Burgenlands Handel profitiert von Ungarn

10. Oktober 2016, 16:57
68 Postings

Der Kaufkraftabfluss nach Niederösterreich und der Steiermark wird teils durch ungarische Kunden ausgeglichen. "Ohne die Ungarn würde es trist ausschauen bei uns", heißt es von der Wirtschaftskammer

Eisenstadt – Die burgenländische Ostgrenze ist seit längerem nicht mehr bloß im Gespräch, sondern richtiggehend im Gerede. Und das über die Flüchtlings- und Schlepperangelegenheiten hinaus. Die rot-blaue Landesregierung hat diesbezüglich ja auch die Arbeitnehmerfreizügigkeit entdeckt, um – nicht ganz ohne Grund – darauf herumzureiten.

Nicht weniger grundlos mahnt die Wirtschaftskammer da aber zu hoher Vorsicht: Die ökonomischen Verflechtungen gerade zwischen dem Burgenland und seinem einstigen Vorderland, Westungarn, seien nämlich so dicht geworden, dass sie sich wenig eignen dafür, leichtfertig auf dem Altar innenpolitischer Befindlichkeit geopfert zu werden.

Verschiedene Einkaufsgepflogenheiten

Ein guter Gradmesser für die bis in den Alltag reichende Verschränkung der Ökonomien sind die Einkaufsgepflogenheiten. Zum dritten Mal nach 2009 und 2013 wurde in der Eisenstädter Wirtschaftskammer eine umfangreiche Studie präsentiert, die sich die Einzelhandelsbilanz genauer ansieht. 1.500 Haushalte im Burgenland und den angrenzenden Komitaten Győr-Moson-Sopron, Vas und Zala wurden dahingehend befragt, wo sie bevorzugt ihr Geld ausgeben. Und das markanteste Fazit fasste der burgenländische Kammerchef Peter Nemeth so zusammen: "Ohne die Ungarn würde es trist ausschauen bei uns."

Im Detail klingt das dann so: Während das burgenländische Kaufkraftvolumen seit 2009 um 11,3 Prozent gestiegen ist, sank der im Land selbst verbliebene Teil von knapp 80 auf 75,6 Prozent. Damit liegt das Burgenland österreichweit an letzter Stelle.

Kaufkraftabfluss nach Niederösterreich

Hauptverantwortlich dafür, so Studienautor Georg Gumpinger, ist der immense Kaufkraftabfluss nach Niederösterreich und in die Steiermark. Gegenüber Niederösterreich vergrößerte sich das Defizit von 2009 bis heuer von 71 auf 110 Millionen Euro, gegenüber der Steiermark drehte der Handel von einem Plus von drei auf ein Minus von 33 Millionen.

Gegenüber Ungarn aber blieb die Bilanz stabil (100: 104 Millionen im Plus), im Detail ergaben sich freilich hochinteressante Abweichungen. Die Verflechtungen sind, so Gumpinger, "ganzheitlicher geworden". Es ist längst nicht mehr so, dass die Ungarn sich im Burgenland billigen Treibstoff oder hochwertige Sportausrüstung kaufen, während die Burgenländer drüben sich Haare, Nägel, Haut und Zähne behandeln lassen. Unangefochten an der Spitze des Kaufinteresses da wie dort sind Lebensmittel, gefolgt von Bekleidung.

Dienstleistungsabgleich

Ein Umstand hat die Studienautoren ganz besonders überrascht. Auf ungarischer Seite stieg auch die Nachfrage nach burgenländischen Dienstleistungen (+17 Prozent). Ärzte, Fitnessstudios, Reisebüros, Gebrauchtwagenhändler profitierten davon.

Freilich alles nichts gegen die Banken. "Die Nachfrage nach Finanzdienstleistungen ist regelrecht explodiert", sagt Georg Gumpinger. "2009 war das überhaupt kein Thema. Diesmal schon. 15 Prozent nutzen heimische Banken." Nicht nur forintflüchtige Zahnärzte, Szépségszalon-Betreiber und andere Unternehmer. Sondern vor allem jene ins Gerede gekommenen Pendler, die in Euro arbeiten und auf keinen Fall nur im immer noch sehr volatilen Forint sparen wollen.

Online legt zu

Schärfster Konkurrent ums burgenländische Geldbörsel sei aber sowieso keine Nachbarregion. Sondern das globale Dorf. Der Online-Handel stieg von 2009 bis heuer von zehn Prozent auf ein ganzes Viertel. Ein Ende ist da nicht absehbar. Gumpinger: "Das befindet sich alles noch in der Wachstumskurve."

Und online vollzieht sich ein "realer Kaufkraftabfluss, das Geld ist weg und kommt nicht mehr ins Burgenland zurück". Anders als bei den Nachbarn. Deren Wohlstand sei anzapfbar. Und wenn er was empfehlen dürfe, so empfiehlt Georg Gumpinger aus Schärding ("Dort ist es umgekehrt, wir tragen unser Geld nach Bayern"), sich die Ungarn nicht nur zur Brust, sondern zum Herzen zu nehmen. "Das sind gute Kunden. Man muss sie aber pflegen." (Wolfgang Weisgram, 10.10.2016)

Share if you care.