Das Geschlecht des Bösen in Games

26. Dezember 2016, 11:00
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Zur Darstellung des Bösen in Computerspielen am Beispiel der "The Legend of Zelda"-Serie

Klassische, westliche Geschichten, Mythen und Sagen bewegen sich auf den seit tausenden Jahren bekannten Pfaden. Es sind Geschichten von Gut und Böse, von einem Helden und einem Antagonisten und vom finalen Triumph über die Schatten, den Feind, das Schlechte. Videospiele basieren im Kern ihrer Narrative auf die gleichen Abläufe alter Mythen, in denen das Gute über das Böse obsiegt.

In einem klassischen Narrativ – und hierbei beziehen wir uns nicht nur auf die Heldenreise, in der ein Auserwählter aufbricht, um die Welt zu retten, sondern auch auf grundsätzliche Antagonismen – gibt es ein Gegenüber, das in irgendeiner Weise gegen die Norm verstößt, als Bedrohung für die Welt oder das System erscheint oder persönlich feindlich gegen die Spielfigur antritt. Dieses Gegenüber ist das Böse. Es muss überwunden, gar vernichtet werden, um die Welt wieder ins Lot zu bringen und die eigene Aufgabe zu erfüllen.

Das banale Böse und das fantastische Böse

Das Böse kann dabei in zwei verschiedenen Darstellungen auftreten. Zum einen als "banales Böses", ein nicht als solches oder durch spezifische Merkmale erkennbares Böses, zum anderen als "fantastisches Böses", wie es in den meisten Epen und Fantasiegeschichten auftritt.

Die Bezeichnung des "banalen Bösen" basiert auf Hannah Arendts Zitat von der "Banalität des Bösen", die sie während ihrer Beobachtung des Eichmann-Prozesses prägte. Im Grunde geht es darum, dass die Banalität darin liege, dass das Böse nicht als solches erkennbar ist. Es erscheint blass, alltäglich, ohne spezifische Merkmale, und im Falle des NS-Verbrechers Eichmann ist es ein unscheinbarer Mann im Anzug.

Ganz im Gegensatz dazu steht das "fantastische Böse". Es ist faktisch jenes Böse, das wir aus Filmen, Geschichten und eben Games kennen. Es greift auf ikonografische Traditionen der europäischen Religionsgeschichte zurück und erscheint als bösartiges Wesen oder Monster, das tierische Bezüge wie Krallen, Klauen oder Schuppen aufweist. Das fantastische Böse besitzt übernatürliche Fähigkeiten und wird mit den Farbcodes Schwarz und Rot signalisiert. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Dämonen und Ähnliches dem Teufel vom Aussehen entsprechen. Das Böse ist meist männlich oder zumindest männlich konnotiert, und das oberste Motiv ist Macht oder Herrschaftsgewinn.

Ist alles fantastisch?

Bösewichte in Games können zum Großteil dem fantastischen Bösen zugeschrieben werden beziehungsweise subsumieren sich die wohl bekanntesten bösen Figuren der Videospielgeschichte unter diesem Begriff: Bowser aus "Super Mario", Ganondorf aus "The Legend of Zelda", Kefka und Sephiroth aus "Final Fantasy", Arthas Menethil aus "WoW", um nur einige zu nennen.

Schuld daran ist zum einen das Genre, in denen Gegenspieler auftauchen, zum anderen das Medium Computerspiel selbst. Erstens: Der vermehrte Hang zum Realismus durch die grafische Weiterentwicklung gibt auch immer mehr Antagonisten Spielraum, die eher als banal böse bezeichnet werden können. Andrey Ryan aus "BioShock" oder Revolver/Liquid Ocelot aus "Metal Gear Solid" sind hier mit Vorbehalt zu nennen. Zweitens: Zwar sind sie dem Aussehen nach nicht der Kategorie des Fantastischen zuzuordnen, ihre Fähigkeiten übertreffen aber das real Menschenmögliche und heben die Figuren wieder von einer gewöhnlichen Person ab. Darauf folgt Drittens: Das Böse als Gegenspieler muss im Gameplay und im Narrativ stärker sein als die Spielfigur, der Held, denn nur so lässt sich die finale Hürde – und sie ist nur eine Hürde, wenn das Gegenüber höherrangiger oder mächtiger ist – überwinden.

Die Frage, die sich stellt, lautet, ob es überhaupt ein banales Böses in Games gibt oder ob das Medium selbst diese Form der Darstellung verhindert.

Viele böse Männer, keine bösen Frauen

In diesem Essay liegt der Fokus auf der einfacheren sowie häufigeren Darstellung des fantastischen Bösen. Wie erwähnt, besitzen jene Bösewichte Hörner oder haben teuflische Züge, sind übermenschlich und werden mit Feuer assoziiert.

