Goldenes Brett 2016 geht an Ryke Geerd Hamer

11. Oktober 2016, 22:30
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Vater der "Germanischen Neuen Medizin" erhält Negativpreis für "gefährliche medizinische Ansichten und wirre antisemitische Verschwörungstheorien"

Wien – Das Goldene Brett vorm Kopf wird seit 2011 jährlich für den größten unwissenschaftlichen Humbug der vergangenen zwölf Monate vergeben. Aus über 200 Nominierungen wurde am Dienstagabend der diesjährige Gewinner des Negativpreises, der von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften verliehen wird, bekanntgegeben: Ryke Geerd Hamer.

Der ehemalige deutsche Arzt verknüpfe "gefährliche medizinische Ansichten mit wirren antisemitischen Verschwörungstheorien", heißt es in der Begründung der Jury. Mit seiner "Germanischen Neuen Medizin" stiftet Hamer, dem die Zulassung als Arzt bereits 1986 entzogen wurde, seit mehr als 20 Jahren vor allem bei Krebspatienten Unheil.

Tödliche Unterlassungen

Seinen aberwitzigen Lehren zufolge entstehen sämtliche Krankheiten durch seelische Konflikte und Traumata, auf die der Körper mit einem "sinnvollen biologischen Sonderprogramm" reagiere, das bereits Teil des Heilungsprozesses sei. Umgekehrt werden Behandlungsmethoden wie Chemotherapie oder chirurgische Eingriffe abgelehnt, weil sie die körpereigene "Konfliktlösung" stören würden. Als Basis für diese absurden Behauptungen nennt Hamer übersinnliche Botschaften, die ihm sein verstorbener Sohn übermittelt habe.

Eines seiner bekanntesten Opfer war 1995 die damals fünfjährige krebskranke Olivia, deren Eltern auf Anraten Hamers eine rettende Operation verweigerten und stattdessen mit dem Kind nach Spanien flüchteten. Die Behandlung konnte schließlich gegen den Willen der Eltern durchgesetzt werden, Olivia überlebte.

Andere hatten dieses Glück nicht. "Von 50 Krebspatienten, die von Hamer behandelt wurden und deren Schicksal deutsche Behörden überprüften, überlebten nur sieben", berichtete der "Spiegel" im Jahr 1995. Erst in diesem Jahr starb in Italien eine 18-jährige Krebspatientin, nachdem ihre Eltern gemäß Hamers Thesen eine Chemotherapie abgelehnt hatten. Hamer wurde seit den 1990er-Jahren mehrfach zu Haftstrafen verurteilt, 2007 floh er vor neuerlichen Haftbefehlen nach Norwegen. Dort wurde zuletzt 2010 sein Gesuch, wieder approbiert zu werden, abgelehnt.

Antisemitischer Wahn

Dass dem Weltbild der "Germanischen Neuen Medizin" neben lebensgefährlicher Unwissenschaftlichkeit auch kruder Antisemitismus zugrunde liegt, stellt Hamer regelmäßig selbst unter Beweis: So fühlt er sich etwa von der "jüdischen Schulmedizin" verfolgt, hält die Chemotherapie für eine "Waffe der Juden", um nichtjüdische Menschen umzubringen, und fantasiert von Mikrochips, die Krebspatienten eingepflanzt werden, um sie per Satellitensteuerung gezielt töten zu können.

Der Fall Hamer zeige deutlich, wie gefährlich Pseudomedizin sein könne, heißt es in der Begründung der Jury für das Goldene Brett: "Wer selbsternannten Wunderheilern vertraut, setzt sein Leben aufs Spiel. Esoterik und Pseudomedizin als harmlosen Unfug zu betrachten wäre ein schwerer Fehler."

Mit dem Goldenen Brett in der Kategorie "Lebenswerk" wurde die Website "Zentrum der Gesundheit" bedacht. Die Seite stelle sich fälschlicherweise als neutrale Informationsplattform dar, tatsächlich würden dort jedoch "pseudomedizinische Thesen vertreten, Angst geschürt und Verschwörungstheorien" verbreitet. Die einzelnen Beiträge seien zudem häufig mit Werbungen und Links zum eigenen Bestellshop verknüpft, wo gleich die zum vorgeblich medizinjournalistisch aufbereiteten Inhalt passenden Produkte angeboten würden. (red, 11.10.2016)

  • Archivbild des Preisträgers bei einer Gerichtsverhandlung in Köln 1997. Hamer wurde damals zu einer Freiheitsstrafe von 19 Monaten verurteilt.
    foto: reuters

    Archivbild des Preisträgers bei einer Gerichtsverhandlung in Köln 1997. Hamer wurde damals zu einer Freiheitsstrafe von 19 Monaten verurteilt.

  • In der Kategorie "Lebenswerk" darf sich auch die Website "Zentrum der Gesundheit" über eine Auszeichnung freuen.
    gwup

    In der Kategorie "Lebenswerk" darf sich auch die Website "Zentrum der Gesundheit" über eine Auszeichnung freuen.

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