"Darmspiegelung ist besser als ihr Ruf"

18. Oktober 2016, 01:00
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Sie verhindert Darmkrebs effektiv, dennoch gehen nur 28 Prozent der Österreicher ab dem 50. Lebensjahr zur Darmspiegelung

Irgendwann im Leben erkrankt einer von 17 Österreichern an Dickdarmkrebs. Männer trifft es doppelt so häufig und durchschnittlich schon zehn Jahre früher als Frauen. Risikofaktoren für eine Erkrankung sind Rauchen, Bluthochdruck, Alkoholkonsum, Übergewicht und Diabetes.

80 bis 90 Prozent dieser bösartigen Tumoren (kolorektale Karzinome) entstehen nicht aus heiterem Himmel, sondern aus sogenannten Polypen, das sind Schleimhautgeschwülste, die sich im Darm bilden. Sie können unterschiedlich groß sein und vereinzelt oder in großer Zahl auftreten. Untersuchungen zufolge, haben fast 38 Prozent aller gesunden Menschen Polypen in ihrem Darm – 20 Prozent davon sind adenomatös, also eine Vorstufe von Darmkrebs. Bis aus einem kleinen Polyp ein invasives Karzinom – also ein Dickdarmkrebs wird – dauert es in den meisten Fällen mindestens zehn Jahre. In dieser Zeit können die Adenome, die bei einer Dickdarmspiegelung gut zu erkennen sind, entfernt werden – Krebs wird dadurch effektiv verhindert.

Bei der Dickdarmspiegelung, die auch Koloskopie genannt wird, kann der gesamte Dickdarm eingesehen werden. Die Vorstufen von Krebs werden dabei nicht nur entdeckt, sondern auch gleich entfernt – kleinere Exemplare mit einer Zange, größere mit einer Schlinge bzw. einem Lasso.

Sanft und ohne Schmerzen

Was sich schmerzhaft und unangenehm anhört, ist halb so schlimm, sagen Experten. "Die Koloskopie ist wesentlich angenehmer für den Patienten als ihr Ruf, sie hat leider in der Bevölkerung immer noch ein negatives Image", sagt Michael Gschwantler von der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endoskopie des Wilhelminenspitals.

Wovor sich die Menschen fürchten: Erstens vor den Schmerzen während einer Darmspiegelung. Auch hier kann Gschwantler beruhigen. "Inzwischen werden sanfte Koloskopien durchgeführt. Dabei bekommt der Patient eine Spritze, durch die er während der Untersuchung schläft und nichts spürt."

Zweitens sind die Medikamente, die vor der Koloskopie eingenommen werden müssen, um den Darm vollständig zu entleeren, dafür bekannt, Brechreiz zu verursachen. Laut Monika Ferlitsch von der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie am AKH Wien gibt es mittlerweile jedoch neue Medikamente, die gut verträglich sind und bei den Patienten keinen Brechreiz mehr verursachen.

Nutzen überwiegt

Drittens haben die Menschen Angst vor Komplikationen. Doch obwohl diese möglich sind, kommen Darmverletzungen nur bei einer von 10.000 Vorsorgekoloskopien vor, versichert Ferlitsch. Gschwantler vergleicht die Situation mit dem Sicherheitsgurt im Auto: "Dieser rettet tausenden Menschen das Leben, aber ja, manchmal passiert es, dass jemand sich schwer verletzt, weil er angeschnallt war. Dennoch würde nur ein Vollidiot sagen: 'Ich schnalle mich deshalb grundsätzlich nicht an'."

"Bei jeder fünften Vorsorgekoloskopie werden in Österreich Vorstufen von Darmkrebs gefunden, viele davon bei Patienten, die vorsichtshalber zur Koloskopie gekommen sind, nicht weil sie bereits Schmerzen hatten", sagt Ferlitsch. Dies zeige, wie wichtig die Untersuchung sei, nicht nur für den Patienten. "Dass die Österreicher regelmäßig zur Koloskopie gehen, ist auch aus medizinökonomischer Sicht für die gesamte Gesellschaft von hohem Wert", sagt Gschwantler. Zahlen aus Vorarlberg, hochgerechnet auf ganz Österreich, zeigen: Pro Jahr werden durch die Untersuchung 1.600 Karzinom-Fälle verhindert. Gschwantler: "Dadurch werden auch hohe Folgekosten durch Chemotherapien und Operationen eingespart."

Wer sich nun über diese Win-Win-Situation für Patienten und das Gesundheitssystem zur Vermeidung von Krebs freut, erlebt schnell Ernüchterung, wenn der Blick auf die Zahlen jener Österreicher fällt, die auch tatsächlich regelmäßig zur Darmspiegelung gehen. Die Teilnahmerate liegt derzeit nur bei etwa 28 Prozent. "Zur Vermeidung von Darmkrebs ist das natürlich viel zu wenig", sagt Ferlitsch. Sie fordert, die Österreicher ab dem 50. Lebensjahr per Brief an die Vorsorgeuntersuchung zu erinnern, um ihnen damit den ersten Schritt zur Darmspiegelung zu erleichtern und zu vermitteln: "Darmspiegelung tut nicht weh, verhindert dass Darmkrebs entsteht und rettet Leben. Wer über 50 ist, sollte sich untersuchen lassen!" (Bernadette Redl, 18.10.2016)

Informationen zur Vorsorgekoloskopie:

Männer und Frauen ab dem 50. Lebensjahr sollten im Abstand von sieben bis zehn Jahren zur Vorsorgekoloskopie gehen. Gab es in der Familie bereits Darmkrebs, ist die erste Darmspiegelung im Alter von 40 Jahren empfehlenswert bzw. zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter der Angehörigen. Die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen.

470 zertifizierte Stellen in ganz Österreich bieten die Vorsorgekoloskopie an. Eine Liste aller Institute und Informationen über Medikamente und die richtige Vorbereitung auf eine Darmspiegelung gibt es auf www.vorsorgekoloskopie.at

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  • Vergleichbares Setting: Polypen ragen wie Tropfsteine in den Hohlraum des Darms.
    foto: wikipedia/james st. joh/(CC-Lizenz)

    Vergleichbares Setting: Polypen ragen wie Tropfsteine in den Hohlraum des Darms.

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