Österreicher unterschätzen Gefahr durch Naturkatastrophen

11. Oktober 2016, 13:58
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Nur 40 Prozent der Betroffenen wissen, dass sich ihr Haus in einer Hochwasser-Gefährdungszone befindet

Wien – Sollte die Zahl der Naturkatastrophen weiter so rasant steigen, werden Prämienerhöhungen nicht ausbleiben, sagt der Präsident des heimischen Versicherungsverbandes (VVO), Othmar Ederer. In der Sturm- und Hagelversicherung werde es "zu Anpassungen kommen". Allein heuer summierten sich die Schäden in der Landwirtschaft durch Frost und Hagel auf deutlich über 250 Millionen Euro – weit mehr als im Vorjahr. Wobei Erdrutsch, Hochwasser und Lawinen derzeit nur eine minimalistische Deckung haben und eigentlich nicht versichert werden können. In den vergangenen 30 Jahren ist die Zahl der Versicherungsschäden laut Eder um das 15-Fache gestiegen.

In den vergangenen Jahren hat die Anzahl der Naturkatastrophen weltweit stark zugenommen. Auch Österreich ist gefährdet: Aufgrund der Topografie gilt jedes Bundesland als Risikogebiet für Naturkatastrophen. Hierzulande sind es vor allem Extremwetterereignisse wie Stürme, Hochwasser, Schnee und Hagel, Hitzewellen sowie die unterschätzte Erdbebengefahr, wie Experten des Versicherungsverbands, des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik bei einer gemeinsamen Pressekonferenz bekanntgaben. Präventivmaßnahmen werden dadurch immer wichtiger.

Österreichs Bevölkerung muss sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf immer häufiger und heftiger auftretende Wetterextreme einstellen. Die Wucht der Natur haben schon viele Regionen in den vergangenen Jahren in Form von Hochwasser, Starkregenereignissen, Hagelschauern, massivem Schneefall oder Stürmen zu spüren bekommen. Weltweit kann man klar einen steigenden Trend bei den Schäden durch Naturkatastrophen erkennen. In Österreich kann man neben den vielen regionalen Schäden circa alle drei Jahre mit einer Naturkatastrophe in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro versicherten Schäden rechnen.

Wissensstand der Österreicher gering

Seit 2013 erhebt das KfV die persönliche Gefahreneinschätzung der Österreicher in Bezug auf Naturkatastrophen. Ähnlich wie in den Jahren zuvor glaubten auch im Vorjahr viele der Befragten (1.000 Interviews) nicht, dass sie selbst einmal Opfer einer Naturkatastrophe an ihrem Wohnort werden könnten. Bei der Einschätzung der persönlichen Gefährdung durch Naturkatastrophen am Wohnort sind die Befunde zeitlich sehr stabil, wonach man sich vor allem durch Unwetter (80 Prozent Gefährdung) und Stürme (71 Prozent) sowie durch Blitzschlag, Hitze und Schneechaos (jeweils rund 65 Prozent) bedroht fühlt. Immerhin rund die Hälfte der Befragten nehmen auch eine Gefährdung durch Hochwasser wahr, wohingegen sich nur eine Minderheit von Muren (34 Prozent), Erdbeben (29 Prozent) oder Lawinen (23 Prozent) bedroht fühlt.

Risiken und Risikozonen seien den Menschen zu wenig bekannt. "Unsere Studien zeigen deutlich, dass die Menschen die Gefahren, die von Extremwetterereignissen ausgehen, stärker unterschätzen als bislang angenommen", erläutert KfV-Direktor Othmar Thann die bundesweit repräsentative Erhebung. Trotz einiger Hochwasserereignisse in den vergangenen Jahren wissen derzeit nur 40 Prozent der Befragten, dass sich ihr Wohnort in einer Hochwasser-Gefährdungszone befindet. Die Studie zeigt auch, dass grundsätzlich vier Dispositionen für den Sensibilisierungsgrad der Bevölkerung ausschlaggebend sind.

Faktoren wie Intensität der persönlichen Betroffenheit, Erinnerungen an konkrete Naturkatastrophen, der zeitliche Kontext und die mediale Präsenz stehen in direktem Zusammenhang mit der Risikowahrnehmung. "Unsere Studien bestätigen, dass kleinere regionale Extremwetterereignisse zu keinem nachhaltigen Umdenken der Bevölkerung in Sachen Prävention führen. Trotz einer persönlichen Betroffenheit mit persönlich erlittenem Schaden haben etwa nur sechs Prozent der Bevölkerung bauliche Schutzmaßnahmen getroffen", so Thann. Es gebe in Österreich keine Region, die nicht von Naturkatastrophen betroffen sein kann.

Schutz vor extremem Wetter: Warnung und Anpassung

Brachte der Sommer 2015 noch Schäden durch Trockenheit in Millionenhöhe, war der Sommer 2016 geprägt von einer Vielzahl kleinräumiger, aber sehr intensiver Unwetter mit großen Regenmengen in kurzer Zeit. Große Schäden durch Überflutungen und Muren waren die Folge. Österreich sei sehr unterschiedlichen Wettergefahren ausgesetzt, die von Jahr zu Jahr unterschiedlich stark ausgeprägt sind, so Michael Staudinger von der ZAMG. "In jedem Jahr kommt es in nahezu jeder Jahreszeit zu markanten Schäden durch extremes Wetter. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass extreme Wetterereignisse in den nächsten Jahren häufiger werden. In den vergangenen hundert Jahren war außerdem die Klimaerwärmung im Alpenraum mit knapp zwei Grad Celsius doppelt so stark wie die weltweite Erwärmung von knapp einem Grad."

Die ZAMG arbeite mit ihren Partnern in zwei Richtungen. Zum einen gehe es um maßgeschneiderte Warnungen für die jeweiligen Nutzer, zum anderen um langfristige Schutzmaßnahmen. "Uns ist wichtig, nicht nur die extremen Wetterereignisse möglichst genau vorherzusagen, sondern auch die möglichen Auswirkungen zu kommunizieren, damit schnell und effektiv die nötigen kurzfristigen Schutzmaßnahmen gesetzt werden können", so Staudinger. Mithilfe regionaler Klimamodelle liefert die ZAMG dabei mögliche Szenarien für die nächsten Jahrzehnte. "Somit können zum Beispiel bauliche Maßnahmen so geplant werden, dass selbst in einem extremeren Klima die Schäden deutlich minimiert werden."

Detail am Rande: Bei der Befragung gaben mehr Leute an, alkoholische Getränke einzubunkern als Mineralwasser. (cr, 11.10.2016)

  • Brachte der Sommer 2015 noch Schäden durch Trockenheit in Millionenhöhe, war der Sommer 2016 geprägt von einer Vielzahl kleinräumiger, aber sehr intensiver Unwetter mit großen Regenmengen in kurzer Zeit.
    foto: apa/florian gaertner

    Brachte der Sommer 2015 noch Schäden durch Trockenheit in Millionenhöhe, war der Sommer 2016 geprägt von einer Vielzahl kleinräumiger, aber sehr intensiver Unwetter mit großen Regenmengen in kurzer Zeit.

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