Rundschau: Vom Evolvarium ins Elvisorium

Ansichtssache5. November 2016, 10:00
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fotos: cross cult

Linda Nagata: "The Red: Morgengrauen"

Broschiert, 520 Seiten, € 16,50, Cross Cult 2016 (Original: "The Red: First Light", 2013/15)

Nnedi Okorafor: "Lagune"

Broschiert, 370 Seiten, € 18,60, Cross Cult 2016 (Original: "Lagoon", 2014/15)

Carolyn Ives Gilman: "Dunkle Materie"

Broschiert, 450 Seiten, € 14,40, Cross Cult 2016 (Original: "Dark Orbit", 2015)

Was hochqualitative Science-Fiction-Romane in deutscher Übersetzung betrifft, ist es ein goldener Herbst. In einem Kopf-an-Kopf-an-Kopf-Rennen rittern derzeit drei Verlage darum, wer das anspruchsvollste Saisonprogramm hat: Der Fischer-Verlag mit seiner brandneuen SF-Schiene Tor, der langjährige Branchenprimus Heyne mit einem nach längerem Schwächeln aktuell wiedererstarkten Angebot und Cross Cult, der Verlag für Comics und mehr.

Und dieses "mehr" wird bei Cross Cult tatsächlich immer mehr. Zu Vernor Vinges "Das Ende des Regenbogens" (kommt demnächst) und Connie Willis' Zeitreise-Dilogie "Dunkelheit/Licht" (steht Anfang 2017 an) gesellen sich diese drei Romane. Da hier schon deren jeweilige Originalausgaben besprochen wurden (skurrilerweise alle drei in derselben Rundschau), reicht an dieser Stelle eine kurze Noch-mal-Vorstellung. Bei jedem Buch führt ein Link zur ausführlichen Rezension von damals.

1) "Morgengrauen"

Mit "The Red" hat US-Autorin Linda Nagata die vielleicht beste Military-SF-Reihe der vergangenen Jahre vorgelegt. Angesiedelt in einer nahen Zukunft, in der Konzerne mehr Einfluss auf die Weltpolitik haben als staatliche Regierungen, werden kleine Militäreinheiten wie die von Lieutenant James Shelley von Krisenschauplatz zu Krisenschauplatz geschickt. Durch Implantate sind die technisch hochgerüsteten SoldatInnen untereinander und mit ihrer Einsatzleitung vernetzt. In Shelleys Feed schaltet sich aber immer wieder auch eine mysteriöse Entität ein, die ihn vor Gefahren zu warnen scheint: "The Red".

Shelley vermutet, dass irgendeine Künstliche Intelligenz dahintersteckt. Aber was sind deren Pläne? Warum speist sie seine Kampferlebnisse als Soap-Opera in die öffentlichen Kanäle ein – und ist sie ihm wirklich so freundlich gesinnt, wie es auf den ersten Blick scheint? Hier kommen alle auf ihre Kosten: Technik- und Action-Fans ebenso wie solche, die eine kritische Beleuchtung von politischem Zynismus oder gutes altes Human Drama schätzen. Und zu alledem kommt auch noch eine gehörige Portion Paranoia. Sehr empfehlenswert! Teil 2 soll auf Deutsch übrigens im Februar folgen.

2) "Lagune"

In der Bucht vor Lagos geht ein außerirdisches Raumschiff nieder und spuckt nicht nur eine Botschafterin mit der Fähigkeit zum Gestaltwandeln aus, sondern beginnt auch auf seine Umgebung Einfluss zu nehmen. Die Meeresfauna ist als erste betroffen, aber bald steppt auch an Land der Bär. Ähnlich wie in der deutschen Erstkontakt-Reihe "Biom Alpha" prallen hier nämlich die unterschiedlichsten Interessengruppen aufeinander: Jeder hat seine eigenen Vorstellungen davon, was hinter dem Besuch aus dem All steckt, und jeder will sein Stück vom außerirdischen Kuchen haben.

Nnedi Okorafor, eine US-Amerikanerin mit nigerianischen Wurzeln, zählt zu den derzeit meistdekorierten SF-AutorInnen, da sie eine ganz neue Stimme ins Genre eingebracht hat und vor schreiberischer Fantasie nur so übersprudelt. Die Kehrseite der Medaille ist zwar, dass sie vor lauter Eifer mitunter den erzählerischen Faden verliert. Das spielt in "Lagune" ("Lagoon") allerdings eine geringere Rolle als in anderen Werken. Denn in dieser bunten Mischung aus Science Fiction und westafrikanischer Mythologie ist fröhliches Chaos das eigentliche Thema.

3) "Dunkle Materie"

Auf den Spuren Ursula K. Le Guins schließlich wandelt die dritte Autorin dieses Dreierpacks, Carolyn Ives Gilman. Mit "Dark Orbit" hat die Autorin, die ebenfalls aus den USA kommt, ein faszinierendes Planetenabenteuer vor dem Hintergrund einer von Menschen besiedelten Galaxie abgeliefert. Die diversen Seitenzweige der Menschheit haben sich kulturell weit genug voneinander entfernt, dass die Mitglieder der divers zusammengesetzten Expedition zur Kristallwelt Iris im Umgang miteinander einige Mühe haben.

Die Kommunikationsschwierigkeiten aufgrund unterschiedlicher Weltbilder verblassen aber angesichts der Herausforderung, die sich auf Iris selbst stellt. Auch dort leben nämlich Menschen – allerdings in vollkommener Dunkelheit. Der Kontakt zu ihnen zeigt, wie unterschiedlich man die Welt wirklich wahrnehmen kann. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass die vermeintlich zurückgebliebenen HöhlenbewohnerInnen über Möglichkeiten verfügen, von denen man draußen in der hochtechnisierten Galaxis nur träumen konnte.

Drei Titel, alle vor Kurzem erst erschienen, jeder empfehlenswert.

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