Auffällig dabei ist, dass es kaum oder gar keine bösen Frauen als Hauptendgegner gibt. In vielen Spielen tauchen böse Frauen auf, ganz klar, sie sind aber niemals der finale Gegner, der besiegt werden muss. Sie sind bestenfalls Handlanger des männlichen Antagonisten und die Bastion, die eingenommen werden muss, bevor man zum finalen Gegner vordringen kann.

Das Fehlen weiblicher Antagonisten ist ebenso wie das Fehlen von weiblichen Protagonisten kritisch zu betrachten. Böse Frauen treten in mehreren Formen auf: Sie sind entweder stark eindimensional und stark sexualisiert dargestellt, ein allgemein in der Gamingwelt vorherrschendes Problem, oder sie werden als alte, mächtige Greisinnen porträtiert. Beiden ist gemein, dass böse Frauen Magie und Gift als Waffen einsetzen, die Natur manipulieren und keine körperliche Gewalt anwenden – vor allem nicht gegen einen physisch stärkeren, männlichen Helden, der die Spielfigur meist ist.

"The Legend of Zelda" als Case-Study

Folgend sollen die etablierten Rollen und Darstellungen anhand der beliebten "The Legend of Zelda"-Serie analysiert werden. "Zelda" ist ein Paradebeispiel für die Darstellung des männlichen, fantastischen Bösen, zeigt deutlich die klassische Rolle der Frau als Bösewicht und bietet einen Einblick in die veränderten Darstellungen bösartiger Gegenspieler in den 2010er-Jahren.

Das männliche Böse

Das dominierende Geschlecht in der Verkörperung des Bösen ist ganz klar der Mann. Chronologisch gesehen ist das erste Böse oder das Urböse der Dämonenkönig Demise, der mit seiner Gefolgschaft durch einen Riss in der Erde in die Welt eindringen konnte. Er ist trotz seiner menschlich-tierischen Mischgestalt ganz klar als männlich zu definieren und gilt als Quelle aller Monster. Er besitzt genug Macht, um die Welt zu vernichten, dennoch versucht er, das Triforce zu ergattern, um die Welt zu erobern. Vom Aussehen her ist Demise übermenschlich groß, sein Körper ist schwarz und von Schuppen übersät, seine Finger sind Krallen, die Augen leuchtend rot, und statt Haaren trägt er Flammen auf seinem Haupt.

Das andere Beispiel ist der Hauptantagonist Ganondorf selbst. Er besitzt in der 30-jährigen Geschichte von "The Legend of Zelda" zwei Formen: eine humanoide und eine bestialische. Ganondorf, der aus der Wüste stammt, besitzt vor allem magische Fähigkeiten. Unter anderem kann er Magiekugeln werfen, Monster beschwören, fliegen, sich verwandeln oder von anderen Personen Besitz ergreifen. Sein oberstes Ziel ist es, alle Teile des Triforce zu besitzen, um Hyrule in ein böses Schattenreich zu verwandeln. Seine bestialische Form als Keiler Ganon ist mit einem Dreizack bewaffnet und suggeriert stark teuflische Züge.

Das weibliche Böse

Das weibliche Böse spielt, wie bereits erwähnt, in "Zelda" nur eine marginale Rolle. In der langen Geschichte der Spielreihe gab es bis zu "Triforce Heroes" nur eine weibliche Antagonistin. Veran, die Zauberin der Schatten, tritt im Endkampf von "Oracle of Ages" für den Gameboy Color auf. Sie trägt eine schwarz-violette Robe und stellt aufgrund ihres schönen und üppigen Äußeren das verführerische Böse dar. Verans Haut ist in einem grünlichen Ton gehalten, ihre roten Haare sind zum Teil unter einer sichelförmigen Kapuze versteckt. Ihre Augen sind ebenso rot, während ihre Finger krallenartig wirken. Interessanterweise ist Verans schönes Aussehen nur eine Fassade: Im Endkampf offenbart sie ihr reales Ich und gibt sich als böse Fee zu erkennen, die sich in verschiedene Monsterformen verwandeln kann. Verans Rolle als Antagonistin ist ebenso wie ihr Äußeres eine Lüge: Sie muss vernichtet werden, um das männliche Böse, Ganondorf, zum Leben zu erwecken.

Bis zum letzten "Zelda"-Game galt Veran als einzig weibliche Antagonistin. In "Triforce Heroes" für den Nintendo 3DS stellte man dem Helden Link eine Frau gegenüber, die als Hexe gern mit magischen Klamotten kämpft. Zwar ist es löblich, dass man einen weiblichen Bösewicht implementiert, es muss aber angemerkt werden, dass die Verbindung zwischen Frau und dem Faible nach Gewand starke sexistische und klischeebeladene Tendenzen aufweist.

