Kiewer Marathon mit Höhen und Tiefen

Reportage12. Oktober 2016, 13:55
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700 Läufer traten zum Marathon in der ukrainischen Hauptstadt an. Von Rekorden ist er so weit weg wie die Wirtschaft des Landes

Am Sonntag um 9 Uhr fährt kein einziges Auto auf der Chreschtschatyk im Zentrum Kiews. Das Thermometer zeigt Werte, die nur knapp über dem Gefrierpunkt liegen. Auf der breiten Hauptstraße zwischen den stalinistischen Bauten versammeln sich trotz starken Regens rund 6.600 Menschen, um beim Kiew-Marathon mitzumachen. Allerdings wagten sich nur 697 Teilnehmer daran, die gesamten 42,125 Kilometer zu laufen. Der Rest begnügte sich mit kürzeren Strecken.

Auch der ehemalige Boxweltmeister und Bürgermeister der Stadt, Witali Klitschko, lässt es sich nicht nehmen mitzulaufen: "Ich bin der sportlichste Bürgermeister Europas, da muss meine Stadt natürlich auch sportlich sein," sagt er im Gespräch mit dem STANDARD. Allerdings läuft Klitschko nicht den gesamten Marathon, sondern nur eine Strecke von zwei Kilometern, für die er 11:40 Minuten braucht. Nach dem Einlauf über die Zielgerade entschuldigt er sich dafür und sagt: "Ich kann heute leider keine längere Strecke laufen, weil ich gleich noch arbeiten muss. Ich arbeite gerade 25 Stunden am Tag und acht Tage die Woche, um Kiew zu einer europäischen Stadt zu machen."

Höhen und Tiefen

Kiew ist eine Stadt voller Höhen und Tiefen, die sich nicht dazu eignet, Weltrekorde im Marathonlauf aufzustellen. Schon auf den ersten beiden Kilometern der Strecke müssen die Läufer von 155 auf 180 Höhenmeter laufen, nur um dann schnell wieder auf 120 Höhenmeter herunterzulaufen. Und ähnlich ist es auch im weiteren Streckenverlauf. Dafür werden die Läufer mit einer Tour vorbei an Kiewer Sehenswürdigkeiten entschädigt. Die Route verläuft entlang des Höhenklosters, des St.-Michael-Klosters, der Mutter-Heimat-Statue und vieler anderer orthodox-religiöser und sozialistischer Prachtbauten, die in Kiew friedlich koexistieren.

Trotz der Höhenunterschiede läuft der Ukrainer Oleh Leschtschyschyn nach 2:31:10 Stunden als Erster ins Ziel. Als schnellste Frau kommt Julia Bajramowa nach 3:01:06 Stunden über die Zielgerade. Zum Vergleich: Beim Berlin-Marathon, der seit 1974 stattfindet, liefen vor wenigen Wochen knapp 36.000 Menschen. Schnellster Läufer war der Äthiopier Kenenisa Bekele mit 2:03:03. Damit war er nur sechs Sekunden langsamer als der Kenianer Dennis Kimetto, der in Berlin zwei Jahre davor den Weltrekord aufstellt hatte.

Stadt der Läufer

Das Preisgeld für die Sieger von Kiew liegt bei 3.000 Euro. Eine Medaille bekamen aber alle, die die 42,125 Kilometer durchgezogen haben. Trotz Höhenunterschieden, Staus und dicker Rauchschwaden, die aus den Auspuffen entströmen, ist Kiew eine angenehme Stadt für Läufer, weil es viele Parks und Wälder gibt.

Das inspirierte den Begründer und Organisator Dmytro Tschernizki dazu, den Kiewer Marathon ins Leben zu rufen. Während er nach dem Lauf durchnässt von Schweiß und Regen auf dem Maidan steht, sagt er: "Schau dir doch dieses Wetter an. Es regnet stark, und es ist sehr kalt. Trotzdem sind Tausende gekommen. Kiew hat bewiesen, dass es eine Stadt für Läufer ist." Tschernizki ist ein Chef, der auch bei Businessterminen meistens keine Anzüge trägt, sondern lieber in seinen Joggingklamotten kommt. Dazu trägt er einen Vollbart und auf wenige Millimeter rasierte Haare. Er weiß, dass der Kiew-Marathon nicht mit den großen mithalten kann: "Wir sind natürlich noch Anfänger und noch nicht so groß wie der Berlin-Marathon, aber es entwickelt sich gut. Durch die Höhenunterschiede werden andere Muskeln trainiert. Das ist viel interessanter als eine gerade Strecke. Ich bin zufrieden mit den vergangenen sieben Jahren."

Aktivismus nach der Revolution

Tschernizki selbst hat lange Zeit mit der Ukraine gehadert und überlegt, ob er das Land verlassen soll. Vor dem Marathon hat er in einer Agentur gearbeitet und war müde davon, Werbung für Parteien und Unternehmen zu machen. Dann entschied er sich, seine Qualifikation aus der Werbung und seine Leidenschaft fürs Laufen miteinander zu verbinden. 2010 organisierte er den ersten Kiew-Marathon. Neben seinen fünf Kindern ist das für ihn der Hauptgrund, in der Ukraine zu bleiben.

Nach seinem Lauf zeigt er auf das Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Maidan und sagt: "Die Revolution hat viel Aktivismus in der Ukraine hervorgebracht. Die Menschen packen jetzt selber an, und das ist auch gut für den Sport." Tschernizki selbst organisiert mehrere Läufe in der ganzen Ukraine, allerdings nicht in den von den selbsternannten Volksrepubliken kontrollierten Gebieten. Den Krieg in der Ostukraine will er nicht kommentieren, nur so viel: "Es gibt diese politischen Barrieren zwischen uns, aber viele unserer Läufer kommen aus Russland, und das finden wir gut. Mit der Zeit werden die Beziehungen wieder besser werden." (Krsto Lazarević, 12.10.2016)

Die Recherche fand auf Einladung von Run Ukraine statt.

  • Trotz der Höhenunterschiede auf der Marathonstrecke läuft der Ukrainer Oleh Leshchyshyn den Marathon in 2:31:10 Stunden.
    foto: run ukraine

    Trotz der Höhenunterschiede auf der Marathonstrecke läuft der Ukrainer Oleh Leshchyshyn den Marathon in 2:31:10 Stunden.

  • Schon auf den ersten beiden Kilometern der Strecke müssen die Läufer von 155 auf 180 Höhenmeter laufen, nur um dann schnell wieder auf 120 Höhenmeter runterzulaufen.
    foto: run ukraine

    Schon auf den ersten beiden Kilometern der Strecke müssen die Läufer von 155 auf 180 Höhenmeter laufen, nur um dann schnell wieder auf 120 Höhenmeter runterzulaufen.

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