Syrer übergaben terrorverdächtigen Landsmann der Polizei

10. Oktober 2016, 21:21
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Die deutschlandweite Terrorfahndung endete in der Nacht auf Montag in Leipzig. Der 22-Jährige soll Kontakt zum IS gehabt und eine Sprengstoffweste gebastelt haben

Das Lob kam von ganz oben. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sachsens Innenminister Stanislaw Tillich (beide CDU) dankten am Montag jenen Menschen, die dazu beigetragen hatten, den seit Freitag gesuchten mutmaßlichen Terroristen aus Syrien, Jaber A., zu schnappen. Der Dank ging allerdings nicht alleine an die Einsatzkräfte der Polizei, sondern vor allem an zwei Syrer, die in Leipzig leben und den verdächtigen Landsmann kurzerhand überwältigten und dann gleich gefesselt der Polizei übergaben.

"Uns ist ein Riesenstein vom Herzen gefallen", bekannte der Präsident des Landeskriminalamtes Sachsen, Jörg Michaelis, bei der Pressekonferenz nach der Festnahme. Und Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) betonte, "wie bedeutsam die Unterstützung durch die Bevölkerung ist".

Doch zunächst wussten weder die Mitbewohner in jenem Chemnitzer Mehrfamilienhaus, in dem der Mann lebte, noch die Menschen in Leipzig, wohin er schließlich flüchtete, etwas über A. Der Syrer ist 22 Jahre alt, er reiste am 19. Februar 2015 – also noch vor der großen Flüchtlingswelle – laut Spiegel online illegal nach Deutschland ein und landete zunächst in München. Von dort kam er rasch weiter ins sächsische Chemnitz, wo er einen Asylantrag stellte. Diesem wurde am 9. Juli 2015 vom Bundesamt für Migration (Bamf) stattgegeben.

Erste Hinweise Mitte September

Laut LKA-Chef Michaelis bekam das Bundesamt für Verfassungsschutz ab Mitte September dieses Jahres erste "vage Hinweise", dass A., der bis dahin unauffällig gelebt hatte, einen Terroranschlag vorbereite. In der Vorwoche verdichteten sich dann die Hinweise, der Syrer wurde rund um die Uhr observiert, am Freitagabend entschied sich die Polizei zum Zugriff.

Doch der 22-Jährige ging ihr zunächst durch die Lappen, was Michaelis so erklärte: Die Einsatzkräfte vor Ort hätten nicht gewusst, in welcher Wohnung des Chemnitzer Mehrfamilienhauses sich der Verdächtige befand. Eine Evakuierung des Gebäudes habe man nicht durchführen wollen, um den Mann nicht durch Geräusche auf die Spezialkräfte aufmerksam zu machen.

Man entschied sich für die Zugriffsvariante außerhalb des Baus. Als am Samstag um sieben Uhr morgens ein Mann das Haus verließ, gab die Polizei einen Warnschuss ab. Es sei bis jetzt nicht klar, ob dies überhaupt der Verdächtige war. Jedenfalls flüchtete der Mann. Die Polizisten konn- ten mit ihren 30-Kilogramm-Schutzwesten nicht schnell genug hinterherlaufen.

Als die Polizei dann in die "Täterwohnung" eindrang, fand sie dort mehrere Hundert Gramm "sprengstoffträchtige Substanzen". A. habe dazu auch im Internet recherchiert. Laut den Ermittlern handelt es sich um die gleiche Art wie bei den Terroranschlägen von Brüssel und Paris (siehe Artikel unten). Michaelis: "Der Sprengstoff war kurz vor der Fertigstellung oder bereits einsatzbereit" – möglicherweise in Form einer Sprengstoffweste.

Parallelen zu Paris und Brüssel

Auf die Parallelen weist auch der deutsche Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hin: "Die Vorbereitungen in Chemnitz ähneln nach allem, was wir heute wissen, den Vorbereitungen zu den Anschlägen in Paris und Brüssel." Deutschland stehe "unverändert im Zielspektrum des internationalen Terrorismus", sagte er und erklärte auch: "Die Ermittlungen zeigen, dass solche Taten, wie wir sie in Frankreich und Belgien gesehen haben, auch in Deutschland nicht auszuschließen sind."

Michaelis betonte: "Das Vorgehen des Verdächtigen spricht für einen IS-Kontext." A. tauchte dann am Sonntag im rund 85 Kilometer entfernten Leipzig auf. Dort sprach er zwei Syrer an und bat um eine Übernachtungsmöglichkeit.

Die beiden Männer nahmen ihn mit. Doch als ihnen aufgrund der Fahndungsaufrufe klar wurde, wen sie bei sich auf der Couch sitzen hatten, überwältigten sie den Mann und verständigten die Polizei.

Der Syrer – er soll laut Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz geplant haben, einen Flughafen in Berlin zu attackieren – wurde am Montag dem Haftrichter vorgeführt. Die Ermittlungen hat die Generalbundesanwaltschaft, die oberste Anklagebehörde in Deutschland, übernommen. Gegen ihn wird wegen des Verdachts einer schweren, staatsgefährdenden Straftat ermittelt.

Das gilt auch für den zweiten, 33-jährigen Terrorverdächtigen, der bereits am Samstag am Chemnitzer Hauptbahnhof festgenommen wurde. Auch er stammt aus Syrien, er war am 25. November 2015 nach Deutschland gekommen, hatte im Dezember um Asyl angesucht und im März 2016 einen positiven Bescheid erhalten. (Birgit Baumann aus Berlin, 10.10.2016)

  • In einer Wohnung in Leipzig wurde der 22-jährige Syrer schließlich gefasst.
    foto: apa/afp/dpa/hendrik schmidt

    In einer Wohnung in Leipzig wurde der 22-jährige Syrer schließlich gefasst.

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