Nostalgie im Korbflechtgewerbe

13. Oktober 2016, 16:00
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Das "Designersackerl" als Sargnagel von Einkaufskörben. Händlerehepaar fährt von Wien aus auf Märkte

Wien – Das Leben von Christine Drabek ist eng mit ihrer Ware verflochten: Bei einer Inventur kämen schon an die 500 Stück zusammen, schätzt sie. Die beiden Räume des kleinen Ladens der 71-Jährigen in Wien-Währing sind bis unter die Decke vollgestopft mit Einkaufs-, Hunde-, Wäsche-, Brot- und Flaschenkörben, Puppenwägen, Kindersessel und anderen geflochtenen Gegenständen. Hinzu kommt noch die Ware des "mobilen" Geschäfts, die in einem gläsernen Anhänger zu Märkten transportiert wird.

Doch der Handel mit Körben sei längst nicht mehr das, was er einmal war, sagt sie. Vor allem junge Leute zögen Taschen und "Designersackerl" vor. Immer weniger Menschen wüssten Korbwaren zu schätzen. Wie jener Stadtkunde, der jedes Hemd in einem eigenen Regalkorb aufbewahre. Auf dem Land bestehe mehr Interesse, doch werde viel gefeilscht.

Große Konkurrenz

Seit 1964 ist Christine Drabek Inhaberin des Geschäfts, das ihr 1972 verstobener Mann erworben hatte. Anfangs verkaufte sie Holz- und Bastelwaren im Großhandel, doch in den 80er-Jahren habe der Werkunterricht in den Schulen an Bedeutung verloren. Statt mit gedrechselten Holzsachen hätte man mit Joghurtbechern und Klorollen gebastelt.

Mit ihrem zweiten, 1980 geehelichten Mann, der sich im Gespräch selbst als Prinzgemahl tituliert, beginnt sie auf Märkte zu fahren, Korbwaren kommen hinzu. Stammten diese anfangs teilweise aus Österreich, werden sie heute großteils aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern, Marokko und Südafrika bezogen. Angesichts der großen Konkurrenz in jedem Supermarkt und Möbelgeschäft, die überwiegend Billigprodukte aus China anböten, habe man als zweites Standbein den Vertrieb kandierter Früchte begonnen, berichtet der Prinzgemahl. Noch heute ist der 72-Jährige auf Märkten und Festen mit seinem "Staberl-Express" zu finden.

Geflecht für Möbel

Zum Hauptumsatzbringer sind allerdings Neueinflechtungen von Möbeln geworden – mit Wiener Geflecht, aber auch mit Schnüren, Binsenmaterial oder Seegras. Der Kundenstamm "60 plus mit Obergrenze in die 100", die ihre "Möbel einmal ordnungsgemäß den Erben übergeben wollen", erzählt Drabek und fügt pathetisch hinzu, dass es sie schon noch gebe, die gute Mittelschicht. Zumindest in gewissen Bezirken. "In Favoriten würde man da kein Geschäft machen."

Warum sie und ihr Mann noch immer tagaus, tagein im Geschäft stünden? Nun, die insgesamt sechs Töchter aus beiden Ehen hätten studiert und wüssten sich Besseres. Trotz im Vorjahr operierter Hüfte könne sie sich "nicht vorstellen, es nicht mehr zu machen". Der Prinzgemahl lässt seinen Blick müde durch die renovierungsbedürftigen Räume wandern. "Reichtümer sammelt man in diesem Geschäft halt keine an." (Karin Tzschentke, 13.10.2016)

  • Der geflochtene Korb zum Einkaufen – im Bild ein außergewöhnlich großes Exemplar aus dem steirischen Vulkanland – ist aus der Mode gekommen.
    foto: josef kirchengast

    Der geflochtene Korb zum Einkaufen – im Bild ein außergewöhnlich großes Exemplar aus dem steirischen Vulkanland – ist aus der Mode gekommen.

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