Ceta-Kritik: Ganz großes Kabarett

Kommentar der anderen11. Oktober 2016, 17:04
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Viele Gegner des Handelsabkommens zwischen der EU und Kanada sind Künstler, einige davon Kabarettisten. Grund genug, ihre Bedenken in Bilder zu fassen, die sie und ihre Fans verstehen. Eine Revue in drei Nummern

1. Schiedsgerichte

Im australischen Canberra wird ein internationaler Kabarettistenwettbewerb ausgetragen. Ins Finale kommen ein Österreicher und ein Kanadier. Die beiden sollen sich auf die Zusammensetzung der Jury einigen. Zur Auswahl stehen je drei Künstler aus Österreich, Kanada und Südafrika, die sich, obwohl sie es nicht ins Finale geschafft haben, immer noch am Austragungsort aufhalten. Der Österreicher plädiert für seine Landsleute: "Alle österreichischen Kabarettisten sind Linksintellektuelle, die würden bestimmt gerecht urteilen." Der Kanadier entgegnet: "Wir nehmen eine rein kanadische Jury. Unser Land hat aufgrund seines multikulturellen und künstlerisch vielfältigen Hintergrundes die besten Voraussetzungen für eine neutrale Beurteilung." Die beiden finden erst keinen Konsens, einigen sich dann fast darauf, den Südafrikanern die Aufgabe zu übertragen, und setzen schließlich, weil NGOs und Zivilgesellschaft mit einem solchen "Schiedsgericht" Probleme haben, je einen Österreicher, einen Kanadier und einen Südafrikaner in die Jury. Das kann die Kritiker besänftigen, obwohl es natürlich auf dasselbe hinausläuft wie eine rein südafrikanische Instanz.

2. "Vorsorgeprinzip" und "Billigkonkurrenz"

Der Österreicher gewinnt das Finale. Sechs Monate später soll er nach Ottawa fliegen, um dort ein neues, drei Stunden langes Programm aufzuführen, das er erst noch ausarbeiten soll. Doch die kanadischen Behörden stellen sich quer: Der Österreicher müsse vorab beweisen, dass sein Programm keine negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit seines Publikums hat. Der Kabarettist meint, das sei aus logischen Gründen unmöglich. Erst im Nachhinein lasse sich beurteilen, ob das Programm schädlich war oder nicht. Kanadas Kabarettistenvereinigung legt nach: Der Österreicher könnte, da er seine Tickets billiger verkaufen würde als kanadische Kabarettisten, eine Konkurrenz für die einheimischen Künstler darstellen. Sollte er anreisen, müsse sein Auftritt mit einem Zoll versehen werden, welcher der Förderung der kanadischen Kabarettszene zugutekommt. Nach langem Hin und Her lassen sich die Kanadier weichklopfen, verzichten auf das "Vorsorgeprinzip" und den "Zoll", und der Österreicher macht sich an die Ausarbeitung seines neuen Programms.

3. "Investoren"- und "Patentschutz"

Fünf Monate, drei Wochen und fünf Tage später: Das Programm ist fertig und einstudiert, die Einreiseformalitäten sind erledigt, der Kabarettist packt seinen Koffer. Am Tag vor der Abreise bekommt er einen Anruf aus Kanada: Er dürfe sein Programm nun doch nichts aufführen. Die Abgeordneten im Parlament haben sich mehrheitlich dagegen ausgesprochen. All die investierte Zeit, die Mühe und das Hirnschmalz waren umsonst. Der Österreicher ist empört und verlangt Schadenersatz. Den bekommt er aber nicht, da sich der kanadische Gesetzgeber dagegen entschieden hat, Ausländer finanziell schadlos zu halten, wenn diese aufgrund einer demokratisch zustande gekommenen Gesetzesänderung ihre Investitionen nicht mehr realisieren können.

Pech im Unglück: Kurz vor der geplanten Reise nach Kanada hatte der Österreicher sein Programm an den Veranstalter in Ottawa gemailt. Wenig später erfährt er von Freunden vor Ort, dass ein kanadischer Kabarettist das Skript in die Finger bekommen hat und das Programm seither mit großem, nicht zuletzt finanziellem Erfolg unter seinem eigenen Namen aufführt. Empört ruft der Österreicher seinen Anwalt an, um seine Rechte oder wenigstens eine Gewinnbeteiligung einzuklagen. Doch der Jurist winkt ab: Eine Klage ist in diesem Fall nach kanadischem Recht aussichtslos, denn "Buchstaben und Wörter können nicht patentiert werden, weil sie nicht einem bestimmten, sondern allen Menschen gehören". (Georg Schildhammer, 11.10.2016)

Georg Schildhammer (Jg. 1970) lebt als Philosoph und Autor in Wien.

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