"Paper Mario: Color Splash" im Test: Super süß, aber super unsexy

15. Oktober 2016, 11:00
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Nintendos letztes exklusives Wii U-Game ist ein kunterbuntes Abenteuer mit sehr viel Charme

Nintendo beschert seiner unwürdig gefloppten Konsole Wii U einen farbenfrohen Abgesang. Bevor Link im Frühjahr durch die wilden Weiten von Hyrule in "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" wandert, darf vorher nochmal der beliebte Klempner Mario ran. Das letzte Mario-Game für den Lebensabend der Konsole, "Paper Mario: Color Splash", ist ein farbenfrohes Spektakel im Papierformat. Es ist bunt, es ist einfach, es ist liebenswürdig und es besitzt graphische wie designtechnische Finessen, die ebenbürtig mit Nintendos feinsten Werken sind.

Nichtsdestrotz ist "Color Splash", wie das Farbmischen in einem Malkasten gleich, eine seltsame Mischung aus Jump 'n' Run und Rollenspiel. Es weiß nicht ganz wohin. Nintendo versucht zwar, mit "Color Splash" verschiedene Farben zu vermengen, doch anstatt aus blau und gelb gleich grün zu machen, mischen die Japaner zu viele Nuancen zusammen und kreieren ein undefinierbares Couleur.

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Video: Gameplay-Trailer zu "Paper Mario".

Super Mario Maler

In "Paper Mario: Color Splash" ist Super Mario ein Farbakrobat. Eine entlegene Insel wird von Farbdieben heimgesucht, die mit Strohalmen der malerischen Szenerie das Kolorit aussaugen. Hinter der Entbuntungsaktion steckt Erzbösewicht Bowser, der die Macht der schwarzen Farbe für sich entdeckt hat und damit die Welt zu erobern versucht. Im Kampf zwischen Klempner und Kröte verwickelt ist wie immer Prinzessin Peach, die es zu retten gilt. Nebenbei sucht Mario nach sieben Farbsternen, um der Welt ihren Farbglanz wieder zu verleihen.

Griff in den Farbeimer

Prisma-Island ist übersäht mit weißen Flecken. Papier-Mario erhält Unterstützung des quasselnden Farbeimers Farbian, der Mario und seinem Hammer die Macht verleiht, die Insel ihre Farbe wiederzubringen. Per Hammerschlag lassen sich Blumen einfärben, Wände bemalen und farblose Toads wieder zum Leben erwecken. Als Dank erhält man Münzen, Farbe oder Ratschläge.

Die magische Kolorierung ist aber nicht nur dazu da, um optisch unansprechende Stellen der Insel kosmetisch zu verschönern, sondern natürlich auch um Rätsel zu lösen oder Hindernisse zu überwinden. So bemalt Papier-Mario in einer Stelle eine Tür, um einen Weg ins nächste Gebiet freizumachen oder befüllt Brücken mit Farbe um sie überqueren zu können.

Schere, Karton, Papier

Neben der Färbung per Hammer kann Mario auch noch im Laufe des Games das Ausschneiden lernen. Dabei werden unüberwindbare Hindernisse einfach mit einer Schere ausgeschnitten und voilà, schon überwindet man einen Abgrund oder schafft sich eine Brücke über unwegsames Wasser. Dazu passend ist der gesamte Stil des Games: Neben der titelgebenden Papieroptik besteht die ganze Welt in "Color Splash" aus Karton. Das Ganze erinnert an ein Pop-up-Buch aus der Kinderabteilung eines Bücherladens um die Ecke.

Super süß, aber super unsexy

Das ist ein Problem von "Paper Mario: Color Splash". Es ist super süß, aber super unsexy. Es schaut einfach zu schön aus, um wirklich ernstgenommen zu werden. Man selbst fühlt sich viel zu alt für das Spiel. Wo "Super Mario" per se schon ein familienfreundliches Spiel ist, ist "Paper Mario" der kleine Bruder, der alles darf, oder viel ausprobiert und eben noch immer über den Rand hinaus malt.

