreon zählte, ebenso wie der "Erzengel Luzifer" Romeo John Ygonia und die Lehrerin im Ruhestand Marita Arilla, die das Land in eine absolute Monarchie für Gottes Allmacht umwandeln wollte. Die Begründung des pensionierten Polizisten Romeo Plasquita für sein Antreten war dagegen nachgerade vernünftig: Er habe kein Geld und keine Persönlichkeit, die ihm die Eignung für die Kandidatur gebe. Aber er habe seit fünf Jahren keine Pension bekommen und wolle so auf seine Lage aufmerksam machen. Maquinana selbst konnte den Zweck seiner Bewerbung ebensowenig schlüssig erklären wie die Inhalte des Nationalsozialismus.

Mit Hitler gegen Politikmüdigkeit

Hitler als politisches Argument findet sich andernorts in Asien: In Taiwan warb die Regierungspartei DPP (Democratic Progressive Party) im Sommer 2001 mit einem Video einer Rede des Nazi-Führers. Der DPP-Sprecher Phoenix Cheng erklärte damals, der Kurzfilm solle junge Menschen zur Beteiligung an der Politik anregen. Neben Hitler wurden auch Reden von Kubas Langzeitpräsident Fidel Castro, des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy und von Taiwans früherem Präsidenten Lee Teng-hui gezeigt. Dass jüdische Organisationen gegen die Ausstrahlung des Videos protestierten, quittierte Cheng mit der Aussage, auch die Menschen Taiwans seien in der Vergangenheit unterdrückt worden.

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Parteisprecher Phoenix Cheng bei der Rechtfertigung des Werbefilms mit Hitler-Rede.

Im Juni 2014 unterstützte der indonesische Rockmusiker Ahmad Dani die Präsidentschaftskandidatur von Prabowo Subianto. In einem Musikvideo trat er in einer an die SS erinnernde Uniformjacke mit einem goldenen Garuda, dem mythischen Wappenvogel Indonesiens, auf. Nicht nur die Jacke war eine schlechte Kopie, für seinen Wahlkampfbeitrag vergriff sich Dani am Queen-Klassiker "We will rock you". Prabowo, Ex-General und Schwiegersohn des früheren Diktators Suharto, unterlag trotzdem gegen den Gouverneur von Jakarta Joko Widodo.

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Ahmad Danis Wahlkampfauftritt für Prabowo Subianto.
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Subtiler, doch offensichtlich genauso ignorant agierten im Dezember 2014 die Produzenten eines Propagandavideos, mit dem die thailändische Regierung Schülern die "zwölf wichtigsten Werte" näherbringe wollte. In einer Szene malt ein grinsendes Kind ein Hitlerportrait mit Hakenkreuz, während ein zweiter Schüler Applaus spendet. Israels Botschafter Simon Roded kritisierte, dass niemandem der Beteiligten die Verwendung von Nazisymbolen aufgefallen sei und die "Unkenntnis der Geschichte des Holocaust" in Thailand immer wieder für derartige Situationen sorge. Doch ein Sprecher von Ministerpräsident Prayuth Chan Ocha erklärte die Angelegenheit zu einem "leichten Missverständnis". Der Film sei gut, nur das Bild werde ausgetauscht.

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Thailands Militärregierung will Kindern Werte vermitteln. Bei 0:54 wird ein Hitlerbild gemalt.

Dass Botschafter Rodeds Kritik nicht von der Hand zu weisen ist, zeigen jedoch Bilder einer Schul-Parade von September 2011. Bei der Veranstaltung in Chiang Mai im Norden des Landes marschierten Schülerinnen der privaten christlichen Sacred Heart Preparatory School in Nazi-Uniformen und Hakenkreuzbinden auf, ein verkleideter Hitler und "Sieg Heil" inklusive.

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Kostümnaziaufmarsch in der Schule.

