Kein Gesamtkonzept: Integrationsschmerzen

Blog11. Oktober 2016, 19:40
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Erst Notverordnung, dann Asylrechtsverschärfung, jetzt also Integrationspaket: Kaum eine Woche vergeht, ohne dass sich die Regierungsparteien am Thema "Ausländer" abarbeiten

Natürlich ist die Frage, wie wir künftig alle zusammenleben wollen, wichtig – aber mit Schlagworten à la Burkiniverbot, "Asylwerberhaft bei Lüge" versus "Integrationsjahr" wird sich die Herausforderung wohl nicht meistern lassen. Schon wieder geht es um kleinteiligen und kleingeistigen Terraingewinn, die Koalitions-"Partner" wollen nicht einmal sagen, wie weit ihre Vorstellungen auseinanderliegen. Sehr weitgehend und revolutionär werden die Ideen kaum sein, man erinnert sich nur zu gut an die Debatte der Vorwoche: 5 Euro pro Stunde für gemeinnützige Arbeit? Oder doch nur 2,50 oder 1 Euro? Oder am Ende gar nichts, weil Herr und Frau Flüchtling eh froh sein sollen, dass sie "bei uns" sind und arbeiten dürfen (wohlgemerkt Tätigkeiten, die sonst niemand machen mag, aber egal – da sind wir großzügig).

Im Magazin "Datum" ist jetzt eine Geschichte erschienen, die, detailliert recherchiert und gut geschrieben, das beschreibt, was man die Ernüchterung der freiwilligen Helfer oder das "Burnout der Willkommenskultur" nennen könnte: Ein idealistischer Lehrer, der sich nach über einem Jahr oft "wie ein Trottel" vorkommt – weil er im Ort "der Flüchtlingschef" ist und immer, wenn eine Anfrage, ein Problem, eine verzwickte Situation auftritt, sich alle anderen wegducken – inklusive Gemeinderat.

Ernüchterung

Oder der Bürgermeister, der genau das nicht getan hat und im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlinge freiwillig aufgenommen hat – und der jetzt sehen muss, dass die Sache mit der Integration so nicht funktioniert, wenn es nicht genügend Deutschkurse gibt, keine Arbeitserlaubnis – und auch keine Arbeit. Und wenn die Menschen, die hierher kommen, um Schutz und ein neues Leben zu suchen, seit Monaten sitzen und warten – ohne zu wissen, worauf –, wird das ihrer Integrationsfähigkeit und ihrem Integrationswillen nicht eben gut tun.

Denn selbst, wenn alles gut läuft: Integration ist mühevolle Kleinarbeit und ganz sicher kein Kuscheleck für Romantiker: Massive kulturelle Unterschiede äußern sich oft an den kleinen Dingen – etwa im Verständnis von Pünktlichkeit, in verlässlichen Zusagen oder in minimalen Gesten, die groß missverstanden werden können. Dann heißt es dran bleiben, nicht aufgeben, sich durchbeißen – auf beiden Seiten.

Konzeptlos

Was ganz allgemein in Österreich fehlt, wird nicht nur in der "Datum"-Reportage klar angesprochen, auch DER STANDARD und andere Medien weisen immer wieder darauf hin: Es gibt kein nationales Gesamtkonzept für die drei Säulen: Wohnung – Deutschkurs – Arbeit. Stattdessen dreht man sich in vielen tausenden Einzelfällen seit Monaten im Kreis: Der Bund verweist auf das Land, das Land auf die Gemeinde, die wendet sich an Vermieter, freiwillige Helfer, Arbeitgeber vor Ort. Und die wiederum stehen vor dem Problem, dass sie oft wollen, aber nicht dürfen, weil ihnen einfach niemand vonseiten des Staates dabei hilft.

So massiv ist die Verweigerungshaltung des Staates, Verantwortung zu übernehmen, dass sogar ein Kaliber wie der ehemalige Raiffeisen-General Christian Konrad zeitweise zu scheitern drohte. Während sich so mancher Politiker hämisch an der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und deren optimistischem Grundsatz "Wir schaffen das" reibt, wird gerne übersehen, dass man sich in Österreich noch nicht einmal dazu bekannt hat, "wir wollen das".

Gefallen statt Recht

Asylrecht und die Einhaltung der Menschenrechtskonvention werden zum "Gefallen", den man großzügigerweise jemandem tut, den man netterweise ins Land einreisen ließ. Dabei geht es um Grundrechte, um internationale Verpflichtungen, um eine gemeinsame Kraftanstrengung.

Würden alle ihren Job machen, wären freiwillige Helfer nicht frustriert und ausgebrannt, wohlmeinende Bürgermeister nicht ernüchtert – und jene, die ohnehin misstrauisch allem Fremden gegenüber sind, hätten viel weniger Grund, sich aufzuregen. Das zeigt auch die Erzählung eines Asylberechtigten im "Datum": Wenn sich Flüchtlinge auf der Straße befänden, regten sich die Leute auf, sagt er. Hätten sie aber die orangen Signalwesten der Gemeindearbeiter an, wenn sie etwa den Park putzen, würden sie sogar freundlich angesprochen von den Nachbarn.

Ein positiver Zugang zum Thema Integration könnte also durchaus heilsame Wirkung haben – auch auf die heimische Bevölkerung. Und das Thema Mindestsicherung wäre dann vielleicht nicht einmal so wichtig, weil sich die Neuankömmlinge schrittweise ihr Leben selbst finanzieren. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja manchem Politiker aus höchst egoistischen Motiven ganz recht so, wie es jetzt ist. (11.10. 2016, Petra Stuiber)

  • Das Warten nimmt kein Ende: Erst bei der Einreise in Spielfeld (im Bild, Oktober 2015), dann auf ein Quartier, Deutschkurse und eine Arbeitserlaubnis.
    foto: apa/scheriau

    Das Warten nimmt kein Ende: Erst bei der Einreise in Spielfeld (im Bild, Oktober 2015), dann auf ein Quartier, Deutschkurse und eine Arbeitserlaubnis.

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