Das feminisiert-männliche Böse

Auf der anderen Seite spielt der Spielkonzern mit Adaptierungen des männlichen Bösen. In "Skyward Sword" und "A Link Between Worlds" treten feminisiert-männliche Gegenspieler auf. Die Entwicklung, die sich seit den 2010er-Jahren erkennbar macht, positioniert die bösen Figuren als theatralische, stark geschminkte, schmucktragende Männer, deren Farbcode Violett sich vom klassischen Rot-Schwarz deutlich abhebt und sich eher in die feminine Richtung bewegt. Die beiden Figuren, Ghirahim und Yuga, sind ausgezeichnete Kämpfer und besitzen magische Fähigkeiten. Aber ihre Rolle als Diener eines darüberstehenden, männlichen Bösen, lässt die beiden die Rolle der weiblichen Bösewichte in "Zelda" übernehmen.

Das geschlechtslose Böse

Eine einmalige Sonderform nimmt Majoras Maske im titelgebenden Spiel ein. Es ist das einzige geschlechtslose Böse im Zelda-Universum. Demnach besitzt es auch andere Fähigkeiten, ein anderes Äußeres und gänzlich verschiedene Ziele als das dominierende männliche Böse. "Majora’s Mask" will den Mond auf die Welt stürzen lassen, um sie zu zerstören. Die Maske erscheint per se nicht als böse, einzig ihre Stacheln weisen auf ihre dämonischen Fähigkeiten hin. Die Maske manipuliert vor allem die Natur, vergiftet Gewässer, lässt ewige Eiszeit herrschen und verflucht ganze Länder.

Das fantastische Böse

Dem männlichen Bösen in "Zelda" ist klar die dominantere Rolle zugeschrieben, folgt es doch ganz deutlich den Charakteristika des fantastischen Bösen, in dem es Schwarz und Rot als Erkennungsfarben trägt, ein dämonisches Äußeres besitzt und an der patriarchalen Spitze steht. Das weibliche Böse taucht nur marginalisiert auf. Es ist meist nur Diener des männlichen Bösen oder Mittel, um das männliche Böse zum Leben zu erwecken. Das feminisiert-männliche Böse als Sonderform der 2010er-Jahre etabliert das männliche Böse mit stark weiblichen Zügen. Das Böse in "Zelda" allgemein ist rein böse, es gibt keine Ambivalenzen, keine Grautöne. Das Böse bleibt in Aussehen und Verhalten den klassischen Narrativen des fantastischen Bösen treu und ist damit einfach gestrickt, erklärbar und durch das Gute besiegbar. (Kevin Recher, 26.12.2016)

Anmerkung: Teile des Essays basieren auf Lehrinhalten der religionswissenschaftlichen LV "Das Geschlecht des Bösen" der Universität Graz, geleitet von Theresia Heimerl und Christian Wessely.

  • Bowser aus der "Super Mario"-Reihe.
    foto: nintendo

    Bowser aus der "Super Mario"-Reihe.

  • Sephiroth ist der bekannteste Gegenspieler im "Final Fantasy"-Universum.
    foto: square enix

    Sephiroth ist der bekannteste Gegenspieler im "Final Fantasy"-Universum.

  • Kefka, ebenso aus "Final Fantasy".
    foto: square enix

    Kefka, ebenso aus "Final Fantasy".

  • Bösewicht in "WoW": The Lich King aka Arthas Menethil.
    foto: blizzard

    Bösewicht in "WoW": The Lich King aka Arthas Menethil.

  • Revolver Ocelot aus "Metal Gear Solid".
    foto: konami

    Revolver Ocelot aus "Metal Gear Solid".

  • Andrew Ryan in "BioShock".
    foto: 2k games

    Andrew Ryan in "BioShock".

  • Das Urböse "Demise".
    foto: nintendo

    Das Urböse "Demise".

  • Ganondorf in seiner menschlichen Form.
    foto: nintendo

    Ganondorf in seiner menschlichen Form.

  • Ganondorf will das Triforce und die Welt beherrschen.
    foto: nintendo

    Ganondorf will das Triforce und die Welt beherrschen.

  • Als Ganon ähnelt Ganondorf einem Keiler.
    foto: nintendo

    Als Ganon ähnelt Ganondorf einem Keiler.

  • Hörner und Dreizack gehören zu Ganons Repertoire.
    foto: nintendo

    Hörner und Dreizack gehören zu Ganons Repertoire.

  • Veran, die Schattenhexe.
    foto: nintendo

    Veran, die Schattenhexe.

  • Lady Maud kämpft mit der Macht der Kleidung.
    foto: nintendo

    Lady Maud kämpft mit der Macht der Kleidung.

  • Ghirahim ist der Vertreter des feminisiert-männlichen Bösen.
    foto: nintendo

    Ghirahim ist der Vertreter des feminisiert-männlichen Bösen.

  • Yuga ist ebenso wie Ghirahim stark geschminkt und trägt intensive Farben.
    foto: nintendo

    Yuga ist ebenso wie Ghirahim stark geschminkt und trägt intensive Farben.

  • Majora's Mask besitzt kein Geschlecht und manipuliert die Natur.
    foto: nintendo

    Majora's Mask besitzt kein Geschlecht und manipuliert die Natur.

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