"The Frontier Trilogy": Von der Klapperschlange geküsst

11. Oktober 2016, 16:36
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Im Rabenhof wird scharf geschossen. Ein Western-Kammerspiel vom schottischen Off-Theater-Festival Fringe ist als Gastspiel im englischen Original zu sehen. Autor Jethro Compton setzt auf Effekt und Klischee

Wien – Der Priester ist blind. Ihm bleibt nur noch seine Intuition. Doch die ist verlässlich wie ein Fels. Den zwielichtigen Gestalten, die ihn in seiner kleinen Kapelle im kalifornischen Niemandsland konsultieren, begegnet er mit der Gelassenheit eines Wissenden. Zur nötigen Ruhe verhilft dem Mann Gottes im amerikanischen Westen zur Zeit der Goldräusche weniger der Glaube als vielmehr die Flinte unter seinem Altar.

In den drei Minidramen um Mord, Vergeltung, List und enttäuschte Liebe, die sich in den kommenden vier Stunden rund um seine schummrige Holzkapelle abspielen werden, erscheint er zunächst als mahnender Zeuge, als blinde Justitia in Diensten des Herrn. Doch ohne Schuld ist hier niemand. Nach und nach wird auch des Priesters dunkles Geheimnis ans Licht kommen. Und es wird nicht glimpflich enden.

Erlebnisecht in der "Chapel"

Mit dem Westerndreiteiler The Frontier Trilogy des britischen Jungregisseurs Jethro Compton startet der Rabenhof eine neue Programmreihe, in der englischsprachiges Off-Theater vom Fringe-Festival Edinburgh gezeigt wird. Compton ist Autor, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion. Bei seinen erlebnisorientierten Bühnenkonzepten setzt er auf maximale Nähe zum Ort der Handlung. Für seine Trilogie zum Ersten Weltkrieg (2013) verfrachtete er das Publikum etwa mitten in einen Bunker.

Die Frontier Trilogy verfolgt der Zuschauer von der Kirchenbank aus. Im Apostelhof, bislang ein Depot des Rabenhofs, wurde für die drei Stücke mit den Titeln Blood Red Moon, The Clock Strikes Noon und The Rattlesnake's Kiss eine urige "Westernchapel" eingebaut. Das Holz knarzt, der Wind pfeift, Mond und Wüstensonne werfen ihren Schein durch die schmalen Fensterschlitze. Das vierköpfige Ensemble agiert auf engstem Raum in wechselnden Rollen: heißspornige Glücksritter, Snob-Ladys von der Ostküste, selbstgerechte Gesetzeshüter.

oliver kassman
Der Kurzfilm "El Fuego" entstand als Sequel zu "The frontier trilogy".

Inspiriert von Westernfilmen, biblischen Stoffen und, ja, Computerspielen, präsentiert Compton Allzeitmotive wie den Zwist zwischen ungleichen Brüdern, die Verlockung unmoralischer Angebote oder blindwütige Rache. Jedes der drei Stücke kann abgeschlossen für sich selbst stehen, verknüpft sind sie lose durch die Figur des Priesters. In den mit düsteren Sound- und Lichteffekten dargebrachten Stücken wendet sich das Blatt mit jedem Spannen des Pistolenhahns. Und doch verbleibt alles in üblichen Abläufen, wie man sie vom Genre erwartet.

Compton scheut nicht das Klischee. Doch anstatt es ironisch zu überspitzen, belädt er es mit schwarzromantischem Pathos, der Freude am schnell erzählten Handlungsbogen und einem Geschlechterbild auf der Höhe der Zeit. So entsteht ein unterhaltsames und ernstes Kammerspiel, das in manch zu langem Dialog ermüdet, Westernfans aber kaum enttäuschen dürfte. (Stefan Weiss, 11.10.2016)

Bis 29. Oktober im Rabenhof

  • Sag beim Abschied leise "Ich liebe dich": In "The Frontier Trilogy" löst Annelise (Bebe Sanders) ihre verzwickte Dreiecksbeziehung radikal.

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