Die Niedlichkeit des wirklich superben Designs überdeckt die zahlreichen Mängel, die das Spiel hat. Dadurch, dass "Paper Mario" alles darf, weiß man auch nicht wirklich, wo das Hybrid-Game am Ende hin will. Es ist weder Jump‘ n Run, noch Rollenspiel. Natürlich ist es gut, wenn sich ein Spiel probiert und sich nicht in die vorgegeben Schubladen stecken lässt, doch bei "Paper Mario" wirkt alles eher zusammengeworfen und nach "Schau ma mal, dann seh ma eh"-Mentalität.

Mischmasch

Die Welten können in klassischer Mario-Manier erkundet werden und machen unglaublichen Spaß, trifft man auf Feinde, wird wie bei Rollenspielen üblich ein rundenbasierender Kampfmodus aktiviert. Dort muss man gesammelte Kampf-Karten verwenden, um sein Gegenüber zu attackieren. Hier nimmt "Paper Mario: Color Splash" Gebrauch vom Gamepad. Dort wählt man eine Karte aus, muss sie einfärben, und kann dann eingesetzt werden. Der Grad der Einfärbung bestimmt die Stärke der Karte.

Das alles klingt logisch und ist am Anfang interessant auszuprobieren, ermüdet aber nach kürzester Zeit. Das umständliche Hin-und-Her zwischen Bildschirm und Gamepad, das Auswählen der Karten, das Kolorieren und die verschiedenen Gesten für den Touch-Screen zögern einen Kampf einfach zu sehr in die Länge.

foto: nintendo
Mario springt durch eine Welt aus Papier und Karton.

Quasselnde Sidekicks

Was den Spielfluss weiters enorm verlangsamt sind die äußerst gesprächigen Nebencharaktere – und das ist noch höflich ausgedrückt. Die Dialoge – zwar charmant und witzig – sind voll von unnötigen Informationen und erstrecken sich manchmal über Minuten. Am Anfang nervt auch der Sidekick Farbian, der gefühlt jede Minute darauf hinweist, dass man mit ihm sprechen kann, wenn man Hilfe benötigt. Farbian erinnert dabei an Links Begleiterin Navi aus "Ocarina of Time" – doch Navi gibt zumindest hilfreiche Hinweise, was man vom Farbtopf nicht behaupten kann.

Einfache Rätsel

Der Schwierigkeitsgrad von "Color Splash" hält sich familiengerecht in Grenzen. Manchmal gibt es Situationen, in denen man seinen Kopf zerbrechen muss, aber bereits nach kürzerer Zeit ist ein Rätsel gelöst. Meist ist es daran getan, nochmal in ein bereits zuvor bereistes Level zurückzukehren und nach Gegenständen zu suchen.

Ungewünschtes Spiel

"Paper Mario: Color Splash" bleibt Nintendos Stiefkind. Die unausgereifte Mischung aus Plattformer und RPG geben dem Spiel einen fahlen Geschmack. Grund dahinter ist Nintendos seltsame Strategie aus der einstigen Rollenspielserie "Paper Mario" ein Jump 'n' Run zu machen. Die konzerninterne Politik will nur ein Mario-zentriertes RPG im Repertoire haben und das ist die Handheld-Serie "Mario & Luigi". Dass gerade "Paper Mario" dem zum Opfer fällt kommt bei den Fans gar nicht gut an. Eine Petition wurde bei der Ankündigung von "Color Splash" eingereicht, die Nintendo dazu zwingen sollte, das Spiel nicht zu veröffentlichen. Laut Unterschriftenliste sei das neue "Paper Mario" etwas, was die Spieler nicht haben wollen.

Fazit

Nichtsdestotrotz: "Paper Mario: Color Splash" ist ein Farbtupfer, der die tristen Herbsttage verschönert. Es ist ein unterhaltsames Spiel, das eine wunderschöne, kreative Welt erzeugt, in der die Charaktere charmant sind, obwohl sie zu viel reden. Das Gameplay ist unausgereift, das Karten-Kampfsystem schleppend und ermüdend, dennoch kommt man nicht umhin, dass die ganze Aufmachung einen in die Farbwelt von "Paper Mario" einsaugt – vielleicht ist es ja die Mischung, die es macht. Wie Bob Ross, berühmter TV-Kunstlehrer es so schön ausdrückte: "Man braucht die Gegensätze dunkel und hell, hell und dunkel in Gemälden. Es ist wie im Leben." (Kevin Recher, 15.10.2016)

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