Seltene Selbstkritik in der Entwicklungshilfe

12. Oktober 2016, 18:57
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Nicht immer kommt die Hilfe an, bemängelt Experte Stefan Pleger. Er geht mit seiner NGO in Uganda eigene Wege und hat bereits 164 Jobs geschaffen

Innsbruck – Stefan Pleger sieht seine Arbeit selbstkritisch: "Wir müssen uns als Branche fragen, warum nach so vielen Jahren der Entwicklungszusammenarbeit nichts weitergeht." Der seiner Meinung nach berechtigten Kritik an dieser Form der Unterstützung, steht der stete Ruf nach mehr Hilfsmitteln gegenüber. "Doch die zentrale Frage ist: Wofür werden diese Gelder eigentlich verwendet?"

Die Hälfte des Jahres verbringt der Tiroler Pleger (47) zusammen mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Sohn in Uganda. Dort hat das Paar seit 2008 die Hilfsorganisation Kindern eine Chance (KEC) aufgebaut. In der zweiten Jahreshälfte bereist er für Red Chairity, der Hilfsorganisation eines großen Möbelhauses, die Welt, um unterstützenswerte Projekte auszuwählen. Pleger gilt als Experte, was Nichtregierungsorganisationen und Entwicklungshilfe angeht – vor Aufbau seiner eigenen NGO war er für Ärzte ohne Grenzen tätig.

Mehr Transparenz bei Verwendung der Gelder

Plegers KEC lukrierte 2015 rund 900.000 Euro an Spenden. Eine erkleckliche Summe. Insgesamt wurden in Österreich 2015 rund 600 Millionen Euro von Privatpersonen gespendet. Pleger kritisiert bei der Verwendung von Spendengeldern die Intransparenz in der Branche: "Es fehlt an Kennziffern, die belegbar sind." Er nennt zwei Beispiele. Zum einen sollten NGOs detailliert ausweisen, wie viel des gespendeten Geldes im Projektland eingesetzt wird. Zum anderen sollten die Aufwendungen für Mitarbeiter in Bezug zum lokalen Durchschnittseinkommen gesetzt werden.

KEC betreibt in Uganda fünf Kindergärten und sechs Grundschulen mit insgesamt 3600 Kindern sowie ein tägliches Ernährungsprogramm für weitere 14.000 Schüler. Während Pleger und sein Team in Österreich allesamt ehrenamtlich tätig sind, hat er in Uganda bereits 164 Arbeitsplätze für Einheimische geschaffen. Von der Geschäftsführung bis zum Schuster sind alle Jobs in seiner Organisation mit Personal aus Uganda besetzt.

150 Euro pro Monat

Wobei auf ortsübliche Bezahlung geachtet wird: "Ein Physiotherapeut verdient bei uns 150 Euro monatlich. Das klingt mager, aber der Durchschnittslohn in Uganda beträgt 70 Euro." Viele NGOs würden Löhne auf westlichem Niveau zahlen, was die Strukturen vor Ort durcheinanderbringe: "Nicht alle haben auch gleichen Zugang zu diesen NGO-Strukturen und diesen Jobs. Wenn man die Abwanderung in diesen Ländern stoppen will, muss man vor Ort für bessere Lebensbedingungen sorgen."

Zudem mangle es am Austausch unter den NGOs, so Pleger. Während man in Sachen Spendenlukrierung problemlos kooperiere, wie der aktuelle Fundraising-Kongress in Wien zeige, fehle es am inhaltlichen Austausch.

Verdoppelung staatlicher Hilfe gefordert

Bei der Austrian Development Agency (ADA) entgegnet Geschäftsführer Martin Ledolter, Entwicklungshilfe müsse sich selbst hinterfragen: "Ich weiß, dass sie wirkt. Die Anzahl der Armen, die mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, wurde seit 1990 von 1,9 Milliarden auf 836 Millionen reduziert." Die Lebenserwartung sei gestiegen, und 90 Prozent aller Kinder in Entwicklungsländern würden eine Schule besuchen. Österreich gab im Vorjahr 1,2 Milliarden Euro für Entwicklungshilfe aus, was 0,32 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) entspricht. Die ADA fordert zumindest eine Verdoppelung dieser Summe auf 0,7 Prozent des BNE. (Steffen Arora, 12.10.2016)

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    foto: kec
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