Nach Syrien-Streit: Putin sagt Paris-Reise ab

11. Oktober 2016, 14:06
412 Postings

Wladimir Putin hat eine Reise nach Paris abgesagt – Der russische Präsident nimmt mit der Machtprobe einen weiteren diplomtischen Affront in Kauf

Alles war bereit für die Feier. Nächste Woche wird in Paris eine neue russische Kathedrale mit anliegendem "spirituellen und kulturellen russisch-orthodoxen Zentrum" eingeweiht. Das weithin sichtbare Gotteshaus an bester Lage, dessen fünf blitzende Kuppeln dem Pariser Stadtbild neuerdings mitprägen, ist eine hochpolitische Affäre. Und das nicht nur, weil es von dem neuen Selbstvertrauen Russlands im und gegenüber dem Westen zeugt. Die Kathedrale visiert auch die zahlreichen Russen in Paris an, deren Vorfahren nach der Oktoberrevolution nach Frankreich geflüchtet waren. Sie halten bis heute Distanz zur moskauhörigen russisch-orthodoxen Kirche und haben sich dem Patriarchen von Konstantinopel untergeordnet.

Putin möchte die dissidenten Schafe nun mit der neuen Kathedrale unter das russische Dach zurückführen. Das ist ihm 170 Millionen Euro wert: Soviel kostete die neue, unweit des Eiffelturm gelegene Kathedrale, die im Pariser Volksmund bereits "Sankt Wladimir" heißt.

Alles war also bereit für die – scheinbar religiöse – Einweihung. Doch jetzt lässt sich Zeremonienmeister Puntin entschuldigen. Am Dienstag hat der Kreml mitgeteilt, dass der russische Präsident am kommenden Mittwoch nicht nach Paris reisen werde. Auf eine Journalistenfrage, warum, antwortete ein Sprecher Putin, das müsse man die Franzosen fragen.

Streit im Uno-Sicherheitsrat

Der Grund für die brüske Absage ist der Syrien-Krieg. Die französische Diplomatie geißelt die russischen Bombenabwürfe auf Aleppo als "Kriegsverbrechen". Ein französischer Vorstoß im Uno-Sicherheitsrat scheiterte am Veto Moskaus. Außenminister Jean-Mac Ayrault meinte darauf, Putin werde in Paris "nicht für einen mondänen Anlass erwartet, sondern um Klartext zu sprechen". Präsident François Hollande ließ verbreiten, er zögere noch, ob er Putin überhaupt empfangen solle; und wenn, wolle er mit ihm nur über Syrien reden. Worauf Putin dem französischen Zögern ein Ende bereitete und seine Reise an die Seine kurzerhand absagte.

Ob die Annullierung definitiv ist, muss sich noch weisen. In der Sache ist durch Putins Entscheidung nicht viel verloren: Hollande wird ihn ohnehin noch am gleichen Tag in Berlin treffen, wo die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu einem Dinner zum Thema Ukraine lädt. Hollande meinte am Dienstag, er sei weiterhin "jederzeit bereit" zu einem Treffen mit Putin, sofern dies "dem Frieden förderlich" sei. Gerade dies scheint aber nicht das erste Anliegen des Kreml-Chefs zu sein. Statt sich westliche Einwände anzuhören, sucht Putin derzeit lieber Absprachen mit der Türkei, Iran oder den ölfördernden Staaten. Den Verzicht auf die Einweihung der russischen Kathedrale in Paris verschmerzt er. Möglicherweise sagte er sich ganz pragmatisch, dass es sogar besser sei, in Paris durch Abwesenheit zu glänzen, um die exilierten Russen in die Arme der russisch-orthodoxen Kirche zurückzuholen. (Stefan Brändle, 11.10.2016)

Share if you care.