Virtuelle Realität: Transport zum Schlachter aus der Sicht einer Kuh

14. Oktober 2016, 09:00
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In einer US-Studie wird untersucht, ob Mitgefühl durch Erleben einer Situation in der virtuellen Realität steigt

Wien – Es ist ein bizarrer Anblick: Ein Teilnehmer einer Studie der Universität Georgia robbt auf allen vieren über den Boden, auf den Augen eine Brille, die ihn eine virtuelle Realität erleben lässt. Studienassistenten stupsen ihn immer wieder mit Stöcken an. Es werden die letzten Stunden einer Kuh vor ihrer Schlachtung simuliert. Sun Joo Ahn, eine der Studienleiterinnen, erforscht, wie dieses Erleben am eigenen Körper in virtuellen Realitäten das Verhalten und die Einstellung von Menschen beeinflussen kann.

In einer zweiten Versuchsreihe erlebten die Menschen ihre Umgebung aus der Sicht einer Koralle. Der Ozean versauerte um sie, der Körper der Koralle begann dadurch zu korrodieren, langsam brachen ihre Äste ab. Ziel der Experimente war es, die scheinbar fernen Konsequenzen in der Zukunft durch menschlichen Konsum in der Gegenwart greifbarer und realer zu machen. "Das Problem bei der Vermittlung ökologischer Probleme ist oft die zeitliche Lücke", erklärt Ahn.

Empathie durch eigenes Erleben

Gerade der Klimawandel kann für Bewohner von Regionen, die noch nicht stark mit den Auswirkungen konfrontiert sind, abstrakt sein. Die virtuelle Erfahrung kann als Katalysator wirken. Eine Hürde bei der Simulation ist jedoch Berührung. Bestimmte Situationen wurden daher in den Versuchsreihen von Assistenten verstärkt, wie etwa das Schubsen mit Stöcken, um das Verladen einer Kuh auf einen Lkw nachzuahmen. Auch Fischernetze kamen zum Einsatz, um ein authentisches Gefühl eines Korallenriffs zu erzeugen.

"Es zeigt sich ganz deutlich, dass dadurch mehr Empathie entwickelt werden kann als durch Gespräche, in denen die Situation nur geschildert wird, oder auch durch das Anschauen von Videos", sagt die Wissenschafterin im Gespräch mit dem STANDARD. Als Folge nahmen Interesse und Engagement für ökologische Fragen und eine bessere Behandlung von Nutztieren zu.

Sichtweise der Tiere

Das Forschungsfeld der virtuellen Realität zur Förderung von Mitgefühl ist nicht neu. Ahn führt seit 2013 Studien zu dem Thema durch, etwa um Rot-Grün-Farbenblindheit zu erleben. Die Ergebnisse ermutigten die Wissenschafterin und Kollegen der Universitäten Stanford und Connecticut, einen Schritt weiterzugehen und Menschen die Sichtweise von Tieren einnehmen zu lassen.

Ahn glaubt zwar nicht, dass sich Menschen nach dem Erlebnis radikal ändern, aber "gewisse Grundvoraussetzungen und Charaktereigenschaften, die bereits da waren, konnten verstärkt werden". Die Untersuchungen werden weitergeführt, um auch langfristige Effekte zu verstehen. (july, 14.10.2016)

  • Was erlebt eine Kuh in ihren letzten Lebensstunden? Die Teilnehmer einer universitätsübergreifenden US-Studie können das durch das Werkzeug der virtuellen Realität erleben.
    foto: sun joo ahn

    Was erlebt eine Kuh in ihren letzten Lebensstunden? Die Teilnehmer einer universitätsübergreifenden US-Studie können das durch das Werkzeug der virtuellen Realität erleben.

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