Am Sport-Tag halten die Schüler der Schule traditionell eine Kostümparade ab, deren Thema bis zum Veranstaltungstag geheimgehalten wird. Die Lehrer sollen daher über die Pläne nicht Bescheid gewusst haben. Den Schülerinnen wiederum soll die problematische Aussage ihres Aufmarsches nicht bewusst gewesen sein. Sie seien über die Reaktionen überrascht und hätten keine besondere Botschaft mit der Parade im Sinne gehabt.

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Nach eigenen Angaben war den Schülern die Aussage ihres Aufmarsches nicht bewusst.

Doch schon davor gab es in Thailand Aufmärsche von als Nazis kostümierten Jugendlichen. Als politische Manifestation sind diese wohl kaum zu verstehen, vielmehr handelt es sich um eine bizarre Variante des Cosplay, bei dem sich Teilnehmer möglichst authentisch als eine Film- oder Comicfigur verkleiden.

In Thailand stellt eine Reaktion wie im Fall der Schule in Chiang Mai eher eine Ausnahme dar. Dass Hitler dabei selbst zu einer beliebigen historischen Comicfigur mutiert, sollte niemanden überraschen, denn der Nazi-Fetisch ist im Straßenbild Thailands omnipräsent. T-Shirts mit Führerbild, Reichsadler und Hakenkreuz finden sich in vielen Shops, Auf manchen Shirts wird Hitler auch als Teletubbie oder Comicpanda dargestellt. Motorradhelme, Autos und LKWs sind mit SS-Runen und anderen Nazi-Emblemen verziert.

foto: apa/epa/gautier
Normales Straßenbild: ein Jugendlicher in der nordthailändischen Stadt Udon Thani trägt ein Hakenkreuz-T-Shirt mit dem Namen des Nazi-Diktators.

Wegen der Allgegenwärtigkeit des Nazi-Chics haben sich vermutlich auch die Betreiber eines Wachsfigurenkabinetts in Pattaya nicht viel dabei gedacht, als sie 2009 eine riesige Werbetafel mit dem Spruch "Hitler ist noch nicht tot" aufstellen ließen. Auf weiteren Plakaten warben Michael Jackson, Bruce Lee und Gandhi mit dem gleichen Slogan.

foto: apa/epa
Hitler ist noch nicht tot, aber seitenverkehrt.

1998 diente der Führer gar als Werbetestimonial für "X"-Kartoffelchips. In dem Werbespot sieht man zunächst Hitler posieren, dann wird er durch eine Chips essende Frau mit Voodoo in eine Karikatur verwandelt. Am Ende des Spots mutiert ein Hakenkreuz zum Firmenlogo. Die für den Spot verantwortliche Marketingfirma erklärte, die Werbung richte sich an Jugendliche und solle zeigen, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn Freude herrsche.

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Auch auf Tuktuk-Taxis wurde für die Hitler-Chips geworben.

Zwei Jahre später hatte eine südkoreanische Süßwarenfirma die Idee, dass Hitler ein guter Werbeträger für ihre Produkte sei und ließen den Diktator von einem Komiker imitieren.

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Hitler soll ja eine Schwäche für Süßes gehabt haben, ein Faible für koreanische Süßwaren ist aber nicht überliefert.

In Taiwan machte Hitler im Jahr zuvor als Karikatur Werbung für Heizlüfter aus deutscher Produktion. Der Slogan auf schwarz-rot-goldener Fahne lautete "Erkläre der Kaltfront den Krieg!"

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Kaltfront statt Ostfront: deutsche Heizungen für Taiwan.

Auch für eine Antiraucherkampagne fand das Gesicht Hitlers Verwendung. Gemeinsam mit dem Al-Kaida-Chef Osama bin Laden wurde er 2011 in Südkoreas Hauptstadt Seoul plakatiert, um mit dem Motto "Rauchen tötet mehr" über neu eingeführte Strafen für das Rauchen auf öffentlichen Plätzen zu informieren.

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"Rund sechs Millionen Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen des Rauchens" und "Viel mehr Menschen sterben durch Rauchen als durch Kriege" lauten die Slogans neben den Bildern.

