Gebirgsregionen stehen Veränderungen bevor

16. Oktober 2016, 09:00
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Laut Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung werden wir uns auf Klimaflüchtlinge einstellen müssen und sollten uns Alternativen zur Energie aus Wasserkraft überlegen

Innsbruck – Auch Gebirgsforscher begeben sich bisweilen ins Flachland. Aktuell ergründen Axel Borsdorf (68), der Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung (IGF), und sein Team die Auswirkungen von Klimawandel und Globalisierung auf die Landnutzung in Gebieten in Tallagen. Und wieder zeichnen sich bemerkenswerte Ergebnisse ab, wie Borsdorf erklärt: "Ich habe nach bisherigem Stand den Eindruck, dass die Einflüsse des Marktes auf die Kulturlandschaften stärker sind als die des Klimawandels."

Seit zehn Jahren wird am IGF in Innsbruck, einer Einrichtung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, transdisziplinär zum Thema Gebirge geforscht. In Zusammenarbeit mit dem Forschungsschwerpunkt Alpiner Raum der Universität Innsbruck sowie der AlpS GmbH bildet das IGF einen weltweit einmaligen Cluster, der heute eine Führungsrolle in der internationalen Gebirgsforschung einnimmt. Doch anlässlich des Jubiläums bekundet man am Institut Sorgen um genau diesen Status. "Ich werde die Leitung des IGF heuer altersbedingt abgeben müssen", sagt Borsdorf. Dass seine Stelle bislang nicht zur Nachfolge ausgeschrieben wurde, wertet er als "kein gutes Zeichen". Dass zudem die AlpS GmbH, die Teil dieser renommierten Tiroler Gebirgsforschungstriangel ist, ab April 2018 keine Förderung mehr aus dem COMET-Programm des Bundes erhält, verstärkt die Zukunftssorgen der Forscher. Die ÖAW beruhigt jedoch und bestätigt, dass die Forschungsarbeiten am IGF fortgeführt und "das wissenschaftliche Profil des Instituts weiterentwickelt" werde. Die Ausschreibung von Borsdorfs Posten soll 2017 erfolgen.

Die Mountain-Mafia

Das 34-köpfige Team am IGF, das ein fast jugendliches Durchschnittsalter von nur 37 Jahren aufweist, treibt nicht allein der Erkenntnisgewinn an. Die Gebirgsforscher haben eine Mission. Sie wollen mit ihren Forschungsergebnissen die Welt verändern: "Es genügt nicht, nur Systemwissen über das System Gebirge zu erzeugen." Daher erarbeite man am IGF Zielwissen, um Themen wie Nachhaltigkeit, Biodiversität oder Naturschutz zu hinterfragen. Als wichtigste Aufgabe erachtet Borsdorf das Transformationswissen: "Damit tragen wir unsere Erkenntnisse raus aus dem Elfenbeinturm und rein in die Politik, in die Wirtschaft und in die Gesellschaft." Jüngster Erfolg dieses Lobbyings ist die Übernahme einer am IGF entwickelten Forschungsagenda in eine aktuelle Charta des Europäischen Parlaments zum Thema sozialer Zusammenhalt in Gebirgsregionen. Immerhin leben 30 Prozent der europäischen Bevölkerung in Gebirgsregionen. Auf globaler Ebene zählen die Innsbrucker mittlerweile zur sogenannten "Mountain-Mafia 2", der zweiten Generation einer Gruppe von einflussreichen Gebirgsforschern, die ihr Fachgebiet auch auf gesellschafts- und umweltpolitischer Ebene nach außen vertreten. Die erste Generation dieser "Mafia" hat es beispielsweise geschafft, dass die Agenda 21 der Vereinten Nationen ein eigenes Kapitel zum Thema Gebirge beinhaltet.

Die Transformation von wissenschaftlichen Erkenntnissen birgt jedoch viele Tücken, wie Borsdorf erklärt: "Wir werden nur dann gehört, wenn wir gebraucht werden." Sobald die Forschungsergebnisse nicht dem entsprechen, was man sich in Politik und Wirtschaft erwartet, ist es ungleich schwieriger, Gehör zu finden. Als Beispiel nennt er den Tourismus, wo man sich auf schneeärmere Winter wird einstellen müssen, wie die Untersuchungen eindeutig zeigen. Oder in Sachen Wasserkraft, wo Borsdorf mittel- bis langfristig Probleme im alpinen Raum ortet, "weil die Niederschlagsmengen zurückgehen werden". Hier gelte es sich nicht von der Tagespolitik vereinnahmen zu lassen, sondern einen Blick auf das große Ganze zu ermöglichen.

Gerade der Klimawandel werde die Menschen in alpinen Lagen zunehmend beschäftigen. Borsdorf hat dazu Themen parat, die am IGF bereits Forschungsgegenstand, in der allgemeinen Wahrnehmung aber noch kaum präsent sind. Zum Beispiel Klimaflüchtlinge: "Die Sommer in Südeuropa werden immer heißer, schon jetzt ist dort ein Trend zur Abwanderung in höhere Lagen zu erkennen." Im Zuge dieser klimatischen Änderungen werde Nordafrika zu heiß, um dort dauerhaft zu leben, prognostiziert Borsdorf. Was ganz neue Migrationsströme auslösen werde, die gerade Gebirgsregionen betreffen.

Umgekehrt passt sich die Landwirtschaft sehr schnell an die klimatischen Veränderungen an: "Apfel- und Weinanbau sind mittlerweile in die Nordtiroler Alpen zurückgekehrt. In den alpinen Lagen bietet der Klimawandel für den Agrarsektor daher mehr Chancen als Risiken."

Die Forschungen des IGF reichen weit über die reine Beobachtung von Gletschern und Gebirgen hinaus. Zwei neue Bereiche sind etwa Lifestyle und Spiritualität. So ergründen die Gebirgsforscher den Trend zum "New Highlander", der sich auf der Suche nach einem besseren Leben in den Bergen ansiedelt. Und Borsdorf, der Ende des Jahres die Institutsleitung abgibt, aber weiter forschen wird, beschäftigt sich mit der spirituellen Funktion der Berge. (Steffen Arora, 16.10.2016)

  • Zwölf Prozent der Menschheit wohnen in den Bergen. In Innsbruck erforscht man seit zehn Jahren interdisziplinär, wie sich dieser Lebensraum verändert.
    foto: apa/gindl

    Zwölf Prozent der Menschheit wohnen in den Bergen. In Innsbruck erforscht man seit zehn Jahren interdisziplinär, wie sich dieser Lebensraum verändert.

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