Wenn das digitale Zeitalter die Geschichte neu schreibt

Interview10. Oktober 2016, 15:42
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Der Lehrgangsleiter für das neue Studium "Zeitgeschichte und Medien", Oliver Rathkolb, über die Rolle der Universität in Zeiten wachsenden Misstrauens gegenüber den Medien. Das Gespräch führte Heinrich Matis

Die Digitalisierung verändert nicht nur Produktionsstraßen und medizinische Behandlungsmethoden, sie ist ebenso als gesellschaftliches Phänomen spürbar – etwa im Hinblick auf den Umgang der Gesellschaft mit Medien und Information. Durch den Vormarsch neuer medialer Formate im Internet sowie sozialer Netzwerke ist das Monopol der Berichterstattung vergangener Jahrzehnte aufgebrochen. Wo früher eine eindeutige Senderichtung vom Medium zum Publikum herrschte, steht es heute prinzipiell Einzelpersonen frei, ihrer Sichtweise im Internet Gehör zu verschaffen.

Einerseits kann man es im Sinne eines gesunden Meinungspluralismus nur begrüßen, dass die Infrastruktur eines Medienkonzerns nicht mehr zwingend notwendig ist, um seinen Standpunkt einer mehr oder weniger breiten Öffentlichkeit kundzutun – andererseits birgt das Fehlen von Kontrollmechanismen und Faktenchecks, zu denen sich professioneller Qualitätsjournalismus in der Regel verpflichtet sieht, einige Gefahren.

Zeithistoriker Oliver Rathkolb sieht im neu ausgerichteten, interdisziplinären Studiengang Zeitgeschichte und Medien eine gelungene Möglichkeit für die universitäre Lehre, einen Beitrag zu verantwortungsvollem Umgang mit Medien und der Wirklichkeit, die sie schaffen, zu leisten.

uni:view: Am Institut für Zeitgeschichte startet im Wintersemester 2016/17 ein neuer Masterstudiengang, der gemäß seines Titels Zeitgeschichte und Medien miteinander verbindet. Wie kam der Stein ins Rollen?

Oliver Rathkolb: Nachdem der ursprüngliche Master Zeitgeschichte eingestellt wurde, bot sich die Möglichkeit, den Studiengang inter- und transdisziplinär neu aufzusetzen. Also haben wir den Stier bei den Hörnern gepackt. Der neue Studiengang zeichnet sich durch einen wesentlich breiteren, weil fächerübergreifenden Zugang zu Theorien und Methoden aus – rund um Fragestellungen der Medien und Zeitgeschichte. Grundsätzlich richtet sich das MA-Studium an Bachelor-AbsolventInnen der Geistes- und Sozialwissenschaften, wobei es auch auch für fachfremde AbsolventInnen prinzipiell in Frage kommt – eine breitere Berechtigung zum Master ist durch dessen interdisziplinäre Ausrichtung ermöglicht.

uni:view: Braucht unsere Gesellschaft einen neuen Zugang zur Zeitgeschichte?

Rathkolb: Wir leben in einer relativ merkwürdigen Zeit, was die Medien- und Politiklandschaft betrifft. Auf der einen Seite bleibt kein Stein auf dem anderen – Phänomene wie die Globalisierung oder die digitale Revolution spielen da eine Rolle – gleichzeitig ist eine fast schon unüberschaubare Rückkehr von historischen Themen und Versatzstücken zu erkennen. Man hat das Gefühl, die Gesellschaft flüchtet wieder in die Geschichte zurück, um in der Gegenwart sowie mit der Zukunft zurecht zu kommen. Dabei entstehen teilweise wirklich krude historische Vorstellungen.

Dieser Master soll durchaus auch inhaltlich für Klarheit sorgen, Fehlinterpretationen der Geschichte entgegenwirken. Dass dies auch außerhalb der Universität Wien als notwendig erachtet wird, zeigt beispielsweise ein aktuelles Projekt der Humboldt-Universität zu Berlin: Dort versucht man aktiv aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften heraus, diversen Verschwörungstheorien, die sich historischer Versatzstücke bedienen, in sozialen Medien wie Facebook entgegenzuwirken. Und zwar, indem man mit knappen, gründlich recherchierten und gut geschriebenen Aufklärungsinformationen dagegenhält. Wenn unser neuer Studiengang sich erst einmal eingeführt hat, wäre das sicherlich auch für uns etwas Spannendes – sowohl für die Studierenden, als auch für Lehrende und PraktikerInnen.

uni:view: Beobachtet man gesellschaftliche Debatten der letzten Zeit, kann man schnell den Eindruck bekommen, dass viele Menschen den Medien sehr kritisch gegenüberstehen. Wie lässt sich dieses wachsende Misstrauen historisch einordnen?

Rathkolb: Im Zuge der diesjährigen Sommerhochschule beschäftigte ich mich mit dem Thema "Lügenpresse" und beleuchtete den historischen Hintergrund des Phänomens sowie dessen Anfänge und Wiederholungen. Das Interessante daran ist, dass dieses Misstrauen in die mediale Berichterstattung bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 stark durch die damalige Globalisierung geprägt war. In diesen Dekaden vor 1914 beginnt eine Lügenpresse-Debatte, die interessanterweise während des Kriegs wieder abnimmt, jedoch zwischen den Weltkriegen und in der Frühphase des Zweiten Weltkriegs wieder aufflammt. Gewisse Parallelen in der Entstehung dieses Misstrauens scheinen vorhanden zu sein.