Unter anderem wurde Hitler in den vergangenen Jahren außerdem zur Werbefigur für Hewlett Packard in Indien (mit einem USB-Stick als Bärtchen), einen japanischen Rasiersalon, ein chinesisches Fastfoodnudellokal in Jakarta mit dem Slogan "Kann nicht alles hassen", Hörbücher in Indien (mit aus dem Mund hängendem Lesebändchen), was 2011 mit einem Silbernen Löwen in Cannes ausgezeichnet wurde, für Textmarker ebenfalls in Indien und schließlich für einen Abführtee in Thailand mit dem Slogan "Lass den Dämon frei". Letzterer ist möglicherweise hilfreich, wenn man in einem der folgenden Gastronomiebetriebe eingekehrt ist.

Im Jahr 2013 berichteten internationale Medien über das "Soldatenkaffee" im indonesischen Bandung. Unter Hakenkreuzfahnen und Hitlerbildern wurden Gerichte wie "Nazi Goreng" serviert. Der Betreiber Henry Mulyana erhielt Morddrohungen und musste schließen, im Jahr darauf wurde im Wesentlichen unverändert wieder aufgesperrt. Benannt ist das bizarre Themen-Lokal nach einem Pariser Café, das unter deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg beliebt war.

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Das "Soldatenkaffee" in Bandung.
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Im "Soldatenkaffee" ist man mit einer Uniform der SS-Freiwilligen-Legion Niederlande passend gekleidet.
foto: apa/epa
Aber auch andere Uniformen sind gern gesehen.

Vergleichbare Themenrestaurants haben mittlerweile eine lange Tradition in der Region. Im Jahr 2000 schaffte es die Bar "Fünftes Reich" in Seoul sogar ins Time Magazine. Auch hier ist es kein ideologischer Hintergrund, der die Kunden anlockt. "Ich hasse sie nicht und ich mag sie nicht", sagte der Lokalbesucher Chung Jae Kyung über die Nazis. "Aber sie haben sich gut angezogen".

Nach Protesten wurde zwar an der Einrichtung der Bar kaum etwas verändert. Aber wenigstens wurde sie von "Drittes Reich" in "Fünftes Reich" umbenannt, eine Alibihandlung, wie auch 1988 in Itaewon, wo der Name der "Gestapo"-Bar in "GestaIV" geändert wurde oder in Pusan, wo eine Hitler-Bar nach Beschwerden "Ddolf Ditler" hieß. Wie der Besitzer ursprünglich auf die Idee kam, sein Bierlokal nach Hitler zu benennen? Weil Deutschland die Heimat des Bieres ist...

In der indischen Finanzmetropole Mumbai wiederum eröffnete im Jahr 2006 ein Restaurant namens "Hitlers Cross". Im Logo war prominent ein Hakenkreuz platziert, in der Auslage hing ein Hitlergemälde.

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Das "Hitlers Cross" in Mumbai.

Nach Beschwerden der lokalen jüdischen Gemeinde änderte der Besitzer Satish Sabhlok trotz anfänglicher Ablehnung den Namen in "The Cross Cafe" und ließ alle Hitlerbilder und Hakenkreuze entfernen. "Unser Motiv war nicht, Hitler oder seine Ideologie zu glorifizieren", sagte Sabhlok. Der Vorsitzende der indischen jüdischen Föderation Jonathan Solomon sagte, Sabhlok habe ihn besucht und sich entschuldigt. Er habe gehofft, dass Sabhlok nicht aus Bosheit sondern aus Unwissenheit gehandelt habe.

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Nach Protesten der jüdischen Gemeinde wurde rasch der Name des Lokals geändert.

Fünf Jahre später wurde über eine Billardhalle namens "Hitlers Den" in der indischen Stadt Nagpur debattiert. David Golfarb, der Sprecher der israelischen Botschaft, meinte, der Name könne nur auf Unkenntnis der Besitzer über die Verbrechen der Nazis zurückzuführen sein. "Wir sind überzeugt, dass sie, sobald sie die Bedeutung des Nazi-Massakers an sechs Millionen unschuldigen Juden und vielen anderen in Europa während des Zweiten Weltkrieges kennen, sofort den Namen ändern und alle Symbolik im Zusammenhang mit diesem grauenhaften Regime entfernen werden."

