Neuburger: Die Mannerschnitte unter den Wurstmachern

13. Oktober 2016, 07:37
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Hermann Neuburger wurde mit Leberkäse groß, der keiner sein will. Jetzt übt sich der Mühlviertler in fleischlosen Alternativen

Wien – Gefragt, ob er wirklich Fleischhauer werden will, hat ihn sein Vater nie, sagt Hermann Neuburger. "Ich war der älteste Sohn, ich war als Nachfolger vorgesehen und habe mich nicht gewehrt." 46 Jahre ist es her, dass der Mühlviertler in die Fußstapfen seines Vaters trat. Um sie wenig später wieder zu verlassen und in seine eigene Richtung zu stapfen. Neuburger verpachtete seine kleine Metzgerei, trennte sich von allen Produkten außer dem Leberkäse, schaffte von Ulrichsberg aus den Sprung in große Supermärkte, legte sich mit dem Handelsriesen Billa an, ging aus dem Kampf wie David gegen Goliath als Sieger hervor und übt sich nun in fleischlosen Alternativen. Ein eigens dafür gegründeter Betrieb verarbeitet künftig Kräuterseitlinge zu Würsteln, Gyros und Schnitzel.

Neuburger lässt sich mit keinem seiner Mitbewerber in einen Topf werfen. Er konzentrierte sich mit 70 Mitarbeitern seit Jahrzehnten nur auf Leberkäs, der selbst allerdings keiner sein will, wie Werbeslogans konsequent trommeln. Er spart nicht mit Kritik an rauen Bedingungen in der Fleischproduktion und räumt offen eigene Fehler ein. Naiv sei er anfangs im Umgang mit Handelsketten gewesen, erinnert er sich. "Ich bin in alle Löcher gefallen, in die man so fallen kann, um mich dann aus ihnen wieder rauszurappeln."

Von Supermarkt zu Supermarkt

In den 80er-Jahren zog er selbst von Supermarkt zu Supermarkt, um Kunden zu erklären, warum sein Leberkäse doppelt so viel kostet wie jener der Konkurrenz. Gemäß den Rezepten seines Vaters verarbeitete er dafür allein Schnitzelfleisch. Ein Sakrileg in Zeiten, in denen Leberkäs der Branche als Restlverwertung diente. "Der Lebensmittelhandel war unsere einzige Bühne." Eigene Filialen mit nur einem Produkt aufzuziehen sei undenkbar.

Bei der Namenssuche war Schnittenerzeuger Manner Neuburger ein Vorbild. "Warum eine Fantasiemarke, wenn es der eigene Familienname auch tut."

Der Plan, nicht austauschbar sein zu wollen, ging auf. Bis Großkunde Billa sich weigerte, für den Betrieb notwendige Preiserhöhungen zu schlucken. Neuburger stellte die Lieferung ein und flog in der Folge aus mehr als tausend Fleischtheken.

Schaukampf gegen die Großen

Kunden protestierten, Medien verglichen die streitbaren Oberösterreicher mit Asterix und den Römern, zeitweise schalteten sich Kartellwächter ein. Nach gut zwei Jahren holte Billa den fettarmen Leberkäs zurück in die Regale. Bereut hat Neuburger den Schaukampf nicht – auch wenn seine Entscheidung im Betrieb umstritten war. "Es war eine harte Zeit. Aber ich wusste, wir verkraften den Ausfall." Heute verhandle er mit Händlern auf Augenhöhe. "Es gab ein Umdenken. Die Gespräche wurden professioneller." Über die hohe Marktkonzentration zu klagen bringt aus seiner Sicht nichts. Unbestritten, dass diese schlecht sei – der Ball, sie zu verhindern, sei aber bei der Wettbewerbsbehörde gelegen. Jetzt sei es dafür zu spät. Den Job von Betrieben wie dem seinen sieht er darin, besser zu sein als die Labels der Supermärkte. "Anders funktioniert dieses Spiel nicht." Angebote, selbst Handelsmarken zu produzieren, schlug er aus.

Neuburger kauft Rohstoffe für die Produktion in Ulrichsberg ausschließlich in Österreich, rund ein Fünftel seines Geschäfts erzielt er in Deutschland. Der Versuch, auf Bio umzusatteln, scheiterte. "Wir bekamen nicht einmal ein Zehntel des Schweinefleisches, das wir benötigen." Hohe Kostendifferenz zu konventionellem Fleisch und wenig Lust der Kunden, mehr zu bezahlen, machen Bio fürs Gros der Lieferanten unrentabel.

Fleischkonsum wächst

Dass sich die Bedingungen in der industriellen Tierhaltung und Schlachtung international verbessern, bezweifelt Neuburger. "Ich wünsche es, habe aber wenig Hoffnung." Vielmehr gebe es Prognosen, wonach sich die Fleischproduktion aufgrund starker Nachfrage aus Ländern wie China und Indien bis 2050 weltweit verdopple.

Auch Neuburger reiste zuletzt regelmäßig nach Asien – um sich jedoch in buddhistische Garküchen zu begeben. Seine Suche galt fleischlosen Alternativen. In Österreich wurden Soja, Seitan und Biopilze in allen Variationen verkostet. Die Seitlinge setzten sich durch, Neuburger will sie daher bald selber züchten. Sein Ziel sei es, sagt er, mit "Hermann Fleischlos" einen neuen und Neuburger ebenbürtigen Betrieb aufzubauen.

Seine vier Kinder drängte der gelernte Fleischer und Koch nie ins Unternehmen. Ein Sohn engagiert sich darin dennoch seit Jahren. Als Pensionisten kann Neuburger (64) sich derzeit nur sehr schwer vorstellen. Reinpfuschen werde er dem Junior aber nicht, ist er sich sicher. Dass das Unternehmen in Familienhand bleibt, daran gibt es für ihn nichts zu rütteln. "Ich wollte immer frei sein." (Verena Kainrath, 13.10.2016)

  • Leberkäse diente einst als Restlverwertung. Über die Jahre stieg er in der Gunst der Gourmets.
    foto: christian fischer

    Leberkäse diente einst als Restlverwertung. Über die Jahre stieg er in der Gunst der Gourmets.

  • Hermann Neuburger setzte alles auf eine Karte,  konzentrierte sich auf ein einziges Produkt, das er partout nicht Leberkäse nennen will.
    foto: neuburger

    Hermann Neuburger setzte alles auf eine Karte, konzentrierte sich auf ein einziges Produkt, das er partout nicht Leberkäse nennen will.

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