Lymphödem eventuell medikamentös behandelbar

12. Oktober 2016, 11:42
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Bei der Therapie von Lymphödemen sollte man den Blick eher auf Entzündungsreaktionen richten, sind Forscher der Eidgenössischen Technischen Universität Zürich überzeugt

Zürich – Bestimmte Zellen des Immunsystems unterdrücken die Entwicklung von Lymphödemen, haben Wissenschafter der Eidgenössischen Technischen Universität in Zürich (ETH-Zürich) herausgefunden. Entzündungshemmende Therapien könnten deshalb der Schlüssel zum Erfolg bei diesem bisher unheilbaren Leiden sein.

Lymphödeme, bei denen die Gewebeflüssigkeit in Armen oder Beinen nicht mehr abfließen und zu schweren Schwellungen führen kann, entstehen oft nach Operationen, bei denen Chirurgen Lymphknoten entfernen. So entwickelt rund ein Fünftel aller Patientinnen einige Jahre nach einer Brustkrebsoperation ein Lymphödem im Arm- oder im Brustbereich. Warum einige Patientinnen diese Komplikation entwickeln, andere wiederum nicht, ist unklar. Es gibt jedoch Hinweise, dass bei der Entstehung von Lymphödemen nicht nur der chirurgische Eingriff eine Rolle spielt, sondern auch Entzündungsprozesse im Körper.

Ein Team von Forschern der ETH Zürich und der Aristoteles-Universität Thessaloniki hat jetzt entdeckt, dass ein bestimmter Typ von Blutzellen – die regulatorischen T-Zellen – Lymphödeme unterdrücken können. Diese Erkenntnis könnte helfen, Therapien zu entwickeln, um Lymphödeme zu heilen, heißt es vonseiten der ETH-Zürich. Regulatorische T-Zellen unterdrücken Immunreaktionen – als Gegenspieler anderer Blutzellen, welche Immunreaktionen hingegen fördern. Damit sorgen die regulatorischen T-Zellen dafür, dass Immunreaktionen nicht über das Ziel hinausschießen.

Regulatorische T-Zellen hemmen Wachstum der Ödeme

Auf die Spur der regulatorischen T-Zellen in Zusammenhang mit Lymphödemen kamen die Forschenden unter der Leitung von ETH-Professor Michael Detmar, als sie in Lymphödem-Gewebe von Mäusen die Konzentration verschiedener RNA-Moleküle maßen. In besonders hohen Konzentrationen kamen Moleküle vor, die spezifisch die Gen-Aktivität in regulatorischen T-Zellen steuern. Daraus schlossen die Wissenschafter, dass im Lymphödem-Gewebe solche Zellen verstärkt aktiv sind. In anschließenden zellbiologischen Untersuchungen sowohl von Mausgewebe als auch von Biopsien von Patientinnen wiesen die Forscher diesen Zelltyp außerdem direkt nach.

In weiteren Versuchen bei Mäusen konnten Detmar und seine Kollegen die Rolle der regulatorischen T-Zellen bei Lymphödemen klären: Die Zellen hemmen das Wachstum der Ödeme. Tiere, denen die regulatorischen T-Zellen fehlten, entwickelten nämlich stärkere Lymphödeme. Umgekehrt zeigten Mäuse deutlich schwächere Schwellungen, wenn die Forschenden bei ihnen zuvor die Zahl der regulatorischen T-Zellen erhöhten.

Möglicher Paradigmenwechsel

Die Wissenschafter führten dazu zwei Arten von Experimenten durch. Einerseits aktivierten sie die regulatorischen T-Zellen durch die Gabe bestimmter Stoffe, wodurch sich deren Zahl stark erhöhte. In anderen Experimenten verabreichten die Wissenschafter den Mäusen eine Transfusion von regulatorischen T-Zellen.

"Wir zeigen mit unserer Arbeit, dass man über die Unterdrückung von Entzündungen Lymphödeme im Schach halten kann", sagt Detmar. Bisher habe sich die Medizin bei der Behandlung von Lymphödemen auf die Lymphgefäße und den Abfluss der Lymphflüssigkeit konzentriert. "Unsere Studie legt hier einen Paradigmenwechsel nahe. Bei der Therapie von Lymphödemen sollte man den Blick eher auf Entzündungsreaktionen richten.

Möglicherweise wäre mit diesem Ansatz auch erstmals eine Heilung von Lymphödemen möglich" – etwa mit entzündungshemmenden Medikamenten. (APA, 12.10.2016)

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