Der Lokalinhaber Baljeet Ghosal lehnte eine Namensänderung jedoch völlig ab. Der Name "Hitlers Den" sei bereits seit 2006 in Verwendung und gerade habe man ein zweites Lokal in Laxmi Nagar eröffnet: "Es ist unsere Identität". Warum er sein Billardlokal nach dem Nazidiktator benannt habe, erklärte Ghosal damit, dass er einen "anders klingenden Namen" gesucht hatte. "Jemand schlug "Hitler" vor und ich war sofort einverstanden. Und was immer man über seine Gräueltaten über Juden sagt, wer weiß in Nagpur schon davon? Niemand hat sich bisher beschwert."

Der Soziologe Nandini Sardesai führte die Angelegenheit auf die Ignoranz der Bevölkerung zurück.: "Das ist Unwissenheit der Gesellschaft." Wenn es in Nagpur nur wenige Juden gebe, warum stehe dann nicht die Zivilgesellschaft auf und protestiere, fragte Sardesai. Bei der Zensur von Filmen werde auf jedes Wort geachtet, damit Gefühle nicht verletzt werden, doch weil die Zahl der Juden nicht groß sei, werde auf deren Gefühle nicht geachtet: "Diese Verherrlichung von Hitler ist schockierend."

Nazi-Spaghetti

In Taiwan wiederum konnte man im italienischen Restaurant "Rock Mill" in Banciao "Long Live Nazi Spaghetti" auf der Speisekarte finden. Die Lokalbesitzerin Tsao Ya-hsin gab dem Gericht den Namen, da sie deutsche Würste dafür verwendete. Sowohl israelische als auch deutsche Vertreter in Taiwan beklagten das mangelhafte Geschichtsverständnis im Land. Die Kreation deutet allerdings auch auf ein ebenso mangelhaftes Verständnis der italienischen Küche hin.

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Tsao Ya-hsin serviert "Long Live Nazi Spaghetti".

Thematisch würden Frau Tsaos Wurstnudeln besser in ein Restaurant in Taiwans Hauptstadt Taipei passen. In dem Lokal "The Jail" wurden die Gäste von Kellnern in Sträflingskleidung empfangen und in Handschellen an ihren Tisch in einer Zelle geführt. Zur Inneneinrichtung gehörten Bilder aus deutschen KZs. Zu den Toiletten gelangte man durch einen Gang, über dem ein Schild mit der Aufschrift "Gaskammer" prangte – nach Aussagen des Lokalchefs Stone Cheng wurden die Räume so genannt, da sich dort üble Gerüche sammeln würden. Nach Protesten der israelischen und und deutsche Vertretungen im Jahr 2000 entfernte Cheng die Holocaust-Bilder umgehend und entschuldigte sich: "Wir hätten nie gedacht, dass das bei Ausländern negative Assoziationen auslösen könnte".

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Bereits im Jahr 1988 gab es Proteste gegen ein thailändisches Nazi-Themenlokal. Die "Nazi Bar" in Bangkok öffnete im Mai des Jahres, zur Ausstattung gehörten Hitler- und Mussolini-Bilder ebenso wie Kellner mit Hakenkreuz-Armbinden. Im Juni wurde das Lokal in "No Name Bar" umbenannt – um "alle glücklich zu machen", wie der Betreiber Aor Sarayuk erklärte. Einige ausländische Gäste hatten sich beklagt, im Gegensatz zu den Einheimischen. Zuvor hatte Aor die Barausstattung noch mit dem "kraftvollen, eingängigen und emotionalisierenden Reiz" des Nazi-Themas begründet. Schließlich wurden die Nazibilder mit Sportautos wie Ferrari und Porsche ersetzt – denn "nicht viele Leute haben etwas gegen Autos", wie Aor erklärte.