Schon vor 1914 waren die Menschen durch die technologischen Quantensprünge im Bereich der Informationsübertragung (Telegraph, Telefon, etc.) und des Transports (Autos, Flugzeuge) total überfordert. Die Städte explodierten und es gab heftige Migrationsdebatten – nicht nur im Wien des Karl Lueger. Manche sprachen auch von einem "nervösen Zeitalter" und es ist kein Zufall, dass die Psychoanalyse ihre erste Entwicklungsphase durchmachte.

Heute in der zweiten Globalisierung haben wir ein vergleichbares "nervöses Zeitalter" mit höchst emotionalisierten – häufig irrationalen – politischen Debatten und Mehrheitsentscheidungen, wie auch das Votum für den Brexit gezeigt hat. Aber auch der aktuelle US-Präsidentschaftswahlkampf zeigt, wie destabilisiert die Gesellschaft in den USA ist und wie mit Verschwörungstheorien aggressive Vorurteile bis zu offensichtlichen politischen Lügen Wählermassen mobilisiert werden können!

uni:view: In sozialen Netzwerken macht sich zusätzlich zu jenem Misstrauen ein Zuwachs in Sachen Hasskommentaren oder sogenannter "hate speech" bemerkbar. Kann die Universität, bzw. die Wissenschaft an sich, einen Beitrag zur Rückkehr zu sachlichen Debatten leisten?

Rathkolb: Meiner Meinung nach bedarf es der Entwicklung von Modellen, mithilfe derer in die "hate speech"-Welt eingedrungen werden kann – wie etwa das bereits genannte Beispiel der Humboldt-Universität zu Berlin. Denn das Problem liegt darin, dass wir stets glauben, es genüge, tolle Essays, Semesterfragen oder ähnliche wissenschaftliche Auseinandersetzungen zu verfassen. Ehrlich gesagt predigen wir damit zu den bereits Überzeugten. Ich glaube, es ist an der Zeit, in diesem Zusammenhang die Reste des universitären Talars abzustreifen und zu versuchen, gerade mit den jungen KollegInnen in diesen inzwischen sehr internationalen Diskurs einzusteigen. Dabei handelt es sich um eine Sprache und dazugehörige Modelle, die sich von Grund auf vom konventionellen Geschichtsverständnis unterscheiden – aber ich bin der Meinung, dass dazu eine vom wissenschaftlichen Nachwuchs aufgeladene Gegenwelt erst entwickelt werden muss.

uni:view: Wie schätzen Sie generell die Rolle der neuen Medien im gesellschaftlichen Diskurs ein?

Rathkolb: Im Bundespräsidentenwahlkampf war es heuer sehr interessant zu beobachten, welche Rolle die digitalen, neuen Medien gespielt haben. Nicht so sehr, weil sie von den WahlwerberInnen so geschickt bespielt wurden – das gelingt meiner Meinung nach noch nicht wirklich, mit Ausnahme der FPÖ. Andererseits gab es wirklich interessante Netzwerke, die die öffentliche Debatte kreativ, positiv und demokratiepolitisch beeinflusst haben, ohne sozusagen von jemandem gesteuert zu werden. Das zentrale Problem liegt darin, dass die traditionellen Autoritäten wie politische Parteien, Printmedien und zunehmend auch interessanterweise das Fernsehen an Glaubwürdigkeit verlieren, indem sie als Lügenpresse "durcheinandergebeutelt" werden. Das Fernsehen galt früher als eines der glaubwürdigsten Medien, alles, was im Fernsehen lief, war positiv aufgeladen. Inwiefern das mit dem Vormarsch der neuen Medien zusammenhängt, ist eine spannende Entwicklung, mit der man sich auseinandersetzen muss.

Jedenfalls denke ich, die Schlüsselfrage dieser Thematik sowie unseres Lehrgangs lautet: "Wen erreichen wir noch?" In der aktuellen Phase der Globalisierung, in der wir uns befinden, scheinen die traditionellen, die Gesellschaft irgendwie moderierenden bzw. kontrollierenden Instanzen und Autoritäten zu zerbröseln – beobachtbar etwa auch am aktuellen Wahlkampf in den USA. Falschaussagen stellen kein Problem mehr in der politischen Arena dar. Ich glaube, dass man nun ein paar Schritte zurücktreten muss, um den Diskurs um diese Entwicklung fortsetzen und vertiefen zu können. Im Idealfall bietet unser Masterstudiengang einen Raum dafür.

(Heinrich Matis, uni:view, 05.10.2016)

Hinweis: Die "Semesterfrage" ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Kooperation mit der Universität Wien. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Oliver Rathkolb möchte mit dem neuen Studium "Zeitgeschichte und Medien" einen Beitrag zu verantwortungsvollem Umgang mit Medien leisten.
    foto: matthias cremer

    Oliver Rathkolb möchte mit dem neuen Studium "Zeitgeschichte und Medien" einen Beitrag zu verantwortungsvollem Umgang mit Medien leisten.

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