Familienfoto im Büro

17. Oktober 2016, 13:46
42 Postings

Erinnerung an das, was wirklich zählt, oder lieber andere Bilder

foto: getty images/istockphoto/mediaphotos

Pro
von Rainer Schüller

Ich habe geweint. Im Dunkel des Wiener Gartenbaukinos haben mich bei der Video-Präsentation von Nick Caves neuem Album die Tränen übermannt. Der Ausnahmemusiker betrauert mit "Skeleton Tree" den Tod seines Sohnes.

Sehr private Bilder seiner Frau, seines verstorbenen Buben und dessen noch lebenden Bruders zeigen den Menschen hinter dem Künstler, der mit aschgrauem Antlitz und verzweifelter trauergeplagter dünner Stimme wehklagt: "I need you. I'll miss you when you're gone away forever."

Wir Selbstverwirklicher sitzen mit All-in-Verträgen in Büros, unsere Kinder sind in Ganztagsschulen, die Eltern in 24-Stunden-Pflege. Freizeit nutzen wir zur Selbstoptimierung, damit das Selfie weniger Verfallserscheinungen zeigt. Familienfotos gelten als peinlich, manche Arbeitgeber verbieten gar persönliche Gegenstände. Schrecklich.

Caves Trauergesang soll uns ein Mahnmal sein: Wir müssen mehr Zeit mit unseren Liebsten verbringen! Deshalb: Familienfotos auf alle Schreibtische, die uns ständig daran erinnern, was wirklich zählt.

Kontra
von Karin Tzschentke

Rundblick im Großraumbüro: Manche Kolleginnen und Kollegen haben ein Brett, nein nicht vor dem Kopf, aber quasi als trennendes Element zum Gegenüber in Brusthöhe vor sich. An dieses haben interessanterweise nur einige Wenige Fotos ihrer sogenannten Liebsten gepinnt.

Vielleicht weil die meisten STANDARD-Journalistinnen und -Journalisten sich des Werts von Privatsphäre bewusst sind? Weil sie während der Arbeit vor lauter Stress ohnehin keine Zeit haben, an die Familie zu denken? Oder froh sind, es mal nicht zu müssen? Weil sie keine Familienmenschen sind? Nein!

Weil andere Bilder noch viel besser als Familienfotos geeignet sind, um ein Wohlfühlgefühl beim Arbeiten zu erhalten. Kollegin G. denkt sich gelegentlich ihren Teil über Mitmenschen, wenn sie auf das Foto eines blökenden Schafs schaut. Kollegin R. wünscht anhand eines Wüstenbildes nervige Individuen in selbige. Und Kollegin U. hält potenzielle Störenfriede mit der Spruchkarte fern: "Ich sehe nur brav aus, damit die Überraschung größer ist." (RONDO, 14.10.2016)

Share if you care.