2013 überschlugen sich die Medien mit Berichten über ein angebliches "Hitler Fried Chicken" in Thailand. Auslöser war ein Foto, das im Internet geteilt wurde. Darauf war ein Lokal namens "Hitler" mit einer Darstellung des Diktators abgebildet, die dem Bild von Colonel Sanders der Kette "Kentucky Fried Chicken" nachempfunden war. Das Nachfolgelokal in Ubon Ratchathani heißt mittlerweile "H-ler".

Onkel-Hitler-Eis

Im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh konnte man im Vorjahr Hitler-Eis kaufen. Die Kartonverpackungen der Waffeltüten wurden von Bildern des Führers in Uniform geziert, auch ein aus der Feder des brasilianischen Karikaturisten Carlos Latuff stammender Cartoon Hitlers mit einem hakenkreuzgetoppten Uncle-Sam-Hut war abgebildet.

Laut dem Hersteller Neeraj Kumar sind die Stanitzel nach seinem Onkel benannt. "In unserem Dorf nennen wir alle mit einem hitzigen Temperament 'Hitler'. Einer meiner Onkel ist ein jähzorniger und strenger Mann, deswegen geben wir ihm den Spitznamen "Hitler". Die Tüten haben nichts damit zu tun, wer Hitler war", sagte Kumar, der sich über die weite Verbreitung der Story wunderte. Er habe sogar Berichte auf ausländische Webseiten gelesen. In Kommentaren werde geschrieben, dass die Inder nichts über die Geschichte oder die Brutalität Hitlers wüssten, klagte Kumar. Er wolle den Leuten sagen, dass "der Name nicht wegen Hitlers schlechten politischen Taten und was sie den Holocaust nennen ausgewählt wurde."

Auch Kumars Stellungnahme zeigt deutlich, dass das Verständnis in Indien für die Hintergründe der Geschichte des Zweiten Weltkrieges nicht ausgeprägt ist. Hitler gilt weniger als verbrecherische Figur sondern vielmehr als starker Anführer, der auch in einem chaotischen Land wie Indien für Ordnung sorgen könnte. Gegenüber der "Hindustan Times" erklärte der Meinungsforscher N Bhaskara Rao, dass große Teile der Inder kein Bewusstsein hätten, wer Hitler war und was der Holocaust bedeutet. "Sie verstehen die langfristigen Auswirkungen der Verwendung von Hitler als Markenimage und die Kultur, die es mit sich bringt nicht", sagte der Gründer des Centre for Media Studies in Neu Delhi.

Diese Einschätzung deckt sich auch mit dem Modegeschäft "Hitler" (mit roter Swastika als I-Punkt) in Ahmedabad. Der Besitzer der Boutique erklärte, er würde den Namen nur ändern, wenn ihm die Kosten für die Umgestaltung ersetzt würden. Er habe nicht gewusst, wer Hitler war, als er sein Geschäft eröffnete.

foto: apa/epa
Die Boutique "Hitler" in Ahmedabad bietet unter anderem Gandhi-T-Shirts an.

Das Bild wird durch die Tatsache abgerundet, dass Hitlers politische Hetzschrift "Mein Kampf" in Indien ein Bestseller ist. Das Buch ist nicht nur auf Englisch erhältlich, sondern auch auf Hindi, Gujarati, Bengalisch, Mayalalam und Tamilisch und wird von einem Dutzend Verlage verbreitet. Rajesh, ein Buchverkäufer aus Delhi, erklärt in der Hindustan Times, er verkaufe mehrere Exemplare von "Mein Kampf" pro Woche und das seit zwanzig Jahren. Wer Hitler war, weiß er jedoch nicht so genau: "Der Junge hat nur ein Buch geschrieben, das ihn zu einem Bestsellerautor gemacht hat".

