Lob der Menschlichkeit

Kommentar der anderen11. Oktober 2016, 17:05
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Anmerkungen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte

Eigentlich sieht es ja so aus, als ob die Unmenschlichkeit gerade siegte. Allüberall und vor allem hier, wo wir so stolz sein können auf unsere christliche, irgendwie humanistische, antik fundierte, dann auch wieder islamisch tradierte Zivilisation, diese irgendwie aber auch anderseits, nach Jahrhunderten der Verfolgung und Vernichtung – wir dürfen das ja jetzt endlich sagen, wir gönnen uns das neuerdings, wir haben all diese Missverständnisse hinter uns gelassen und gründlich weggeräumt -, diese andererseits auch, äh, jüdisch-christliche Ideengeschichte, diese aber auch irgendwie aufgeklärt-neuzeitliche, am Boden der Tatsachen angekommene, und den Grund, auf dem wir stehen, verdanken wir dann wiederum der humanistischen, also wieder auf das arabisch-kolportierte griechisch-römisch-heidnische Vorbild zurückgreifenden Tradition, alles ein wenig verwirrend, zugegeben: Wir lassen das jetzt hinter uns.

Ja, wir lieben unsere Nächsten, aber wer das ist, bestimmen immer noch wir, das wurde wirklich Zeit. Und rundherum sternförmige Befestigungsanlagen, wenn wir bitten dürfen, wir sind da ganz geschichtsbewusst, wir greifen auf die Idealstadt der Renaissance und französisch-deutsche Grenzforts, Maginotlinien, Westwälle, Ostmauern und Ähnliches zurück, wir besinnen uns auf die Stärken des Nationalstaates, die haben immer noch weitergeholfen, vor allem der Rüstungsindustrie. Die Idee eines Gemeinsamen schmeißen wir besser auf die Müllhalde der Geschichte (derzeit ziemlich untot, diese Geschichte), dort stört sie nicht weiter.

Und damit die Menschen in ausgebombten Ruinen gar nicht erst auf die Idee kommen, sie könnten bei uns etwas verdienen oder für den eigenen Lebensunterhalt sorgen, das weitere Ausbombenlassen ist wesentlich rentabler!, sorgen wir dafür, dass die Verdienstmöglichkeiten hierzulande angepasst werden, so auf 2 Euro 50 pro Stunde zum Beispiel, das reicht für einen Kaffee, auch irgendwie arabisch, Ehre, wem Ehre gebührt, wenn auch nur für einen eher schlichten. Dann bleiben wir als leider nicht ganz sortenreine Volkswirtschaft wenigstens konkurrenzfähig am Markt der globalen Sklaverei.

Die Menschenrechte werden entsprechend rückgebaut, bedarfsorientiert und zielsicher an die aktuelle Lage angepasst, die sich auch brav zum Notstand auswächst. Rechte werden nicht gleich abgerissen, wie klingt denn das, geht auch gar nicht, rückgebaut müssen die werden, und zwar dringend.

Das Ganze ist nämlich ein gewaltiger Irrtum, genau betrachtet: Was sollte denn schon unmenschlich sein an so einer Unmenschlichkeit? Das Auf-sich-selbst-Schauen, das "Wir und unsere Lookalikes zuerst", das ist doch das Menschlichste überhaupt, sollen die Übrigen doch Meerwasser saufen. Dann verstehen sie die Botschaft wenigstens, die Bootschaft, haha, voll ist hier alles, voll Wasser, und wer nicht spurt, wird über Bord geworfen, den Menschenrechtsresten gleich hinterher. Flugs, eins zwei drei, so schnell geht das.

Ja, Menschlichkeit hat wirklich jedes Lob verdient, davon kann man schließlich nie genug bekommen. (Olga Flor, 11.10.2016)

Olga Flor (Jahrgang 1968) ist Schriftstellerin und lebt in Graz und Wien.

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