GÖD-Chef Neugebauer beklagt Mieselsucht und lobt Sozialpartnerschaft

10. Oktober 2016, 21:03
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Der Langzeitvorsitzende der Beamtengewerkschaft übergibt an Norbert Schnedl, bleibt aber in Vorstand und Präsidium

Wien – Es kommt wohl nicht oft vor, dass Bundeskanzler und Vizekanzler im selben Haus auftreten – und dass Reinhold Mitterlehner dabei auf ein größeres und interessierteres Publikum trifft als Christian Kern. Dass das am Montag im Austria Center so war, hängt mit den Mehrheitsverhältnissen in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) zusammen – und mit dem Faktum, dass beim Fraktionstag der Christgewerkschafter im zweiten Stock de facto auch über den künftigen Vorsitz der Beamtengewerkschaft entschieden wurde.

Klar: Hätte Fritz Neugebauer sich entschlossen, für eine weitere Vorsitzperiode zu kandidieren, er hätte eine überwältigende Mehrheit seiner Fraktion hinter sich. Das war in jeder Minute des Fraktionstags zu spüren.

Aber Neugebauer, der beim Fraktionstag seinen 72. Geburtstag gefeiert hat, zieht sich zurück.

Und das nicht ohne Abrechnung: 19 Jahre ist er an der Spitze der Beamtengewerkschaft gestanden – 15 Minister und Staatssekretäre hat er dabei als Gegenüber gehabt.

Er zählt sie alle auf, einer davon war sein Vorredner: Reinhold Lopatka, der seinerzeit als Finanzstaatssekretär Verhandlungspartner der GÖD gewesen ist. Und Lopatka hatte in seinen Grußworten nur Lob für Neugebauer: "Man müsste für jeden ÖVP-Spitzenpolitiker ein Seminar ansetzen: Verhandlungsführung mit Fritz Neugebauer. Danke für den Nachhilfeunterricht."

Tatsächlich, sagt Neugebauer, müssten alle Dienstgebervertreter erst einmal das Wesen des öffentlichen Dienstes und sozialpartnerschaftlicher Verhandlungen lernen: "Wir brauchen immer ein Jahr, bis wir die angelernt haben."

Das hänge auch mit der Schwäche der Regierenden zusammen, "wir haben kein gutes Visavis in der Regierung". Insbesondere der SPÖ liest er die Leviten: Es widerspricht dem Verständnis der Beamten von korrektem Umgang, dass die Genossen den Bundeskanzler am 1. Mai ausgepfiffen haben und "dass man den amtierenden Bundeskanzler aus dem Amt jagt".

Generell beklagt Neugebauer die negative Sicht, die sich in Österreich breitmacht: "Wenn man sich den Boulevard zu Gemüte führt, bekommt man den Eindruck, dieses Land stünde am Abgrund." Das sei aber ein Zerrbild: "Wenn man Revue passieren lässt, was in diesem Land funktioniert, dann ist es der Öffentliche Dienst. Wir sind der Gegenpol zur Mieselsucht."

Der Ruf nach dem "starken Mann" habe auch damit zu tun, dass die Regierenden (aber auch die Kirchenvertreter) ein bisschen die Bodenhaftung verloren hätten.

Und dass sie sich feige versteckten, wenn es Entscheidungen zu vertreten gibt. Während Kern im Untergeschoß bei der sozialdemokratischen Fraktion seinen Kurs zum Freihandelsabkommen Ceta verteidigte, erklärte im Obergeschoß Neugebauer, dass man die Menschen nicht zu Dingen befragen dürfte, von denen sie nichts verstünden.

Demokratie lebe aber auch vom Streit – wenn dieser aus der Leidenschaft geführt werde, gemeinsam etwas weiterzubringen. In diesem Sinne stelle die Sozialpartnerschaft einen Wert dar, "wer sich dem sozialen Dialog verweigert, verstößt gegen europäisches Recht. Wir lassen uns nicht vom Tisch des sozialen Dialogs verdrängen."

Für die Wahl seines Nachfolgers Norbert Schnedl warb er: "Wer vorn steht, braucht Gefolgschaft." In der roten Minderheitsfraktion gab es diese Geschlossenheit hinter Hannes Gruber. (Conrad Seidl, 10.10.2016)

  • Ein gewerkschaftliches Urgestein geht ab: Neugebauer am Montag im Austria Center.
    foto: matthias cremer

    Ein gewerkschaftliches Urgestein geht ab: Neugebauer am Montag im Austria Center.

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