Die Ursache dieses mangelnden Bewusstseins ist auch in der Geschichte des Unabhängigkeitskampfes Indiens und der generellen Einstellung eines Teiles der Hindu-Nationalisten zu suchen. Jeder Feind der Briten wird dabei als potentieller Freund betrachtet, sagt Anton Pelinka. Der Politikwissenschafter erklärt, dass bis heute bei den indischen Nationalisten eine Strömung existiert, die es bedauert, dass das Land einen gewaltfreien Weg in die Unabhängigkeit gewählt hat. Im Gegensatz zu Gandhi und Nehru strebte Subhas Chandra Bose nach einer militärischen Lösung vom britischen Empire. Mit ihm hat sich Pelinka in seinem Buch "Demokratie in Indien" eingehend befasst. 1944 gründete Bose die Indische Legion, eine der Waffen-SS unterstellte Kampftruppe. Seine historische Rolle wird bis heute kontrovers diskutiert, bildet aber die Grundlage für eine Sehnsucht nach einem gewaltbereiten Heroen im Kampf gegen die Bevormundung. ebenso wie die Suche nach einer indischen Identität.

Doppelte Bedeutung des Hakenkreuzes

Das Hakenkreuz, bei dessen Anblick ein Europäer zumindest die Augenbraue hebt, ist darüber hinaus als Symbol in der indischen Tradition tief verwurzelt, sagt Pelinka. So führen die Anhänger der Jains-Religion die Swastika auf ihrer Fahne.

Auch Cornwel-Smith weist auf diese Tatsache hin. Viele Leute aus dem Westen würden den Eindruck vermitteln, dass das Tabu gegen das Nazi-Hakenkreuz das Faktum übertrumpft, dass es sich dabei um ein uraltes Symbol handelt. In Asien habe es eine positiv besetzte Bedeutung, die die negativen europäischen Assoziationen neutralisierten: "Der Westen muss sich an die doppelte Bedeutung der Swastika gewöhnen."

foto: apa/epa/yongrit
Posieren mit Hitler im Wachsfigurenkabinett

In den in Asien vorherrschenden autoritären Kulturen gebe es eine breite Bewunderung für starke Führer, selbst wenn dies zum Schaden der Leute sei. Deswegen werden Hitlers Verbrechen nicht als außergewöhnlicher Schrecken betrachtet, sondern nur als Taten eines weiteren starken Mannes mit einem unverwechselbaren Äußeren. Das führt dazu, dass Hitler in Thailand auf Wandbildern gemeinsam mit Superhelden dargestellt wird oder als herzige Cartoonfigur auf T-Shirts gedruckt wird, sagt Cornwel-Smith.

Hitler-Häferl aus China

Gelegentlich schwappt der asiatische Nazi-Chic auch nach Europa und sorgt hier für unliebsame Überraschungen. Die Möbelhauskette Zurbrüggen musste 2014 in Nordrhein-Westfalen eine Rückrufaktion von Kaffeehäferln starten. Niemandem war aufgefallen, dass bei einer aus China gelieferten Charge von 5000 Stück der kitschigen Tassen mit Rosen-Design eine 30-Reichspfenning-Briefmarke mit Hitlerbüste abgebildet war, korrekt mit einem zeitgenössischen Poststempel mit Reichsadler entwertet. Leider hatte das Einrichtungshaus nicht mehr alle Tassen im Verkaufsregal: 175 Stück waren bereits verkauft worden. Vielleicht taugen die Trinkgefäße für den Genuss des berüchtigten "Führerweins", der an verschiedenen Orten in Italien verkauft wird und seit der Jahrtausendwende fast jedes Jahr zur Urlaubszeit durch die deutschsprachigen Medien geistert.

foto: apa/epa/chasseur
9500 Lire kostete in Jesolo eine Flasche Führerwein im Jahr 2001.

Das Konterfei Adolf Hitlers taugt also offensichtlich auch in Europa als verkaufsförderndes Argument. Neben dem Führer sind auch Flaschen mit Mussolini, Eva Braun und Papst Johannes Paul II. erhältlich. (Michael Vosatka, 20.11.2016)

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