Hurrikan in den USA: Die Rettung kommt mit dem Bibelvers

11. Oktober 2016, 17:30
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Was Wirbelsturm Matthew über die Menschen im US-Süden aussagt – ein Erlebnisbericht

Billy Stephens saß acht Jahre wegen Drogenhandels im Knast, und als er herauskam, schwor er sich, nie wieder auf die schiefe Bahn zu geraten. Der drahtige Afroamerikaner gründete ein Fuhrunternehmen, und weil er ein ziemlich religiöser Mensch ist, gab er ihm den Namen Divine Transport. Göttlicher Transport. Auf seinen Visitenkarten steht ein Bibelvers.

Jedenfalls kam Billy Stephens zur rechten Zeit. Mit zwei Kollegen, mit denen ich einen Mietwagen teilte, saß ich fest in Lumberton, einer tristen Kleinstadt in North Carolina. Wir hatten Matthew unterschätzt, den Hurrikan, der erst zum Jahrhundertsturm aufgebauscht wurde, um dann, als es in Florida glimpflich abging, schnell aus den Schlagzeilen zu verschwinden. Und so wurde es eine kleine Odyssee.

foto: reuters/chris keane
Überschwemmungen in Lumberton in North Carolina.

Am Freitagabend in Charleston, der Perle des Südens. Alles redet von Hugo. Der Hurrikan Hugo hat 1989 eine Sturmflut ausgelöst, die große Teile der Stadt unter Wasser setzte. Matthew, sagen sie im Radio, würde kein zweiter Hugo, denn erstens sei er deutlich schwächer, und zweitens bewege er sich parallel zur Küste, statt wie einst Hugo frontal auf die Küste zu prallen. Die Katastrophe scheint überschaubar.

Katastrophentourismus

Am nächsten Tag in den Altstadtgassen: Der Schaden hält sich in Grenzen. Eine junge Frau filmt ihren Freund, der in einem Jeep wieder und wieder durch kniehohes Wasser rauscht. Katastrophentourismus.

foto: frank herrmann
Ein Geländewagen durchpflügt die Fluten, in diesem Fall allein zu filmischen Zwecken.

Dann von Charleston Richtung Nordosten, quer durch ein ausgedehntes Waldgebiet. Ein Zimmermann namens Terry ist unterwegs, um umgestürzte Bäume von der Straße zu räumen. Auf seiner Baseballkappe prangt eine Südstaatenflagge, nach dem Arbeitseinsatz schimpft er: "Der Staat ist zu faul und zu fett, um herzukommen" – was zwar nicht stimmt, denn auch vom Staat bezahlte Räumtrupps sind längst im Einsatz. Aber der Mann in der beigefarbenen Latzhose ist schneller. Irgendwann versperren abgeknickte Kiefern, zu denen es auch Terry noch nicht geschafft hat, den Weg. Zurück nach Charleston und von dort ins Landesinnere.

foto: frank herrmann
Auf einer Straße nordöstlich von Charleston. Ein Baum, der zur Umkehr zwingt.

Wir büßen für einen Anfängerfehler. An vieles haben wir gedacht, nur nicht daran, Benzinkanister in den Kofferraum zu laden. Da fallende Äste die Stromleitungen zerrissen haben, funktionieren auch die Zapfsäulen nicht. Es wird knapp mit dem Sprit, er reicht bis Lumberton, North Carolina, wobei schon die Fahrt dorthin nicht ganz einfach ist. Umgerissene Bäume sind zu umkurven, plötzlich über die Fahrbahn fließende Flüsschen zu durchqueren. Dass der Sturm so tief im Hinterland schwere Schäden anrichten würde, damit hatten die wenigsten gerechnet.

"Uns war langweilig"

In Lumberton verbringen wir die Nacht auf dem Parkplatz eines Kettenhotels, die Autobahn in Richtung Norden gesperrt, der Tank so gut wie leer. Jeff, ein Ortsansässiger, hadert mit sich. Er saß mit Frau und Kindern daheim vorm Fernseher, und als der Strom ausfiel, beschlossen sie, die Nachbarschaft zu inspizieren. "Uns war langweilig", sagt Jeff.

Als sie zurückwollten, versperrten Polizisten den Weg: Überschwemmungsgefahr. Bald wird klar, dass der Lumber River über die Ufer getreten und Lumberton Katastrophengebiet ist. Vielleicht war Jeffs Entscheidung also die einzig richtige. Mit Strom, dämmert uns, ist frühestens in drei Tagen zu rechnen. Also auch kein Benzin. Und dann kommt, am frühen Sonntagabend, nach einem Tag untätigen Wartens: Billy Stephens.

foto: frank hermann
Billy Stephens, Fuhrunternehmer, Besitzer des Einmannbetriebs Divine Transport LLC – der Mann, der uns aus der Patsche half.

Er fragt, ob er helfen könne, fährt eine Stunde später mit einem Trailer vor, einem Transportanhänger, auf den drei Pkws passen, bringt uns auf Umwegen nach Fayetteville, in die nächste größere Stadt, bis wir eine Tankstelle finden, an der es Sprit gibt. Als wir ihm zum Abschied die Hand drücken, sagt er noch: "Falls ihr über mich schreibt, beachtet bitte, Stephens mit ph." (Frank Herrmann aus Washington, 11.10.2016)

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