Bildungspolitik: Ein Bumerang aus Vorarlberg

Kommentar der anderen10. Oktober 2016, 17:22
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In der österreichischen Bildungspolitik gibt es viel Humbug, der seinen Weg auf geduldiges Papier gefunden hat. Eine Anregung, es einmal mit einer Reform vom Westen her zu versuchen – und nicht umgekehrt

Unterrichtsministerin Sonja Hammerschmid erklärte vor kurzem in einem Interview, dass sie zwar "an sich" für die Gesamtschule sei, dass ihre "großen Themen" jedoch Ganztagsschule und Schulautonomie wären. Beide Reformvorhaben sind nicht nur sinnvoll, sondern überfällig.

In vielen Ländern sind ganztägige Schulen generell hochgeschätzt und so selbstverständlich, dass es dafür nicht einmal ein eigenes Wort gibt, und dass Schulen mehr professionelle Selbstbestimmung und weniger bürokratische Gängelung brauchen, steht auch außer Frage. Unglücklicherweise lösen diese ministeriellen Prioritäten jedoch nicht das strukturelle Grundproblem des österreichischen Schulwesens, die zu frühe unzuverlässige und sozial unfaire Auslese für die AHS im Alter von zehn Jahren. Diese Malaise kann nur auf der nationalen Ebene und nicht in autonomen Schulen beseitigt werden.

Ministerin Hammerschmid geht es bei ihrem Versuch, das leidige Gesamtschulproblem zu verdrängen, wie dem australischen Ureinwohner, der seinen alten Bumerang wegwerfen möchte, welcher (angeblich) immer wieder zurückkommt. Der Ministerin wird nämlich zurzeit erneut die Gretchenfrage "Nun sag, wie hast du's mit der Gesamtschule?" gestellt, und zwar gleich zweimal. Da gibt es zum einen das Projekt des Landes Vorarlberg, alle Schulen der Sekundarstufe I des Landes, inklusive aller AHS-Unterstufen, in gesamtschulische Mittelschulen umzuwandeln, und zweitens soll am 18. Oktober entschieden werden, was aus dem konfusen Kompromiss wird, mit dem sich vor einem Jahr Ex-Ministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) und Staatssekretär Mahrer (ÖVP) auf sogenannte Modellregionen geeinigt haben.

Dass ein derart unüberlegtes Vorhaben wie diese Modellregionen Eingang finden konnte in das "Bildungsreformpaket" vom 17. November 2015 und dem Ministerrat vorgelegt wurde, ist ein beängstigender Beleg für die Konzeptlosigkeit und Leichtfertigkeit der österreichischen Bildungspolitik. Das Papier der Bildungsreformkommission ist voller Widersprüche und Unklarheiten: Man erfährt darin weder, was "Modellregionen" sind, noch, welchen Sinn sie haben sollen.

Da heißt es einerseits, dass in Modellregionen (befremdlicherweise ist von der Schule der Sechs- bis 14-Jährigen die Rede) alle Schulen der Region eingebunden sein sollen und eine "gleichmäßige Verteilung ... der Schülerinnen und Schüler aller Leistungsspektren auf die Standorte der Modellregionen" beabsichtigt ist, dass aber "in keinem Bundesland die Gesamtzahl der Schulen 15 Prozent aller Standorte der jeweiligen Schulart sowie 15 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der jeweiligen Schulart überschreiten darf". Was soll die Begrenzung auf 15 Prozent?

Wie können bei solchen Vorgaben kohärente Großsprengel (= Regionen?) entstehen, innerhalb deren sich die beabsichtigte "gute Durchmischung der Kinder" realisieren lässt? Der Satz "Bestehende Standorte sind nicht einzurechnen" lässt sich überhaupt nur mit einer Enigma-Maschine dekryptieren. Nach welchen Kriterien können, dürfen, müssen sich die Regionen oder ihre Modelle unterscheiden?

Was evaluieren?

