Die Gamification der Welt

15. Oktober 2016, 08:00
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Johanna Pirker entwickelt Computerspiele mit wissenschaftlichem Hintergrund

Graz – Ihren Glauben an den Homo ludens, der seine Fähigkeiten vor allem über das Spielen entwickelt, praktiziert Johanna Pirker konsequent. Die 28-jährige Informatikerin ist nämlich nicht nur leidenschaftliche Computerspielerin, sondern entwickelt auch selbst Spiele. So hat sie etwa einen eher trockenen Mathe-Kurs für Informatikstudierende mithilfe klassischer Spielelemente "gamified". Wie das geht? "Indem man den Kurs mit gezielten Anreizen für jeden der vier klassischen Spielertypen nach der Game-Design-Theorie anreichert", sagt Pirker.

Dabei kann der "kompetitive Typ" auf Rankings zurückgreifen, der "Socialiser" bekommt die Möglichkeit, in einer Gruppe zu spielen, der "Achiever" kann mit speziellen Angeboten seinen Perfektionismus ausleben, und der "Explorer" bekommt ausreichend Gelegenheiten, selbst zu entdecken. Eine gefinkelte Entwicklung, die es auf die Shortlist für das beste Lehrmodell bei der Reimagine Education Conference 2016 in Philadelphia schaffte.

Spielerisches Lernen mittels IT war auch das Thema von Pirkers Masterarbeit, die sie zum Teil am Massachusetts Institute of Technology (MIT) verfasste. "Dort gibt es ein tolles, sehr teures Physiklabor, das ich mit einer Spiel-Engine virtuell nachgebaut habe", berichtet die Grazerin. In ihrer Doktorarbeit hat sie dieses virtuelle Superlabor bereits so weit entwickelt, dass man es mit Virtual-Reality-Brillen betreten und Experimente durchführen kann. Schulen, Unis, und die Spieleindustrie sind daran interessiert.

Allfälliges Lob für ihre Entwicklung will die Assistentin am Institut für Informationssysteme und Computer-Medien der Technischen Uni (TU) Graz gerecht verteilt wissen: "Mindestens acht Studierende haben ihre Arbeiten dazu bei mir geschrieben, und auch meine Betreuer haben einen Anteil daran", so Pirker. Nach der Game-Design-Theorie fällt sie vermutlich in die Kategorie "Socialiser" mit Neigung zum "Explorer".

Seit zwei Jahren bietet Pirker, die auch Berufserfahrung in der Videospielindustrie sammeln konnte, die ersten Kurse für Spieleentwicklung an ihrem Institut an. Mit dem Game-Development-Virus infiziert hat sie sich übrigens am MIT. Dort ging sie erstmals zu sogenannten Game-Jams, bei denen Spiele innerhalb von 48 Stunden zu einem vorgegebenen Thema entwickelt werden. Mittlerweile organisiert sie solche Wettbewerbe auch in Graz. "Wir haben hier die besten Voraussetzungen, ein Game-Development-Zentrum zu werden: eine ausgezeichnete Informatikausbildung an der TU und dazu die Design-Studiengänge an der FH", so Pirker.

Dass von der zunehmenden "Gamification" nicht nur Spielernaturen profitieren, sondern alle Studierenden und sämtliche Wissenschaftszweige, steht für Pirker außer Frage: "Mit den neuen Entwicklungswerkzeugen können Spiele zu allen möglichen geistes- und naturwissenschaftlichen Themen kreiert werden – und ein virtueller Besuch von Machu Picchu oder ein Mathe-Spiel ist für die meisten doch spannender als ein Vortrag darüber." Und was spielt die Spielemacherin privat? Da schlüpft sie als begeisterte GTA-Spielerin (Grand Theft Auto) ganz unwissenschaftlich auch gerne mal in die Ganovenrolle mit wilden Verfolgungsjagden und allen anderen Zutaten des gehobenen Action-Spiels. (Doris Griesser, 15.10.2016)

  • Johanna Pirkers Begeisterung  für die Spieleentwicklung wurde bei Game-Jams am MIT geweckt.
    foto: privat

    Johanna Pirkers Begeisterung für die Spieleentwicklung wurde bei Game-Jams am MIT geweckt.

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