Vermeintlich ausgestorbener Baum gedeiht im schottischen Garten der Queen

16. Oktober 2016, 16:53
44 Postings

Die Wentworth-Ulme, eine Kulturform aus dem 19. Jahrhundert, galt als verschwunden. Dabei stehen zwei ansehnliche Exemplare mitten in Edinburgh

Edinburgh – Als Biologen des Royal Botanic Garden Edinburgh eine Inventur der Bäume des Anwesens Holyrood Palace vornahmen, trauten sie ihren Augen nicht: Was sich da keine hundert Meter vom Palast, der offiziellen Residenz der britischen Königin in Schottland, in voller Pracht im Wind wiegte, erinnerte stark an einen Baum, der schon lange als verschwunden galt.

"Jahrzehntelang hat niemand bemerkt, dass es sich hier um die beiden vermutlich letzten überlebenden Exemplare der Kulturform Ulmus ’Wentworthii Pendula‘ handelt", sagte der Botaniker Max Coleman. Der Ulmenexperte war zunächst aber selbst unsicher, ob er wirklich Vertreter dieser Kulturvarietät aus Feld- und Bergulmen aus dem 19. Jahrhundert vor sich hatte.

Detektivarbeit

Das Problem bei der eindeutigen Identifizierung war, dass die Wentworh-Ulme nie besonders weit verbreitet war. "Wenn man heute ein Buch über Bäume aufschlägt, findet man sie nicht", so Coleman. Also versendete er Fotografien an Kollegen, einer entdeckte schließlich in historischen Dokumenten den ersehnten Nachweis.

Großer Verbreitung scheint sich der Baum jedoch auch in früheren Zeiten nicht erfreut zu haben. Eine erste Erwähnung findet er in einem niederländischen Buch aus dem Jahr 1890 als "Sorte, auf die wir auch verzichten können". Einige Jahre später taucht die Wentworth-Ulme um die Jahrhundertwende im Katalog einer Berliner Baumschule auf.

Unerwartete Wendung

Wie die allem Anschein nach in Kontinentaleuropa kultivierte Wentworth-Ulme zu ihrem englischen Namen kam, ist bislang ungeklärt. Einer Theorie zufolge könnte sie nach Thomas Wentworth benannt worden sein, der Anfang des 18. Jahrhunderts als britischer Botschafter in Berlin war und dort hohes Ansehen genoss.

Doch wie kamen die Bäume überhaupt in den Garten von Holyrood Palace? Eine überraschende Antwort auf diese Frage fand sich im Archiv des Royal Botanic Garden Edinburgh: Demnach dürfte die Institution selbst drei Exemplare im Jahr 1902 aus Deutschland erhalten haben, von denen sie zwei auf dem königlichen Anwesen pflanzte. Die im botanischen Garten verbliebene Ulme erlag 1996 einer durch Schlauchpilze verursachten Baumkrankheit. Die Blätter ihrer Geschwister wiegen sich hingegen noch heute im schottischen Wind. (red, 16.10.2016)

  • Alive and well: Ulmus ’Wentworthii Pendula‘ im Garten der schottischen königlichen Residenz.
    foto: rbge

    Alive and well: Ulmus ’Wentworthii Pendula‘ im Garten der schottischen königlichen Residenz.

Share if you care.