Und was soll im Jahr 2025 (!) evaluiert werden, was man schon seit Jahrzehnten weiß? Dass die Noten der vierten Volksschulklasse und Lehrerempfehlungen sehr unverlässliche Ausleseinstrumente sind, ist seit dem 1972 von Peter Seidl herausgegebenen Buch Ausleseschule oder Gesamtschule? hinlänglich bewiesen. Dass sich kindliche Begabungen bis zum Ende der Pubertät entwickeln und differenzieren, weiß man seit dem umfangreichen, 1966 publizierten Gutachten des Deutschen Bildungsrates "Begabung und Lernen" und aus der neueren Hirnforschung. Dass die Auslese mit zehn Jahren außerschulische, sozialschichtspezifische Chancenungleichheit verstärkt, wird unter anderem durch die Nationalen Bildungsberichte vielfach belegt. Dass die Parallelität von AHS und Hauptschule bzw. Neuer Mittelschule (NMS) nicht nur sehr teuer, sondern auch sehr ineffizient ist, weist der Rechnungshof immer wieder nach. Dass es negativ ausgelesenen Neuen Mittelschulen kaum gelingt, eine starke, anregende Lernkultur zu entwickeln, ist einer der ernüchternden Befunde der heuer im Frühjahr veröffentlichten NMS-Evaluierung.

Die Ministerin soll- te das "Modellregionen-Paket" als das behandeln, was es ist: ein unbeholfener, peinlicher Versuch der ÖVP-Mitglieder der Bildungsreformkommission, "to kick the problem into the long grass", d. h. durch nicht realisierbare Initiativen eine echte Gesamtschulreform bis auf weiteres zu verhindern; sie sollte es gnädig im ministeriellen Papierkorb versenken.

Das würde es ihr ermöglichen, sich auf das wohlüberlegte, ausgereifte Reformkonzept zu konzentrieren, das eine von der Vorarlberger Landesregierung eingesetzte Forschungsgruppe erarbeitet hat. Die Experten um die Vizerektorin der PH Vorarlberg, Gabriele Böheim-Galehr, sind auf vorbildliche Weise mit "skandinavischer" (oder alemannischer?) Rationalität und Gründlichkeit vorgegangen: Sie haben den schulischen Status quo Vorarlbergs erhoben, die Erwartungen und Einstellungen von Schüler/-innen, Eltern und Lehrer/-innen erkundet, die unterschiedlichen Bildungskarrieren im urbanisierten Rheintal und in den Bregenzerwälder Talschaften aufgezeigt und auf dieser soliden Faktenbasis die Empfehlung abgegeben, das Land Vorarlberg möge "mittelfristig landesweit eine gemeinsame Schule von der 5. bis zur 8. Schulstufe auf der Basis von Individualisierung bzw. Personalisierung und innerer Differenzierung" einrichten. Nüchtern und umsichtig werden auch die unabdingbaren Voraussetzungen und Rahmenbedingungen identifiziert, in deren Zentrum die Befähigung der Lehrerschaft steht, auf Basis innerer Differenzierung individualisiert und personalisiert zu unterrichten. Während die große Mehrheit der Vorarlberger Bevölkerung positiv zur Gesamtschule eingestellt ist, identifizierten die Forscher eine relativ kleine, aber wortgewaltige Gruppe, die eine Reform entschieden ablehnt: die AHS-Lehrerschaft, die um ihren "Professoren"-Status und um die Erhaltung ihrer begünstigten Arbeit mit einer auserlesenen Schülerschaft fürchtet.

ÖVP-Modellregion

Wie wäre es, wenn die SPÖ-Ministerin das ÖVP-regierte Vorarlberg zur Gesamtschulmodellregion designieren würde? Sie könnte "in einem Aufwaschen" die ganz ähnlichen Pläne des ebenfalls ÖVP-regierten Landes Tirol aufgreifen, im Zillertal, in Osttirol und diesseits des Arlbergs größere Gesamtschulsprengel einzurichten. Ministerin Hammerschmid würde mit so einer die herkömmlichen bildungspolitischen "Lager" durcheinanderwirbelnden Initiative einen Big Bang auslösen, der auch die sozialdemokratischen Landeshauptleute des Burgenlandes und Kärntens, die ja wie die Ministerin "an sich" auch für die Gesamtschule sein dürften, aus ihrem bildungspolitischen Dornröschenschlaf wecken würde. (Karl Heinz Gruber, 10.10.2016)

Karl Heinz Gruber (Jahrgang 1942) ist Altordinarius für Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Wien.

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