Sprengstoff TATP: "Die Mutter des Satans" verbindet Chemnitz mit Paris

10. Oktober 2016, 17:20
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Triacetontriperoxid gilt in Ermittlerkreisen als besonders gefährlich. Es wurde in Chemnitz ebenso gefunden wie 2015 in Paris

Das weiße Pulver ist leicht, relativ unverdächtig und schwer zu erschnüffeln, weshalb die Spürhunde der deutschen Bundespolizei seit 2013 nicht mehr darauf abgerichtet werden. Und es kann einfach und mit leicht erhältlichen Mitteln hergestellt werden – so wie es offenbar auch der verhaftete mutmaßliche IS-Anhänger Jaber A. getan hat, in dessen Chemnitzer Wohnung Ermittler die "hochbrisante"_Substanz am Samstag fanden.

Seinen Spitznamen "Mutter des Satans" hatte Triacetontriperoxid – kurz TATP – aber schon, bevor es zu einem der beliebtesten Sprengmittel der IS-Terroristen im Irak, in Syrien und in Europa wurde. Und zwar wegen seiner Eigenschaften.

Versehen leicht möglich – und fatal

Denn damit TATP seine zerstörerische Wirkung entfaltet, ist nicht viel nötig: Etwas Wärmeentwicklung kann für eine Explosion reichen, schon die Reibung, die beim Drehen einer Schraube entsteht, genügt ebenfalls. Auch dann, wenn TATP nass wird, behält es seine fatale Wirkung, die sich im Fall einer Explosion fast ausschließlich in einer enormen Druckwelle, nicht aber in Hitzeentwicklung entlädt.

Das ist auch der Grund, weshalb sich das 1885 vom deutschen Chemiker Richard Wolffenstein entdeckte Material für konventionelle Verwendung kaum eignet – und warum aus dem 1925 als Initialsprengstoff zum deutschen Patent gemeldeten Material nie ein Industrieerfolg wurde.

Was den Selbstmordattentäter nicht schreckt

Potenzielle Selbstmordattentäter lassen sich von dieser Gefahr freilich wesentlich schwerer abschrecken, weshalb der Todesstoff TATP vor allem in Kreisen islamistischer Terrorgruppen eine Wiederauferstehung erlebt: Der gescheiterte Flugzeug- "Schuhbomber" Richard Reid hatte 2006 noch vergeblich versucht, an Bord einer Boeing 767 eine TATP-ähnliche Mischung in die Luft zu jagen. Nach den Anschlägen von Paris und Brüssel wurde in den Rückständen der Sprengwesten und Koffer ebenfalls Triacetontriperoxid gefunden.

Trotz der Gemeinsamkeit: Ein direkter Connex zwischen Chemnitz und den Zellen in der französischen und belgischen Hauptstadt lässt sich allein durch die Wahl von TATP nicht herstellen – denn Anleitungen zur Herstellung finden sich auf einschlägigen Internetseiten zuhauf.

Jedenfalls erklärt der Fund von TATP aber die Nervosität und Eile, mit der die Ermittler vor der kontrollierten Sprengung am Freitag große Teile der Wohnungsanlage räumten, in der Jaber A. die Mischung angerührt hatte. Dass die Nachbarn die Herstellung unbeschadet überstanden, gilt schon für sich als Glücksfall. (mesc, red, 10.10.2016)

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